Schwierigkeiten mit der Handschrift

Diesmal: Stirbt eine jahrtausendalte Kulturtschnik aus?

  • Von Christof Meueler / Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.
Schwierigkeiten mit der Handschrift

Steffen, kannst du eigentlich deine eigene Handschrift lesen?

Das kommt drauf an.

Auf was?

Wie schnell ich habe schreiben müssen. Wenn ich zum Beispiel bei einer Konferenz mitgeschrieben habe, dann gibt es insbesondere bei Namen öfters mal größere Lücken, wo ich dann noch mal nachgucken muss.

Also, ich kann von meinen Notizen höchstens die Hälfte lesen. Und je später ich sie angucke, desto weniger. Zwei Wochen später sehe ich kaum noch durch.

Das ist normal, geht mir auch so. Wenn der Kontext schwindet, fängt das Rätselraten an.

Bei mir liegt es daran, dass ich in der vierten Klasse aus Langeweile begonnen habe, Schreibschrift und Druckschrift zu mischen.

Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Die Schreibschrift ist ja nicht etwa wegen der größeren Lesbarkeit erfunden worden, sondern weil sie sich wegen der Verbindungen und der Rundungen besser hintereinanderweg schreiben lässt.

Das geht schneller.

Ja, und wenn man noch schneller sein will, bleiben viele der Bögen und Rundungen auf der Strecke. Früher war es im Journalismus ja normal, dass man Steno konnte.

Kannst du?

Nein. Aber als ich beim »nd« anfing, gab es noch Kollegen, die haben so gearbeitet.

Macht das noch jemand?

Im Bundestag für die Sitzungsprotokolle. Die schaffen wohl 500 Silben pro Minute.

Steno lebt.

Der Handschrift dagegen ist das Schreiben abhandengekommen. Die Leute tippen auf den Smartphones oder senden gleich eine Sprachnachricht. Und Stadtpläne können sie auch nicht mehr lesen. Du siehst sie öfters vor dem Stadtplan an Bushaltestellen, ratlos. Sie laufen einfach nach den Vorgaben von Google Maps und verlaufen sich dennoch, weil ihnen das große Bild, die Übersichtskarte im Kopf fehlt. Und es gibt noch eine weitere Kulturtechnik, die ziemlich aus der Mode gekommen ist: das Auswendiglernen. Die habe ich nie besonders gut beherrscht.

Oh je.

Da findet sich schon bei Platon der Hinweis, dass sein Lehrer Sokrates meinte, Lesen und Schreiben seien ein Verlust. Man sollte die alten Epen von Homer auswendig können, um sie besser zu verstehen.

Wenn ich meine Schrift besser lesen könnte, wäre mir schon geholfen. Das setzt sich bei mir bis ins Smartphone fort, mit dem ich mir Notizen mache, weil ich meiner Schrift misstraue. Da vertippe ich mich, weil ich zu schnell bin, und dann habe ich wieder den Salat. Ist das ein psychopathologisches Problem meinerseits?

Glaube ich nicht. Das ist einfach mangelndes motorisches Training. Sicherlich schreibt man, wenn man schnell schreibt, nicht sauber. Aber: Mitschreiben hilft, um sich etwas zu merken – und zwar handschriftlich besser als getippt. Dazu habe ich mal eine Studie gelesen.

Handschrift hat also eine Zukunft.

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