Bürgertreff im alten Milchladen

Wie Bad Freienwalde mit Fördermitteln seine Innenstadt aufhübscht

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 6 Min.
Bürgermeister Ralf Lehmann (r.) ist dankbar für Fördermittel aus dem Ressort von Minister Guido Beermann (beide CDU)
Bürgermeister Ralf Lehmann (r.) ist dankbar für Fördermittel aus dem Ressort von Minister Guido Beermann (beide CDU)

An der Fassade der Laurentiusschule in Bad Freienwalde hängt ein Transparent mit Friedenstaube. »Frieden besiegt den Krieg« steht darauf. Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) und Infrastrukturminister Guido Beermann (CDU) sind gekommen, um bei einem Stadtrundgang darüber zu informieren, wie Fördermittel von Bund und Land dabei geholfen haben, historische Gebäude vor dem Verfall zu bewahren. Die denkmalgeschützte Schule ist eine Station. Das Backsteingemäuer wurde in den Jahren 2017 bis 2021 saniert. 1,49 Millionen Euro hat das gekostet. 800 000 Euro Fördermittel sind geflossen.

Aber nicht erst angesichts des Transparents »Frieden besiegt den Krieg«, sondern bereits vorher bei der Anreise aus Potsdam stellt Kulturministerin Schüle die Frage, ob der Denkmalschutz angesichts des Kriegs in der Ukraine, des Klimawandels und des Mangels an Erdgas noch ein wichtiges Thema sein könne. Sie antwortet gleich selbst: »Ja.« Auch beim Denkmalschutz gehe es um Umweltschutz. »Denkmalschutz ist allein schon nachhaltig, weil nicht neu gebaut wird«, argumentiert die Ministerin. Es würden weniger Ressourcen verbraucht. Man rede von Flugscham, dem schlechten Gewissen wegen unnötiger Inlandsflüge, aber leider nicht von Bauscham, dem unguten Gefühl, mit Zement etwas hinzuklotzen, was einen höheren CO2-Ausstoß verursache, als bestehende Gebäude aufzuhübschen und dabei die historischen Baumaterialien zu verwenden. 

In Bad Freienwalde gibt es dafür viele Beispiele, die alte Sankt-Georg-Kirche etwa. 1696 errichtet, dient sie heute als Konzerthalle. Die Orgel wird bei beliebten Silvesterkonzerten gespielt. Ab 1999 erfolgte für 58 000 Euro, davon 46 500 Euro Fördermittel, die Instandsetzung des Gebäudes. Für die insgesamt 762 000 Euro teuren Baumaßnahmen an der Altstadtturnhalle flossen zwischen 2012 und 2017 sogar 610 000 Euro. Die Mitglieder eines Sportvereins spielen hier Tischtennis, Volleyball und Dart. Das Rathaus von Bad Freienwalde profitierte von Fördermitteln in Höhe von 725 000 Euro, als in zwei Bauabschnitten ab 1994 die Fassaden, die Fenster und der Dachstuhl saniert wurden und in einem dritten Bauabschnitt 2015 ein Fahrstuhl eingebaut und eine Außentreppe als zweiter Rettungsweg angebaut wurde. 906 000 Euro hat alles gekostet. Baujahr 1854 ist das ursprüngliche Rathaus. 1926 wurde das Dachgeschoss ausgebaut und 1938/39 ein Anbau hinzugefügt.

Infrastrukturminister Beermann betet diese Zahlen an den einzelnen Stationen des Rundgangs herunter, nennt auch noch einmal die Gesamtsumme. 44,6 Millionen Euro Fördermittel für den Städtebau hat Bad Freienwalde seit 1991 insgesamt erhalten. »Sonst würde die Stadt nicht so aussehen«, lobt Bürgermeister Ralf Lehmann (CDU). Er meint: »Nicht so schön aussehen.« Die Hälfte der Summe sei in den Straßenbau in der Innenstadt geflossen, der Rest in Gebäudemaßnahmen.

Bad Freienwalde litt wie viele andere ostdeutsche Kommunen nach der Wende unter einem rapiden Einwohnerschwund. 16 000 Menschen lebten einst hier, mittlerweile sind es nur noch 12 000. Noch immer sterben unter dem Strich mehr Einwohner, als Babys geboren werden. Doch weil mehr Neubürger aus Berlin zu-, als Alteingesessene weggezogen seien, habe Bad Freienwalde seine Bevölkerungszahl in den vergangenen Jahren stabilisiert, berichtet Bürgermeister Lehmann. Damit das so weitergeht, wäre eine direkte Bahnanbindung in die Bundeshauptstadt wünschenswert. Der Umweg mit Umsteigen in Eberswalde sei nicht attraktiv. Mit diesem Anliegen ist Lehmann bei Infrastrukturminister Beermann richtig, denn der wäre auch für die Reaktivierung der alten Direktverbindung zuständig und macht da durchaus Hoffnung.

