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Raus aus dem Teufelskreis

Mehr Fluch als Segen: Das Thema Zeitarbeit in Berliner Krankenhäusern wird heftig diskutiert

Wer ist Leiharbeiterin, wer nicht? In Berliner Kliniken laufen dazu aufgeladene Debatten.
Wer ist Leiharbeiterin, wer nicht? In Berliner Kliniken laufen dazu aufgeladene Debatten.

»Ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel«, fasst es Ilona Hanuschke, Pflegedirektorin der Caritas-Klinik Maria Heimsuchung in Berlin-Pankow zusammen. Es geht der Pflegeexpertin in einer kürzlich stattgefundenen Debatte mit anderen Pflege-Akteur*innen auf Einladung der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) aber nicht um Rezepte für Obstpunsch oder andere hausgemachte Produkte fürs Leibeswohl. Es geht ihr um ein hausgemachtes Problem, das an Berliner Kliniken im wahrsten Sinne für handfeste Konflikte sorgt – und in den Augen vieler für einen eklatanten Mangel beim Patientenwohl: um Zeitarbeit.

Aufgrund der zunehmenden Personalnot musste in vielen Einrichtungen der medizinischen Versorgung in den vergangenen Jahrzehnten im Bereich des Pflegepersonals auf sogenannte Leasingkräfte, also Leiharbeiter*innen, zurückgegriffen werden – Tendenz steigend. Für die Stammbelegschaft ergibt sich daraus in vielen Fällen allerdings keine Ent-, sondern eine zusätzliche Belastung. »Ein Drittel davon ist sehr gut, ein Drittel läuft so mit und ein Drittel geht gar nicht, das ist wirklich katastrophal«, sagt Ilona Hanuschke sichtlich angefasst, als sie gebeten wird, eine Einschätzung zur Qualität der Arbeit der entsprechenden Beschäftigten zu geben.

Ähnliches klingt bei Berliner Pflegewissenschaftler*innen an. Mindestens als »Dilemma« bezeichnet Karl Blum, Vorstand und Forschungsleiter am Deutschen Krankenhausinstitut, das Phänomen Zeitarbeit im Krankenhaus. Lutz Schumacher, Professor für Personalmanagement und Organisationsentwicklung in Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, stellt zwar in den Raum, ob es sich bei Zeitarbeit um »Fluch oder Segen« handele. Aber auch seine Untersuchungen deuten in eine klare Richtung: Leasingkräfte, auf die die vor Personalnot ächzenden Kliniken angewiesen sind, bringen enorme strukturelle Komplikationen mit sich.

Da gibt es zum einen das Problem einer gespaltenen Belegschaft: Zeitarbeitende können gegenüber dem Stammpersonal nach Wunsch arbeiten, sie erhalten eine deutliche bessere Entlohnung, die Festangestellten müssen zusätzlichen Einarbeitungsaufwand sowie Qualitätsprobleme bei ständig wechselndem und mit der Einrichtung nicht vertrautem Personal ausgleichen. Nicht zu reden vom mangelnden Vertrauensverhältnis unter den Beschäftigten und zu den Patient*innen.

Damit verbunden zeigt sich ein anderes Problem mit höchst dramatischen Folgen. Die Rede ist von einer signifikant gestiegenen Sterblichkeitsrate bei Patient*innen auf den betreffenden Stationen, wie Schumacher erklärt. Er verweist in dem Zusammenhang auf vergleichbare Studien aus der US-Metropole Philadelphia und aus Großbritannien. Sowohl Personalnot als auch mangelnde Qualifikation des Pflegepersonals werden hier als Indikatoren für die Gefahr schwerer gesundheitlicher Folgen bis hin zur Letalität genannt.

Spätestens an dem Punkt – das ist den Leasing-Kritiker*innen – deutlich anzumerken, können Argumente für eine Fortsetzung des Modells nur noch schwerlich geltend gemacht werden. »Diskutieren wir miteinander über einen festen Rahmenvertrag«, fordert beispielsweise BKG-Geschäftsführer Marc Schreiner die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen, Andrea Resigkeit, auf. Schreiner setzt sich seit Jahren dafür ein, dass aus den genannten Gründen auf Zeitarbeit in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen weitgehend verzichtet wird. Wo das nicht möglich ist, müssten für diese deutlich höhere Qualitätsstandards vereinbart werden. »Für eine hochqualitative Versorgung benötigen die Einrichtungen verlässliche, gut eingearbeitete und aufeinander abgestimmte Teams«, sagt Schreiner. Resigkeit hatte zuletzt erklärt, Rahmenverträge seien juristisch nicht machbar.

