Niemand soll aufs Auto angewiesen sein

Mobilitätsexpertin Katja Diehl spricht mit Bezirksbürgermeisterin über die Verkehrswende

»Willst du oder musst du Auto fahren?« Das ist die zentrale Frage, die Katja Diehl in ihrem Buch »Autokorrektur« stellt. In diesem geht es nicht nur um die Gründe dafür, dass nicht wenige auf das Auto angewiesen sind, sondern auch um die Vision, wie alles anders sein könnte. Am Dienstagabend hat Diehl ihr Buch im Park der Bezirkszentralbibliothek Pablo Neruda in Friedrichshain-Kreuzberg vorgestellt und mit Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) darüber gesprochen, wie es mit der Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs in der Realität aussieht.

»Autokorrektur« ist dabei mehr als nur ein Plädoyer gegen das Auto. Interessant sind vor allem die Interviews, die Diehl mit verschiedenen Menschen zum Thema Mobilität geführt hat. »Während der Interviews haben Leute geweint, weil sie gesehen haben, wie abhängig sie vom Auto sind«, erzählt sie. Diehl fragt in ihrem Buch ehrlich nach den individuellen Gründen, Auto zu fahren und berichtet so beispielsweise auch von Frauen, die sich hinter das Lenkrad setzen, weil sie in öffentlichen Verkehrsmitteln Angst haben. »Warum sollte jemand aus Klimagründen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, wenn man sich dabei unsicher fühlt?«, fragt Diehl am Dienstag. Die Mobilitätsexpertin meint, das Klima sei der letzte Grund, weswegen sich Menschen für den ÖPNV entscheiden werden. Davor müssten die Öffis verfügbar, bezahlbar, sicher und barrierearm werden.

Gleichzeitig wirbt sie dafür, das Auto dort radikal zurückzudrängen, wo es schon heute nicht gebraucht wird. »Wir können den Menschen mehr zumuten und das Pflaster auch mal schneller abreißen – so wie das hier im Graefekiez gemacht wird.« Für den Graefekiez hat die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg Ende Juni ein Pilotprojekt beschlossen, nach dem Autofahrer für einen mindestens sechsmonatigen Zeitraum im kommenden Jahr nicht mehr im Kiez parken dürfen. Ausnahmen gibt es für Menschen mit Beeinträchtigungen. Befahrbar sollen die Straßen weiterhin bleiben. Außerdem werden Parkplätze im Parkhaus am Hermannplatz für 30 Euro im Monat angeboten. Die Linksfraktion im Bezirk befürchtet jedoch, dass Autofahrer auf der Suche nach Parkplätzen auf die angrenzenden Straßen ausweichen. Auch hätte es vor dem Verkehrsversuch eine umfangreiche Befragung der Anwohner gebraucht.

Clara Herrmann verteidigt den Verkehrsversuch am Dienstag: »Die Mehrheit der Menschen hat gesagt, wir wollen die Autos raus haben.« Pop-up-Radwege, Parklets und Kiezblocks: in den vergangenen drei Jahren sei man »große Schritte« gegangen. Denn die Gesellschaft fordere die Verkehrswende aktiv ein, so die Bezirksbürgermeisterin. Doch selbst in Friedrichshain-Kreuzberg stößt nicht jede Idee uneingeschränkt auf Gegenliebe. Das zeigt auch das Thema Radbahn. An diesem Donnerstag findet der symbolische Spatenstich für eine Fahrradstrecke unter dem Kreuzberger Hochbahnviadukt der Linie U1 statt. Während der bis Sonntag laufenden Aktionstage soll auf Höhe der Oranienstraße erlebbar werden, wie es hier zukünftig aussehen könnte. Bei einer Diskussion vor zwei Wochen äußerten sich nicht wenige kritisch zu der Idee. Dabei geht es nicht nur um wegfallende Parkplätze. Unter anderem wurde kritisiert, dass der Bau eines Radweges Obdachlose von den Plätzen unter dem Hochbahnviadukt vertreiben würde.

Auch der Fahrgastverband IGEB hat Bedenken. Es müsse sichergestellt werden, dass ein Radweg Fahrgäste beim Zugang zur U-Bahn nicht gefährde. »Es ist ein grundsätzliches Problem, dass der ÖPNV bei der Verkehrswende vergessen wird«, sagt IGEB-Sprecher Jens Wieseke zu »nd«. Auch bei den Kiezblocks, die den Durchgangsverkehr aus Wohngebieten aussperren sollen, fordert Wieseke eine vorausschauende Verkehrsplanung, die den ÖPNV nicht ausbremst.

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