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Unrecht hinter Backsteinmauern

Der Gebäudekomplex der ehemaligen städtischen Arbeitsanstalt in Leipzig hat eine lange und brutale Geschichte

In der Riebeckstraße 63 geschah seit Ende des 19. Jahrhunderts Unrecht.
In der Riebeckstraße 63 geschah seit Ende des 19. Jahrhunderts Unrecht.

Lenis Erzählung beginnt an einem Sonnabend 1981. Es ist eine Geschichte, die sie bis heute beschäftigt. Ihren richtigen Namen oder ihr Bild möchte die 71-Jährige nicht in der Zeitung sehen. An jenem Abend trifft sie sich mit einer Bekannten, um gemeinsam tanzen zu gehen. Noch heute tanzt die quirlige Frau leidenschaftlich gerne. »Das Tanzen ist meine Rettung«, sagt sie immer wieder, lila gefärbte Haarsträhnen fallen ihr dabei ins Gesicht. Aber dieser Abend ist anders als andere. Leni wird angesprochen von zwei Männern, sie stellen sich als Quelle-Mitarbeiter aus dem Westen vor. Daran ist nichts weiter ungewöhnlich, immerhin ist gerade Messe in Leipzig – die damals 29-Jährige denkt sich nichts weiter.

Die beiden laden sie ein, noch mit in ihr Hotel zu kommen, Leni nimmt an. »Ich war ja jung und unbeschwert«, sagt sie heute fast entschuldigend. Dort angekommen weigert sich der Pförtner jedoch, die Frau hineinzulassen. Die Männer schlagen vor, einen alternativen Weg ins Hotel zu benutzen. Unterwegs sieht Leni ein Auto auf sich zukommen. »Bis heute ärgere ich mich, dass ich damals nicht einfach weggelaufen bin«, erzählt sie. In dem Auto sind Stasi-Mitarbeiter, die sie kurzerhand mitnehmen. Die angeblichen Quelle-Mitarbeiter haben ihr eine Falle gestellt.

Die junge Frau weiß nicht, was passiert, sie hat Angst. Zuerst sei sie in eine Gefängniszelle gebracht worden, erzählt Leni mit bebender Stimme. »Ich hatte mich schick gemacht zum Tanzen«, erinnert sie sich, während ihr eine Träne über die Wange läuft, »und so saß ich dann da, weinte und fragte mich: Was hast du denn verbrochen?« Etwa eine Stunde später wird sie in die Riebeckstraße 63 gebracht und in die sogenannte venerologische Station zwangseingewiesen. Drei Wochen lang wird sie dort Tag für Tag gynäkologisch untersucht. Gegen ihren Willen. Die Begründung lautet: »Verdacht auf Geschlechtskrankheiten.« In einem psychologischen Gespräch verneint sie wieder und wieder, der Prostitution nachzugehen – ein Strafbestand in der DDR.

Auf venerologischen Stationen, die im Volksmund als »Tripperburgen« bekannt waren, wurden geschlechtskranke oder krankheitsverdächtige Frauen und Mädchen zwangsisoliert und medizinisch behandelt. Rein rechtlich gesehen hatte die »Geschlossene venerologische Station Leipzig-Thonberg« zwar ein mehrstufiges Einweisungsverfahren, praktisch wurde dieses aber oft umgangen. Wie Erhebungen des Historikers Maximilian Schochow belegen, wurden im zeitlichen Verlauf der DDR immer weniger Frauen mit Geschlechtskrankheiten in solche Stationen eingewiesen. Vielmehr genügte ein Verdacht auf häufig wechselnde Geschlechtspartner. Diese Frauen wurden als »Herumtreiberinnen« kategorisiert – tatsächlich ging es nicht um ihre medizinische Behandlung, sondern um die politische Umerziehung im Sinne der sozialistischen Ideologie. Die »Ärztezeitung« zitiert in einem Artikel zu diesem Thema ein Entlassungsschreiben eines gewissen Dr. S. aus Halle, der seiner Patientin schreibt, dass er zur Kenntnis nehme, dass sie in Zukunft ein »geregeltes Leben führen wolle«.