Trotz alledem kommt man an den Gründen, warum viele Stammbeschäftigte aus dem Krankenhausbetrieb in die Leiharbeit wechseln, nicht vorbei. Sie erleben dort nämlich, was ihnen in der Arbeit als Festangestellte fehlt: eine verlässliche Dienst- und Einsatzplanung, kein »Holen aus dem Frei«, bessere Vergütungen, keine Nacht-, Wochenend- oder Feiertagsdienste, familienfreundliche Teilzeitarbeit. »Zeitarbeit bedeutet für die meisten Pflegekräfte nicht die Erfüllung ihrer Berufsträume. Vielmehr fliehen sie vor den belastenden Arbeitsbedingungen im Krankenhaus«, sagt Lutz Schumacher. Und sie sorgen dafür, dass weitere Festangestellte verunsichert würden und sich die Frage stellen würden: Warum soll ich zu derart schlechten Bedingungen arbeiten, wenn es auch anders geht?

Berlin ist von Zeitarbeit in der Pflege deutlich stärker betroffen als der Bundesdurchschnitt. Nach aktuellen Erhebungen beträgt der Anteil von Zeitarbeitskräften in Berlin 9,2 Prozent, bundesweit hingegen nur 2,7 Prozent (Stand 2020). Sie mache die Erfahrung, dass viele Kolleg*innen aus anderen Bundesländern das Verfahren daher keineswegs als Problem wahrnehmen, berichtet Juliane Blume, Vorsitzende des Landespflegerats Berlin-Brandenburg. Die klare Gegnerin der Zeitarbeit in der Pflege befürchtet, dass auch bei Regulierungsversuchen das Problem nicht kleiner wird, sondern sich »neue Teufelskreise« auftun.

Grundsätzlich gilt: Zeitarbeit wird zur Abdeckung von kurzfristigen Personalausfällen oder Belastungsspitzen eingesetzt. Allerdings – und genau darin sieht die BKG das Problem – ist dabei inzwischen »ein eigenständiger, verfestigter Arbeitsmarkt« entstanden. »Zeitarbeitsfirmen nutzen die angespannte Arbeitsmarktlage und diktieren die Entleihbedingungen zum Teil nach Belieben. Kontinuierlich fließen damit finanzielle Mittel aus den Einnahmen der Solidargemeinschaft in Gewinnmargen der Zeitarbeit«, kritisiert man seitens der Krankenhausgesellschaft. Für die Kliniken nennt Johannes Danckert, Geschäftsführender Vorstand von Vivantes, Zahlen: »35 Millionen Euro kostet Vivantes der Rückgriff auf Leasingkräfte. Ein Viertel davon wird nicht über die Kostenträger refinanziert.«

Um die geschilderten Probleme einzudämmen, sieht man verschiedene Optionen. So sollen neben betrieblichen Maßnahmen die Kliniken wieder in die Lage gebracht werden, aktive Fachkräftegewinnung und Nachwuchssicherung zu betreiben. Um die Personalflucht zurückzudrängen, hat die BKG unter anderem deshalb eine Kampagne für den Wiedereinstieg in die Festanstellung aufgelegt. Unter dem Titel »Pflege Jetzt Berlin« wendet man sich an Qualifizierte und verspricht: »Wir haben verstanden!« Mit sofortiger Einstellung, unbefristeter Beschäftigung, Bruttogehältern zwischen 3000 und 5000 Euro im Monat will man vielfältige Bewerber*innen ermutigen, den Schritt (zurück) zu machen in die Stammbelegschaften.

Geht es um gesetzliche Maßnahmen, um die Zeitarbeit in der Pflege einzudämmen, sind Bund und Land gefragt. Innerhalb der rot-grün-roten Koalition des Landes Berlin ist man sich nicht unbedingt einig, liegt aber letztlich auch nicht so weit auseinander. Während sich Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) eher für eine starke Regulierung ausspricht, etwa in Bezug auf Kosten und Länge von Zeitarbeit in der Pflege, zeigt sich Lars Düsterhöft, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, deutlich angriffslustiger: »Verbieten!«, fordert der Sozialdemokrat unumwunden, »ganz klar«.

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