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Cool bleiben, wenn es heiß hergeht

Initiatoren möchten Konfliktlotsenprojekt der Berliner Bäderbetriebe ausbauen

Die Konfliktlotsen werden im Sommerbad Pankow vor allem gebraucht, wenn mehr los ist als auf dem Bild.
Die Konfliktlotsen werden im Sommerbad Pankow vor allem gebraucht, wenn mehr los ist als auf dem Bild.

Eghbal Khadjezadeh lächelt – nicht cool, aber freundlich. Er sagt: »Im ersten Jahr war ich noch schüchtern und konnte noch nicht so viel sagen. Aber dann habe ich meinen Kollegen zugeguckt, wie sie das machen, und habe mehr Mut und Selbstvertrauen bekommen.«

Der 21-Jährige steht am Beckenrand des Sommerbads Pankow. Es ist Montagmittag und Khadjezadeh erklärt bei einem Pressetermin der Berliner Bäderbetriebe, warum er beim Projekt »Bleib cool am Pool« dabei ist. Es gehe ihm und seinen vor allem jugendlichen Kolleg*innen darum, dass »alle Spaß beim Baden haben und nicht nur einige wenige«.

Mit beruhigenden Worten gegen Streit und Aggressionen – das ist die Aufgabe junger Konfliktlots*innen in derzeit zwei Berliner Schwimmbädern. Schon im zwölften Jahr sind vor allem junge Menschen in Bädern unterwegs, in diesem Sommer im Neuköllner Columbiabad und im Sommerbad Pankow, auch im Kreuzberger Prinzenbad waren sie etliche Jahre im Einsatz. Derzeit arbeiteten bei dem Projekt 25 junge Männer und eine Frau mit, wie Projektleiter Arne Freudenberg und Markus Krüger von den Berliner Bäderbetrieben berichten. »Die meisten Konfliktlotsen kommen aus der Gegend oder den Kiezen rund um die Bäder«, erläutert Freudenberg, der »Bleib cool am Pool« vor Jahren mitinitiiert hat. Der Sozialpädagoge betont, wie gern er das Projekt weiter ausbauen würde. Derzeit müsste immer vorab entschieden werden, in welchen Bädern die Streitschlichter eingesetzt werden.

Das geschieht vor allem an heißen Wochentagen, wenn die Freibäder überfüllt sind und es schneller mal zu Streiten zwischen Badegästen kommen kann. In ihrem blauen Dress, das die Aufschrift »Bleib cool am Pool« trägt, sind die Konfliktlotsen in der Regel gut auszumachen. Im Zusammenspiel mit den vor Ort tätigen Sicherheitsdiensten versuchen sie auszuloten, ob manchmal nur eine Erklärung über die geltenden Bäderregel nötig ist oder ob jemand tatsächlich auf Stress aus ist. Den gibt es demnach oft in der Warteschlange am Sprungturm, an der Rutsche und auch am Kinderbecken. Die Streitschlichter sollen aber auch darauf achten, dass Jugendliche ihren Müll wegwerfen, nicht andere Besucher ins Becken schubsen und nicht über Handtücher rennen.

Aber auch Eltern, die es ganz selbstverständlich fänden, dass ihre kleinen Kinder direkt nach Verlassen der Umkleidekabine auf die Wiese urinierten, müssten sich darauf einstellen, angesprochen zu werden, sagt Freudenberg. »Ins Freibad kommen schon viele mit der Vorstellung, dass sie selbst mit ihrem Vergnügen am wichtigsten sind.« Wenn das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme überhaupt nicht funktioniere, seien immer wieder mal eskalierende Auseinandersetzungen zu beklagen.

Das ist eine Herausforderung für die vor den Sommerferien geschulten mehrheitlich jungen Erwachsenen, die, so wie Eghbal Khadjezadeh, in ihrem Alltag in der Regel ganz anderen Tätigkeiten nachgehen. »Wir arbeiten nur mit Worten«, sagt der Konfliktlotse, der gerade eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert. Wichtig sei es, früh einzugreifen, um entstehende Konflikte zu beruhigen. Wenn es handgreiflich werde, müssten ohnehin die Wachleute gerufen werden.

6,50 Euro erhalten die Konfliktlotsen pro Stunde als Aufwandsentschädigung. Bezahlt wird das Projekt, das es seit 2011 in Zusammenarbeit mit der Polizei gibt, von den Bäderbetrieben. Schon damals war es vereinzelt zu Schlägereien in überfüllten Freibädern gekommen. Auch in diesem Sommer gab es drei größere Vorfälle, bei denen die Polizei eingreifen musste. Im Bad am Insulaner in Steglitz und im Columbiabad entstanden aus kleineren Streitereien zwischen Jugendlichen und jungen Männern heftige Tumulte. Wachleute griffen ein, schließlich rückte ein größeres Polizeiaufgebot an. Konfliktlotsen berichteten, dass viele Randalierer bekannt seien, häufig hätten sie schon Hausverbot erhalten. Das sei aber am Eingang kaum zu kontrollieren, sodass es immer wieder zu Problemen mit denselben jungen Männern komme.

Letztlich sind das Einzelfälle, die aber für großes Aufsehen sorgen und manche Besucher beunruhigen. Rund 170 Wachleute von privaten Sicherheitsfirmen sind an heißen Wochenenden in den Berliner Freibädern im Einsatz. 1,5 Millionen Euro geben die Bäder dafür im Jahr aus.

Nach der letzten Randale von jungen Männern im Neuköllner Columbiabad mit elf Verletzten stationierte sich die Polizei zeitweise vor dem Bad. Die Angreifer waren mit Schlagwaffen und Reizgas gezielt auf Wachleute im Schwimmbad losgegangen. Drei junge Männer im Alter von 19, 23 und 24 Jahren wurden in einem Auto in der Nähe entdeckt und festgenommen. Nach den anderen Angreifern wird weiter gesucht. Die Polizei hat ein Zeugenportal für Hinweise, Fotos oder Beobachtungen eingerichtet.

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