Spektakel mit Eingeborenen

Die Geburststagsglückwünsche für Werner Herzog sind geschrieben. Wenig war darin zu lesen, mit welch fragwürdigen Methoden Filme wie »Fitzcarraldo« entstanden

Werner Herzog beim Dreh von "Fitzcarraldo". Die Stimmung am Set war eher bescheiden, glaubt man den Gesichtern.
Werner Herzog beim Dreh von "Fitzcarraldo". Die Stimmung am Set war eher bescheiden, glaubt man den Gesichtern.

Im Jahr 1979 begann Werner Herzog seinen zweiten Spielfilm, der im peruanischen Amazonasgebiet spielt, »Fitzcarraldo«. Zuerst ohne Klaus Kinski, dann doch mit ihm als: Fitzcarraldo. Über diese Filmproduktion gibt es eine sehenswerte Dokumentation von Les Blank: »Die Last der Träume«. Darin enthalten ist ein Gespräch im Filmcamp, in dem Herzog erklärt, die eigentliche Geschichte von Fitzcarraldo hätte ihn nicht interessiert. Wie der Kautschukbaron durch die Nutzung der gummisafthaltigen Bäume im peruanischen Amazonasgebiet reich geworden und einer der Pioniere der Eroberung des Gebietes durch die Weißen gewesen sei. Was ihn allein interessiere, sei die Episode, wie Fitzcarraldo, um das Land zur Kautschukgewinnung zu erschließen, ein Boot über eine Landhöhe zwischen zwei Flüssen schaffen ließ, dort, wo diese am nächsten beieinander lagen.

Die kapitalistische Inwertsetzung und deren soziale Kosten sind nicht sein Thema. Sondern der tatendurstige Macho, der um beinahe jeden Preis eine Idee umsetzen will. Umsetzen lassen will, denn er selbst zog das Schiff nicht über den Berg.

Herzog wollte auch hier wie bei »Aguirre« alles so authentisch wie möglich. Weshalb in »Fitzcarraldo« unter Anstrengungen der Komparsen »ein wirkliches Schiff über einen wirklichen Berg geschleppt wird«, wie Herzog in seinem während der Dreharbeiten geführten Tagebuch notiert, das er 2004 unter dem Titel »Eroberung des Nutzlosen« veröffentlicht hat. Volker Schlöndorff, Filmemacher und Freund Herzogs, besprach das Buch begeistert im »Spiegel«: Es ginge um »eine Fülle grotesker, tragischer und lächerlicher Anekdoten … Flugzeugabstürze, Indianeraufstände, Schiffe in Stromschnellen verschwunden, auf Sandbänken oder Bergen gestrandet, Männer und Frauen über Bord, Hollywood-Darsteller im Streit, Messerstechereien, Meuchelmörder, Giftpfeile und tödliche Kreuzspinnen, Feuerameisen und Boa Constrictor, dieses ganze Arsenal einer überbordenden Abenteuerpistole«.

Eine »lächerliche Anekdote«, die in dieser Aufzählung bagatellisiert wird, führte 1979 zu Verhaftungen, schießenden Soldaten auf einer Dorfversammlung und einer – erfolgreichen – Vertreibung des Filmcamps. In der Nähe des Dorfes Wawaim im peruanischen Tiefland liegen zwei Flüsse so eng beieinander, dass Herzog hier drehen wollte. In der Region leben Indigenisierte; denn durch die Konquistadoren und die folgende kapitalistische Inwertsetzung wurden sie indigenisiert, zu rückständigen Eingeborenen, Indianern erklärt. Aber genau hier, wo Herzog drehen wollte, hatten Indigenisierte eine funktionierende Selbstorganisation aufgebaut. Der »Rat der Aguaruna und Huambisa« erklärte, »dass wir die Realisierung eines Filmes über den Kautschukunternehmer Fitzcarraldo nicht unterstützen können, der direkt verantwortlich war für den Tod vieler Indigener«.