»Ich erinnere mich daran, dass ich viel auf dem Gang mit den anderen Frauen gesessen bin«, erzählt die ehemalige Insassin Leni, »man musste sich anstellen für diese gynäkologische Misshandlung.« Bis heute leide sie beim Frauenarzt unter Angstzuständen und Hitzewellen. Infolge brutaler Behandlungsmethoden kam es bei vielen ehemaligen Patient*innen zu Spätfolgen wie Schüttelfrost, Fehlgeburten, und psychischen Folgen, wie die Medizinhistoriker Florian Steger und Maximilian Schochow festhalten. Erinnerungen an den sonstigen Alltag auf der Station hat Leni großteils verdrängt, sie erinnert sich an die »Arbeitstherapie« in der Wäscherei, aber ein Bild dominiert alle anderen: »Ich sehe mich immer auf diesem Gang sitzen.«

Das Ensemble an Backsteingebäuden, das die venerologische Station beheimatete, ist bis heute zum Großteil erhalten, umgeben von einer hohen Mauer. Hier, tief im Leipziger Osten, in der Riebeckstraße 63, erinnert kein Denkmal an die vielen Menschen, die im Gebäudekomplex der ehemaligen Leipziger Arbeitsanstalt über 130 Jahre Leid und Unrecht erfuhren. Nur im ehemaligen Pförtnerhäuschen informieren eine Ausstellung und gelegentliche Veranstaltungen seit diesem Frühjahr über die lange und brutale Geschichte des Ortes. Das ist dem Initiativkreis Riebeckstraße 63 zu verdanken – einer Gruppe von Menschen, die sich seit 2018 dafür einsetzt, dass hier ein lebendiger Erinnerungsort entsteht, dass Erlebnisse wie die von Leni und die Geschichte des Ortes, die noch deutlich weiter in die Vergangenheit zurückreicht, nicht in Vergessenheit geraten.

Bereits 1892 wurde auf dem 28 000 Quadratmeter großen Areal die »Zwangsarbeitsanstalt zu St. Georg« eröffnet. In dem Gebäudekomplex wurde ein Arbeitshaus, sowie ein Versorgten- und Obdachlosenasyl eingerichtet, wo »trunksüchtige« und »arbeitsscheue« Arme, vor allem Wohnungslose, durch städtische Institutionen eingewiesen wurden. Die Idee lautete schon damals »Erziehung durch Arbeit«. Armut, Obdach- und Arbeitslosigkeit waren im 19. Jahrhundert zur Begleiterscheinung der Industrialisierung geworden, die Lebens- und Arbeitsbedingungen stark verändert hatte. Spätestens in der Weimarer Republik wurden sie zu einem Massenphänomen. Dennoch wurden Menschen für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht. In den letzten Jahren der Weimarer Republik kritisierten Medienberichte die miserablen Zustände der Unterbringung im Obdachlosenasyl und machten auf die Unterernährung und die Überbelegung der Schlafsäle aufmerksam.

Ab 1933 verschärfte sich im Nationalsozialismus die Diskriminierung und Unterdrückung von Wohnungslosen massiv. Der Tonfall radikalisierte sich und Razzien gegen vermeintlich »Arbeitsscheue« und »Asoziale« wurden durchgeführt. Die Riebeckstraße 63 wurde zu einem Ort, an dem sozial unerwünschte Gruppen systematisch verfolgt wurden. Oft passierte das durch sogenannte Entmündigungsverfahren, die von Ärzten und Juristen eingeleitet wurden. »Auf der Grundlage von Diagnosen wie ›angeborener Schwachsinn‹ wurden Insassinnen und Insassen erbbiologisch erfasst, zwangssterilisiert und im Rahmen der NS-›Euthanasie‹ getötet«, schreibt Thomas R. Müller, Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums in einem Aufsatz über diese Verfahren. Ab 1936 mussten Rom*nja und Sint*izze auf dem Gelände Zwangsarbeit verrichten, seit 1938 auch Jüd*innen. Laut Informationen des Initiativkreises wurden bis 1941 mindestens 76 Personen aus der Riebeckstraße nach Pirna-Sonnenstein verlegt und in Gaskammern getötet.

Ferner bildete der Komplex eine Art Zentrum der Zwangsarbeit. »Der Nationalsozialismus war der Kulminationspunkt, an dem sich alles verdichtet hat«, erläutert Daniel Schuch, ein Mitglied des Initiativkreises. Die Riebeckstraße 63 wurde zu einem Verteilungspunkt, durch den man Menschen aus ganz Europa, die zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, schleuste: »Sie mussten hier auch eine Desinfektionsanstalt durchlaufen, bevor sie in ganz Deutschland verteilt wurden.« Außerdem nutzte man die Gebäude als Sammel- und Durchgangslager für Jüd*innen, die von hier in KZ und Vernichtungslager deportiert wurden. Und das war noch nicht alles: Im Keller eines der Häuser befand sich ein Polizeiersatzgefängnis sowie ein »Ausländergefängnis«, in denen Zwangsarbeitende, politische Gefangene und Verfolgte inhaftiert wurden.

