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Der verblasste Stern von Belgrad

Zirkus Europa: Mit dem Sieg des Europapokals der Landesmeister 1991 begann der sportliche Abstieg des Fußballklubs Roter Stern Belgrad

  • Von Sven Goldmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Anfang vom Ende einer großen Mannschaft: Roter Stern Belgrad feiert 1991 den Sieg im Landesmeisterpokal.
Der Anfang vom Ende einer großen Mannschaft: Roter Stern Belgrad feiert 1991 den Sieg im Landesmeisterpokal.

An diesem Mittwoch kommt der große Fußball zurück nach Belgrad. Na ja, nicht der ganz große Fußball, nicht Liverpool, Barcelona oder Bayern – Klubs, mit denen sich der Fudbalski Klub Crvena Zvezda schon gemessen hat. Der leicht verblasste Rote Stern empfängt Pjunik Jerewan, immerhin eine der bekanntesten Mannschaften Armeniens. Ausgespielt wird die dritte Qualifikationsrunde zur Champions League, die vorletzte Hürde auf dem Weg in das Allerheiligste im europäischen Fußball-Zirkus. Dort, wo der FK Roter Stern Belgrad mal den Takt angegeben hat.

Der Anfang vom Ende einer großen Mannschaft: Roter Stern Belgrad feiert 1991 den Sieg im Landesmeisterpokal.
Der Anfang vom Ende einer großen Mannschaft: Roter Stern Belgrad feiert 1991 den Sieg im Landesmeisterpokal.

Vor 31 Jahren leuchtete der Rote Stern nicht nur im Stadion Rajko Mitic, das in Belgrad alle nur Marakana nennen, weil es so ähnlich geschwungen ist wie die Fußball-Kathedrale in Rio de Janeiro. Im Sommer 1991 hieß die Champions League noch Europapokal der Landesmeister und der Regent residierte in Belgrad. Roter Stern bot eine Mannschaft auf, von der man sich heute schwer vorstellen kann, dass sie als Ansammlung von Namenlosen galt. In der Abwehr dirigierte Miodrag Belodedic, der den Landesmeisterpokal schon 1986 mit Steaua Bukarest gewonnen hatte, damals noch unter dem Namen Belodedici. Die Wirren der weltpolitischen Zeitenwende hatten den Angehörigen der serbischen Minderheit Rumäniens in die Heimat seiner Vorfahren gespült. Im Mittelfeld zog Robert Prosinecki die Fäden, ein gebürtiger Schwenninger, dessen Eltern aus Serbien und Kroatien kamen, was Anfang der Neunziger nichts Außergewöhnliches war, jedenfalls außerhalb jenes Landes, das damals noch Jugoslawien hieß. Ihm zur Seite stand der montenegrinische Stratege Dejan Savicevic, für das Toreschießen war der Mazedonier Darko Pancev zuständig.

Wie gut dieses Team war, bekam im Halbfinale der FC Bayern zu spüren. Beim Hinspiel im Münchner Olympiastadion schossen Pancev und Prosinecki einen sensationellen 2:1-Sieg heraus. Beim Rückspiel im Marakana reichte ein 2:2 zum Einzug ins Finale gegen die favorisierten Franzosen von Olympique Marseille, denen im Jahr eins nach dem WM-Titel ein gewisser Franz Beckenbauer als Sportdirektor diente. In Bari passierte 90 Minuten lang nicht viel, in der Verlängerung noch weniger. Im Elfmeterschießen aber trafen alle fünf Belgrader, und weil Manuel Amoros schon als erster französischer Schütze den Ball nicht im Tor unterbrachte, ging der Pokal nach Belgrad.

Es war der Anfang vom Ende dieser Mannschaft. Zum einen weckte der Siegeszug der nun nicht mehr Namenlosen Begehrlichkeiten in ganz Europa. Zum anderen kamen Serben, Kroaten, Montenegriner in der Ebene des Alltags längst nicht so gut miteinander aus wie ihre kickenden Landsleute auf dem Rasen des Belgrader Marakana. Der Balkankrieg machte Jugoslawien – oder das, was noch davon übrig war – zum Paria der Weltgemeinschaft. Das Nationalteam wurde international gesperrt und durfte 1992 nicht an der EM teilnehmen, Roter Stern musste sich aus allen internationalen Wettbewerben zurückziehen. Die Mannschaft zerfiel. Robert Prosinecki zog es zu Real Madrid, Dejan Savicevic zum AC Mailand, Darko Pancev zum Nachbarn Inter, Miodrag Belodedic zum FC Valencia.

So hell wie in jener Nacht von Bari sollte der Rote Stern nie wieder leuchten. Gerade zweimal hat es der Stolz Serbiens seitdem in die Gruppenphase der Champions League geschafft. Der große Fußball verirrt sich nur noch selten nach Belgrad. Am Mittwoch kommt Pjunik Jerewan.

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