Wichtig für Bad Freienwalde ist aber auch, so hübsch zu sein, dass sich Berliner gern hier niederlassen, denen die Mieten und die Grundstückspreise in der Hauptstadt zu hoch geworden sind oder denen der Lärm und die Hektik in der Großstadt auf die Nerven geht. Leerstand am zentralen Marktplatz ist keine vielversprechende Visitenkarte, aber der Leerstand kann schrittweise beseitigt werden. Für den 2016/17 sanierten alten Milchladen in der Karl-Marx-Straße 8 konnte eine neue Nutzung gefunden werden. Die Stephanus-Stiftung betreibt ihn jetzt als Bürgertreff. Infrastrukturminister Beermann würde sich heute nicht davor stellen, wenn es nicht auch dafür Fördermittel gegeben hätte. Es waren 81 600 Euro. Es sei ganz wichtig, erläutert der Minister, dass nicht nur saniert, sondern auch an eine neue Nutzung gedacht werde.

Im Vorderhaus der Uchtenhagenstraße 2 sitzt bereits das Oderlandmuseum. Normalerweise hätte es von 11 bis 17 Uhr geöffnet, aber vom 3. bis 18. August ist es geschlossen. »Es gibt nur eine Mitarbeiterin und die hat sicher Urlaub«, erklärt der Bürgermeister. Für das 1775 errichtete Vorderhaus sind vor Jahren 191 000 Euro Fördermittel geflossen. Jetzt soll demnächst das Hinterhaus zum Magazin umgestaltet werden. Das wird voraussichtlich 350 000 Euro kosten. Es winken wieder Fördermittel, rund 224 000 Euro.

Ohne diese wäre das Projekt nicht zu stemmen. Das wird in einem anderen Zusammenhang deutlich. Als die Kulturministerin ein bestimmtes Förderprogramm erwähnt, winkt der Bürgermeister ab. Da sei ein Eigenanteil von 55 Prozent zu erbringen. »Das ist nicht attraktiv.«

Durchaus attraktiv ist indessen der Marktplatz. Nicht nur für Häuser an seinem Rande wie das Rathaus und den Milchladen gab es Geld von Bund und Land, sondern auch für den Platz selbst. »Wenn man sich auf diesem Platz umschaut, sieht man, dass wirklich eine Menge passiert«, schwärmt Infrastrukturminister Beermann. In der Vormittagssonne drängeln sich allerdings keine Massen an den Verkaufsständen, aber für die Verhältnisse eines Provinzstädtchens ist durchaus etwas los. Zwei Rentnerinnen decken sich mit Tomaten und Erdbeerpflanzen ein, eine andere Seniorin schiebt ihren Rollator zu einer Parkbank und zeigt dem dort sitzenden Mann ihren verbundenen Daumen: »Ich wurde heute operiert.« Von einem Stand weht der Duft von Bratwürsten herüber.

Ein großer Streitpunkt in Bad Freienwalde ist die Hochstraßenbrücke. Die Bundesstraße 158 verläuft darüber. Wegen dieser Brücke drohte Bad Freienwalde seinen Status als Kurort zu verlieren. Sie soll ab dem kommenden Jahr abgerissen und durch eine ebenerdige Variante mit Kreisverkehr ersetzt werden. Beim Stadtrundgang ist keine Zeit mehr für die Brücke, aber beim Mittagessen wird darüber gesprochen. 2025 oder 2026 solle alles fertig sein.

Nachdem sie sich gestärkt haben, fahren die Minister weiter nach Altranft. Hier übergibt Kulturministerin Schüle unter anderem einen Förderbescheid zur Sanierung eines alten Kossäthen-, also eines Kleinbauernhauses. Es stammt aus dem Jahre 1698, ist das älteste Haus im Landkreis Märkisch-Oderland und in der Oderregion das einzige bekannte Beispiel eines kombinierten Wohn- und Stallhauses aus der Phase des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg. Für die Sanierung des lange vernachlässigten Fachwerkhauses spendierte das Kulturministerium bereits in den vergangenen beiden Jahren jeweils 50 000 Euro und schießt diese Summe nun ein drittes Mal zu. Die Berlinerin Kirsten Westphal, die das Kossäthenhaus 2018 erwarb, um es zu retten, plant die Nutzung des Denkmals als historische Herberge. Das Haus war bis 1970 bewohnt und wurde dann baupolizeilich gesperrt. »Es wird nicht durchmodernisiert«, verspricht Westphal.

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