Am 5. Juli 1979 beschloss die Dorfversammlung von Wawaim nach einem Gespräch mit Vertretern des Filmteams, dass diese nicht auf dem Gebiet ihrer Gemeinde drehen dürfen. Die Filmleute gaben sich damit nicht zufrieden, kamen wenig später in Begleitung einer Gruppe von Offizieren der Militärgarnison »Chavez Valdivia« zurück »die gewaltsam in den Raum einfiel, Schüsse in die Luft feuerte«, so Evaristo Nugkuag Ikanan, seinerzeit Präsident des Rates. »Unter dem Eindruck der Panik unter den Anwesenden erzwang man, ein Dokument zugunsten der Filmkompanie zu unterzeichnen.«

Das Filmteam beharrte auf dem Drehort Wawaim auch mit der Begründung, dass dort ja gar keine echten »edlen Wilden« mehr lebten, sie also auch keine Kultur mehr zerstören könnten. Herzog berief sich auf einen Artikel der »Ferenczy-Press« zum Konflikt, in dem es heißt: »So haben wir bei unserem Besuch in Wawaim am oberen Maranon und Cenepa von einer Indio-Kultur, die die Herzog-Film-Gesellschaft angeblich zu zerstören droht, nichts gesehen. Die Eingeborenen trafen wir an in John-Travolta-Hemden und Blue Jeans«. Pfui! Also: Keine authentische Indiokultur, die schützenswert wäre, entschieden die völkischen Kulturexperten aus Deutschland. Dann braucht ja auch sonst auf deren Rechte keine große Rücksicht genommen zu werden. Und so arbeiteten sie weiter an ihrem Filmprojekt, ignorierten die Einsprüche der Bevölkerung vor Ort. Das Filmcamp wurde später von Leuten aus Wawaim gestürmt. Als die Armee nicht da war, wurde das Filmteam in Boote gesetzt und verabschiedet. Eine erfolgreiche direkte Aktion.

Fortgesetzt wurde die Filmproduktion dann an zwei anderen Flüssen, im peruanischen Camisea. Die Zustimmung und Mitarbeit der dortigen Indigenisierten wurde mit einem Versprechen erreicht: »Die Leute der Filmgesellschaft haben gesagt: Wir werden euch helfen, den Landtitel für eure Comunidad zu bekommen. Das haben sie in Camisea gesagt. Und die Ashanika haben geglaubt, dass sie den Landtitel bekommen würden. Doch es war gelogen«, so Jaime Shobote vom Rio Ene: »Die Deutschen haben keine Befugnis, den Landtitel zu vergeben. Sie wollten nur ihren Film drehen.«

Das Gespräch hat der engagierte Ethnologe Manfred Schäfer geführt, es ist in seinem Buch »Weil wir in Wirklichkeit vergessen sind« enthalten, in dem das Auftreten der Herzog-Film-Gesellschaft dokumentiert und eingeordnet wird als ein Mosaikstein der Entrechtung der Indigenisierten und der Ausbeutung ihres kommunalen Landes. Das im auf kritische Ethnologie spezialisierten Kleinverlag Trickster erschienene Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Außerdem protestierten in der BRD zum Filmstart 1982 das Lateinamerikakomitee München mit dem Theaterstück »Aguaruna und der Zorn des Werner Herzog«, die Gesellschaft für bedrohte Völker, in deren Zeitschrift »Pogrom« mehrere Artikel erschienen und weitere Gruppen in einer heute leider vergessenen Kampagne gegen das Vorgehen der Filmproduktion von Werner Herzog.

Wer Herzogs »Fitzcarraldo« sieht, bekommt von diesen Konflikten beim Dreh nichts mit. Dafür gibt es schöne Naturbilder, auch vom Schiff in den gefährlichsten Stromschnellen Perus im reißenden Fluss und eine unterkomplexe Handlung. Und die Band Popul Vuh lieferte sphärische Klänge dazu. Esoterisches Bohei um eine Machophantasie. Es gibt keinen realen Gegenpart zu Fitzcarraldo, als ob im Dschungel keine individuellen Persönlichkeiten leben. Im Film sind die Indigenisierten echte »edle Wilde«, die von Fitzcarraldo mit Opernarien gezähmt werden – scheinbar gewaltfreier Neokolonialismus mithilfe von Caruso. Herzog ist dabei konsequent: Wenn er seine Indios in traditionellem Federschmuck und mit vorspanischen Sprachen auftreten lässt, gibt es keine Untertitel. So, als ob es nicht wert wäre zu verstehen, was sie sagen.

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