Zwei der Gebäude wurden im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zerstört. In der DDR wurden dann eine Außenstelle der Psychiatrie Leipzig-Dösen, ein Fürsorgeheim und die erwähnte venerologische Station in den erhaltenen Häusern untergebracht.

Leni wird nach drei Wochen dort entlassen. Man habe feststellen können, dass sie keinen Tripper habe. Doch damit endet die Verfolgung nicht. Erst als sie Jahrzehnte später ihre Stasi-Akte einsehen kann, wird ihr klar, dass sie ab dem Zeitpunkt der Entlassung bis zum Mauerfall beobachtet wurde. »Die Repressalien begannen erst mit der Einsperrung«, sagt sie heute verzweifelt. Da sie Kontakt zu Männern aus dem Ausland hatte, ab und zu Geldgeschenke annahm, blieb der »Verdacht auf Prostitution« bestehen. Bis heute weiß sie nicht, welche ihrer Bekannten mit dem Staatsapparat zusammengearbeitet haben. Es bleiben Wut und Trauer. Und ein Wunsch: »Ich will Gerechtigkeit.«

Während die venerologische Station und das Sozialheim zur Wende aufgelöst wurden, blieb die Psychiatrie zunächst bestehen. Eine, die diesen Übergang miterlebt hat, ist Heike Lengwenus, dunkle Haare, ernster Blick. Die gelernte Begleitungsfacharbeiterin hat bereits als Jugendliche in Dösen ausgeholfen und war ab Mitte der 80er Jahre in der Psychiatrie angestellt. Dort beaufsichtigte sie die Arbeitstherapie, leitete Patient*innen an. Anfangs war sie als Springerin in der Riebeckstraße eingesetzt, bis sie fix dort angestellt wurde. Im Rahmen der Arbeitstherapie falteten die Patient*innen Spültücher, schraubten Stifte zusammen oder rupften aus Schaumstoff Kissenfüllungen. Auch in der Nähstube, die Lengwenus lange beaufsichtigte, erledigten Patient*innen Handarbeiten. Sie erinnert sich an etwa 200 Bewohner*innen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Krankheiten, die zusammen dort wohnten.

»Es lag eine gewisse Düsternis über der Station, die Zustände waren eigentlich unhaltbar«, erinnert sich die ruhige Frau: »Die Fenster waren vergittert, in den Schlafsälen waren acht bis zehn Bewohner*innen untergebracht.« Privatsphäre habe es nicht gegeben, nicht einmal die Toiletten hatten Türen. »Vor der Wende durften Bewohnende nur in Gruppen und unter Führung nach draußen«, erzählt Lengwenus. Das änderte sich nach der Wende, doch manche Patient*innen fürchteten sich nun, alleine zu gehen. »Ich weiß noch, dass Heinz-Peter richtige Angst vor der Straße hatte«, erinnert sie sich. »Er war etwa 45 und hatte den Großteil seines Lebens auf der Station verbracht.«

In den 90er Jahren setzten sich Aktivist*innen für eine Enthospitalisierung der psychiatrischen Langzeitstation ein. Zu ihren zentralen Forderungen zählten ein höherer Grad an Selbstbestimmtheit für die Patient*innen und eine dezentrale Unterbringung. Dieser Prozess zog sich bis in die frühen 2000er Jahre. Auch Mitglieder des Initiativkreises waren damals an der Bewegung beteiligt. Einige ihrer Forderungen konnten umgesetzt werden. »Viele Bewohnerinnen und Bewohner wurden im Zuge dessen in Wohngruppen verlegt«, erzählt Lengwenus, »ihr Selbstbewusstsein wurde dort immer besser.«

»Die Riebeckstraße wurde auf verschiedenste Art genutzt, aber die Kontinuitäten sind heftig«, bemerkt Schuch. Man könne an der ehemaligen Arbeitsanstalt gut aufzeigen, wie sich die Verfolgung von devianten Personen durch die verschiedenen Regime gezogen habe. Insgesamt wisse man jedoch noch immer viel zu wenig zur Geschichte des Ortes. Was der Initiativkreis bisher erarbeitet hat, nennt er »Probebohrungen zu den verschiedenen Zeitschichten«. Wünschenswert wären Forschungsarbeiten zu dem Thema, auch aus einer vergleichenden Perspektive: »Die Riebeckstraße war ja nicht die einzige Arbeitsanstalt.«

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