Israel startet Offensive »Morgengrauen«

Militäraktion im Gazastreifen trifft hochrangige Islamisten und Zivilisten

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.
Hunderfacher Beschuss durch den Islamischen Dschihad: Ein israelischer Journalist hält in Sderot ein Teil einer aus dem Gazastreifen stammenden Rakete in der Hand.
Hunderfacher Beschuss durch den Islamischen Dschihad: Ein israelischer Journalist hält in Sderot ein Teil einer aus dem Gazastreifen stammenden Rakete in der Hand.

Sie habe so etwas noch nie erlebt, sagte Keren Peleg dem israelischen Nachrichtenportal Ynet: Zwölf Jahre lang lebe sie nun schon an der Grenze zum Gazastreifen, habe dementsprechend viele Auseinandersetzungen erlebt. Doch nie zuvor seien so viele Raketen in so kurzer Zeit abgefeuert worden.

580 Stück waren es nach Angaben des israelischen Militärs zwischen Freitag abend und Sonntag Nachmittag. Zum Vergleich: Während des 49-tägigen Gazakrieges 2014 wurden insgesamt 3824 Raketen auf Israel abgefeuert. Israels Militär flog in diesem Zeitraum nach offiziellen Angaben 140 Luftangriffe auf Einrichtungen des Islamischen Dschihad im Gazastreifen. Gut 100 der Raketen schlugen noch im Gazastreifen ein, während die meisten anderen vom Raketenabwehrsystem »Eiserne Kuppel« abgefangen wurden.

Seit Freitag starben nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums im Gazastreifen 31 Menschen. Mindestens 275 seien verletzt worden.

Begonnen hatte alles mit der Festnahme von Bassem Saadi, dem Kommandeur der recht kleinen, aber sehr militanten Gruppe Anfang August im Westjordanland. Eine Reihe der Anschläge in Israel gehen auf das Konto des Islamischen Dschihad, und die Festnahme sollte nicht nur ein Schlag gegen den Terrorismus sein, sondern auch demonstrieren, dass der amtierende Regierungschef Ja’ir Lapid Sicherheit kann: Nach nur wenigen Monaten im Amt muss er den Posten in einer Parlamentsneuwahl im September verteidigen.

Doch stattdessen sorgten Bilder von Saadi, wie er von israelischen Soldaten zu Boden geworfen wird, für einen Sturm der Wut im Gazastreifen, wo die Gruppe besonders stark vertreten ist. Stunden später meldeten israelische Medien unter Berufung auf das Militär, im Gazastreifen seien Einheiten des Islamischen Dschihad auf der Suche nach Zielen auf der israelischen Seite des Grenzzauns; in der Region begann ein Tage langer Ausnahmezustand. Und Ex-Regierungschef Benjamin Netanjahu begann, die Situation auszunutzen und Lapid der Unfähigkeit zu beschuldigen.

Am Freitag setzten Lapid und sein Verteidungsminister Benny Gantz »Operation Morgengrauen« in Gang: Das Militär tötete zwei Kommandeure des Islamischen Dschihads, flog Luftangriffe in großer Zahl, bis man dann am Sonntag mitteilte, die Ziele seien erreicht, aber die Bevölkerung müsse sich noch auf einige Tage mit weiteren Auseinandersetzungen einstellen.

Besonders ist dabei nicht nur die Intensität der Luftangriffe und des Raketenbeschuss: Neu ist auch, dass die Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 kontrolliert, dabei bisher so gut wie keine Rolle spielt. Ihre Einrichtungen werden nicht bombardiert, ihre Brigaden schießen auch nicht auf Israel. Zwar forderte die Hamas zur »Einigkeit im Kampf gegen Israel« auf. Doch knapp teilte Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum am Telefon mit, der Islamische Dschihad lehne einen Waffenstillstand ab, habe er gehört; für alles weitere möge man direkt dort nachfragen.

In Ägypten ist man derweil besorgt. Wie immer in solchen Situationen versucht die Regierung von Präsident Abdelfattah al Sisi mit Unterstützung der Regierung Katars einen Waffenstillstand auszuhandeln. Denn auf der Sinai-Halbinsel führt man selbst einen jahrelangen Krieg gegen militante Gruppen; man möchte verhindern, dass der Gazastreifen zum Rückzugsort wird.

Bei vorangegangenen Konflikten habe man stets mit der Hamas-Führung verhandelt, sagen Mitarbeiter des ägyptischen Außenministeriums in einem Hintergrundgespräch am Sonntag. Doch nun habe man es stattdessen mit einer Gruppe zu tun, deren Ansichten um einiges radikaler sind und die auch anders als die Hamas kein De-facto-Staatswesen aufrechterhalten müsse. Der Islamische Dschihad wurde Anfang der 80er Jahre unter dem Eindruck der Islamischen Revolution im Iran gegründet, pflegt auch heute noch recht gute Kontakte dorthin. Einziges Ziel ist die vollständige Zerstörung Israels und die Errichtung eines palästinensischen Staats nach iranischem Vorbild.

Dass diese Gruppe nun Zugriff auf eine sehr große Zahl auf Raketen hat und im Gazastreifen recht frei agieren kann, wirft Fragen auf: Es sei offensichtlich, dass es der Hamas schwer falle, die Kontrolle über den Gazastreifen aufrecht zu erhalten, sagt Mosche Ja’alon, ein ehemaliger Verteidigungsminister, dem Militärradio. Entweder habe die Hamas die Kontrolle über Teile ihrer Raketen verloren oder der Islamische Dschihad habe trotz der Jahre langen Blockade der Grenzen durch Israel und Ägypten die Möglichkeit, eigene Raketen in großer Zahl zu bauen.

Am Montag wird sich der Uno-Sicherheitsrat mit der Lage befassen. Doch schon jetzt ist sicher: Eine dauerhafte Lösung ist nicht in Sicht.

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