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Kino ist Arbeit

Der Film »Grand Jeté« erzählt von einer Mutter-Sohn-Liebesbeziehung, scheitert aber an seiner eigenen Unnahbarkeit

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 3 Min.
Die wortlose Traurigkeit der Mutter lässt im Film viele Fragen offen
Die wortlose Traurigkeit der Mutter lässt im Film viele Fragen offen

Der Grand Jeté ist ein Spagatsprung im klassischen Ballett. Man kennt den Anblick, wenn die Ballerina Anlauf nimmt und mit weit nach vorn und hinten gestreckten Beinen und erhobenen Armen über die Bühne zu fliegen scheint. Der Sprung symbolisiert Kraft, Dehnung, Ausdauer und Stärke, und es ist das große Ziel jeder Tänzerin, ihn perfekt zu können. Nadja hat dies geschafft, der Zenit ihrer Ballettkarriere ist allerdings lange überschritten, und die eiserne Selbstdisziplin und Härte, mit der sie ihrem kaputten Körper alles abverlangt hat, versucht sie nun, den Elevinnen einzutrichtern, die sie unterrichtet.

»Nur der kann nicht, der es zulässt, nicht zu können«, muss sich eine schwächelnde Nachwuchstänzerin anhören. Die freudlose Besessenheit, mit der sie ihren Körper quält, wirkt befremdlich, der Film macht es dem Zuschauer auch nicht leicht, die innere Motivation Nadjas nachzuvollziehen. Zu sperrig, wortkarg und unzugänglich erscheint Nadja dem Zuschauer, als dass sich eine Nähe zur Hauptfigur des Films einstellen würde. Wie hoch der Preis für den Erfolg auf der Bühne wirklich war, stellt sich heraus, als Nadja angesichts zunehmender körperlicher Probleme eine Auszeit nimmt und zu ihrer Mutter in die ostdeutsche Provinz fährt. Dort lebt ihr Sohn Mario, den sie als junge Tänzerin geboren und anschließend bei der Oma abgegeben und verlassen hat. Nun ist dieser fast volljährig und ein aparter Jüngling geworden. Schnell stellt sich eine Art Seelenverwandschaft zwischen ihnen ein; Mario ist genauso besessen von seinem fitnessstudiogestählten Körper, und bald werden die beiden ohne große Umschweife ein Paar.

Filmisch ist das durchaus unkonventionell umgesetzt, etwa wenn Mario Jakob van Hoddis’ Poem »Weltende« deklamiert (»Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken…«), während er seinen »petite mort« erlebt. Die Abgeklärtheit, mit welcher der 18-Jährige seine Mutter als Geliebte annimmt, irritiert allerdings. Vielleicht sind Jugendliche heute ja so cool und selbstsicher, wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Letztlich ist das Problem des Films seine mangelnde Plausibilität, die es schwer macht, die Motivation der Beteiligten nachzuvollziehen. Nadja wirkt während der ganzen Zeit, die wir sie begleiten, von einer wortlosen Traurigkeit umhüllt, deren Ursache ebenso unklar bleibt wie ihr Antrieb, das inzestuöse Verhältnis zu ihrem Sohn aktiv voranzutreiben.

Versucht sie, ihre Schuldgefühle gegenüber Mario auf diese Weise zu bewältigen? Man weiß und erfährt es nicht. Vieles an »Grand Jeté« ist und bleibt rätselhaft. Wirkliche Konflikte durchleben die handelnden Figuren nicht, und diese Konfliktlosigkeit angesichts eines zu Kontroversen einladenden Sujets irritiert dann doch. Selbst die irgendwann strafrechtlich relevant werdende Wendung des Geschehens scheint niemanden zu erschüttern.

Die 1963 geborene Regisseurin Isabelle Stever hat ihre Ausbildung um die Jahrtausendwende an der Berliner dffb erfahren, und diese Prägung ist dem Film deutlich anzumerken. Unter dem Stichwort »Berliner Schule« entstand damals eine Filmsprache der weitgehenden Reduktion der filmischen Mittel, die bis heute viele deutsche Arthouse-Filme kennzeichnet. Etliche von ihnen wirken, als habe man das pralle Leben aus ihnen gesogen und zurück bleiben spröde und wortkarg erzählte Geschichten, die nach einer äußeren Form suchen, sich darin jedoch erschöpfen und ansonsten eine Lebensfremdheit ausstrahlen, die es dem Zuschauer schwerstmöglich macht. Kino ist Arbeit, schreien sie geradezu. Eine Zugänglichkeit, die es dem Betrachter leichter macht, sich mit den handelnden Figuren zu identifizieren und mitzuleiden, scheint ihnen Verrat an der Sache, Unterhaltung ist ein Schimpfwort. Ob den am Zuschauerschwund darbenden Kinos damit geholfen ist, scheint zweifelhaft.

»Grand Jeté«: Deutschland 2022,
Regie: Isabelle Stever. Mit: Sarah Nevada Grether, Emil von Schönfels. 105 Minuten, Start: 11.8.

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