Schulen für alle kommen nicht vom Fleck

Linke kritisiert schleppende Planungen für neue Gemeinschaftsschulen in Berlin

Das Modell Gemeinschaftsschulen soll inklusives und gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 13. Klasse ermöglichen.
Das Modell Gemeinschaftsschulen soll inklusives und gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 13. Klasse ermöglichen.

Eines der zentralen bildungspolitischen Projekte der in Berlin mitregierenden Linken kommt nur schleppend vom Fleck – die Gründung von neuen Gemeinschaftsschulen. Von den 97 Schulen, die berlinweit bis 2035 neu gebaut oder reaktiviert werden sollen, sind gerade mal 16 als Gemeinschaftsschule geplant. Das geht aus einer jetzt veröffentlichten Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine Schriftliche Anfrage der Linke-Abgeordneten Franziska Brychcy hervor. »Die Ergebnisse bedrücken uns ein wenig«, gibt die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus unumwunden zu.

Die Weiterentwicklung von Gemeinschaftsschulen, die ein inklusives und gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 13. Klasse ermöglichen sollen, ist seit 2016 Bestandteil der Koalitionsvereinbarungen von SPD, Grünen und Die Linke, wobei insbesondere Letztere beharrlich auf den Ausbau von Plätzen in den »Schulen für alle« drängen. Die Widerstände in den Bezirken waren zum Teil groß, der Ausbauerfolg folglich überschaubar. So sind bislang lediglich 24 der knapp 640 öffentlichen allgemeinbildenden Berliner Schulen Gemeinschaftsschulen. Hinzu kommen nach Auskunft der Bildungsverwaltung 18 Schulen in freier Trägerschaft.

Folgt man den Zahlen des Senats, wird es zumal im öffentlichen Bereich in diesem Schneckentempo weitergehen. In vier Bezirken jedoch nicht einmal das. Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg, Marzahn-Hellersdorf und das in der Vergangenheit besonders vehement gegen die vermeintliche »Gleichmacherei« in der »Einheitsschule« polternde Reinickendorf weisen jedenfalls keinen einzigen Neubau als Gemeinschaftsschule aus.

Bildungsexpertin Brychcy ärgert das: »Wir haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass wir das Erfolgsmodell Gemeinschaftsschule in dieser Legislatur ausbauen und weitere Gemeinschaftsschulen neu bauen wollen, weil sie den Lernerfolg der Schüler*innen besonders gut von der sozialen Herkunft entkoppeln können, in besonderer Weise inklusiv arbeiten und zudem noch hervorragende Lernergebnisse erzielen können«, sagt sie zu »nd«. Das Land nehme im Rahmen der milliardenschweren Schulbauoffensive viel Geld in die Hand. »Mit dieser Finanzierung muss verbunden sein, dass bevorzugt Gemeinschaftsschulen gebaut werden, insbesondere, wenn in Schulregionen ein Schulplatzbedarf in Grund-, Mittel- und Oberstufe besteht.« Brychcys Forderung: »Eine entsprechende schulgesetzliche Grundlage muss durch uns als Koalition zeitnah geschaffen werden.«

Die Anzahl sei nicht entscheidend, sagt dagegen Carola Ehrlich-Cypra vom Elternnetzwerk Berliner Gemeinschaftsschulen zu »nd«. Vielmehr müsse die Qualität der Gemeinschaftsschulen im Vordergrund stehen, auch mit Blick auf bereits existierende Standorte. Zwar gebe es in dieser Hinsicht einige hervorragende Beispiele wie die Fritz-Karsen-Schule in Neukölln oder die Wilhelm-von-Humboldt Gemeinschaftsschule in Pankow, so Ehrlich-Cypra. »Andere Gemeinschaftsschulen werden von den Eltern aber nicht angenommen. Deshalb sagen wir: Wir wollen exzellente Gemeinschaftsschulen. Es braucht eben nicht nur einen Standort, sondern auch das entsprechend geschulte pädagogische Personal, um das Konzept umzusetzen.«

Ehrlich-Cypra, die auch Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung der Berliner Grünen ist, nimmt dabei nicht zuletzt das Haus von Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) in die Pflicht: »Es gibt seitens der Senatsverwaltung immer noch kein Förderkonzept, mit dem Gemeinschaftsschulen gezielt unterstützt werden.« Auch das Förderkonzept hat es im vergangenen Dezember in den rot-grün-roten Koalitionsvertrag geschafft. Keine Panik, heißt es dazu von der Bildungsverwaltung: »Mit Beginn des Schuljahres 2022/2023 wird eine Arbeitsgruppe einberufen, die multiprofessionell besetzt werden wird, um das Förderkonzept zu entwickeln.«

Überhaupt, sagt Busses Sprecher Martin Klesmann zu »nd« hinsichtlich der geplanten Gesamtzahl, seien die in der Übersicht zu Neubauten und Reaktivierungen bis 2035 aufgeführten 16 Gemeinschaftsschulen »nicht wenig, zumal bei den Reaktivierungen von Schulgebäuden, die hier mit drin sind, mitunter nicht genug Platz für eine ganze Gemeinschaftsschule wäre«. Zutreffend ist, dass die neuen Gemeinschaftsschulen zum Teil tatsächlich Großstandorte sind. So entsteht im Treptow-Köpenicker Ortsteil Adlershof unter Federführung der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Howoge bis voraussichtlich 2026 eine Gemeinschaftsschule für mehr als 1300 Schüler.

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