Löchriges Frühwarnsystem

Die schulpsychologische Betreuung ist in jedem Bundesland anders geregelt, deckt aber den Bedarf nicht

  • Von Renate Wolf-Götz
  • Lesedauer: 5 Min.
Gewalt auf dem Schulhof: Beteiligte Kinder brauchen Unterstützung, mitunter auch von Psychologen.
Gewalt auf dem Schulhof: Beteiligte Kinder brauchen Unterstützung, mitunter auch von Psychologen.

Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen haben während der Corona-Pandemie deutlich zugenommen. Die Zahl der wegen Essstörungen behandelten Minderjährigen sei um rund 60 Prozent gestiegen, stellte die Kaufmännische Krankenkasse anhand ihrer Versicherungsdaten von 2020 fest. Depressionen oder Burnout hätten im selben Zeitraum um 30 Prozent zugenommen und sich damit innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Unter anderem die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) sieht deshalb einen dringenden Bedarf an Frühwarnsystemen, um Langzeitschäden zu vermeiden.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Neben den täglichen Herausforderungen mit Homeoffice, Homeschooling und Haushalt während der Lockdown-Zeiten war es Eltern kaum möglich, erste Anzeichen für eine psychische Störung bei ihrem Nachwuchs zu erkennen. »Da lagen die Nerven ohnehin schon blank«, sagt Frank Beer, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Klinik Hochried im oberbayerischen Murnau. Zusätzlich war die Verbindung zu Lehrern, Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen häufig unterbrochen.

Doch auch in Zeiten mit normalem Schulbetrieb sind die Grenzen für Schulpsychologen, die Schülern und Eltern beratend und diagnostisch zur Seite stehen sollen, eng gesteckt: Je nach Bundesland sind die einzelnen Fachkräfte für 5000 bis 12 000 Schülerinnen und Schüler zuständig. Selbst die sonderpädagogischen Förder- und Beratungsstellen der Schulämter hätten eine begrenzte Kapazität, beklagt der Schulpsychologe Martin Müller. Der Leiter des Psychologen- und Therapeutenteams am Leonardo-da-Vinci-Campus, einer privaten Ganztagsschule im brandenburgischen Nauen, weist zudem darauf hin, dass die jeweiligen Berater auf entsprechende kinder- und jugendpsychiatrische Expertise angewiesen sind.

Die rechtliche Grundlage für eine schulpsychologische Versorgung ordnen in Deutschland die jeweiligen Bildungs-, Kultus- und Schulministerien an. Damit wird der Einsatz von Schulpsychologen in jedem Bundesland anders geregelt. In Ausnahmefällen wird ein Schulpsychologe kontinuierlich in nur einer (Brennpunkt-)Schule eingesetzt. Manchmal ist eine Fachkraft jedoch für eine ganze Region zuständig. Zudem ist der Einsatz von Schulpsychologen nicht in allen Bundesländern verpflichtend. Deshalb fordert die Kultusministerkonferenz schon seit Längerem – und besonders nachdrücklich nach Katastrophen wie den Amokläufen in Erfurt oder Winnenden – eine flächendeckende Versorgung. Während in Baden-Württemberg, dem Saarland und in Bayern kommunale schulpsychologische Dienste die Unterversorgung kompensieren sollen, kommen in Bayern auch Lehrkräfte mit einem Aufbaustudium in Psychologie zum stundenweisen schulpsychologischen Einsatz an ihrer Schule.

In einzelnen Bundesländern sind Schülervertreter schon auf die Barrikaden gegangen, weil trotz der Zunahme an Stressfaktoren nicht einmal die Hälfte der Hilfesuchenden Unterstützung findet. Mit ihrem hohen Leistungsdruck seitens der Schule und der Eltern, der digitalen Reizüberflutung, Mobbing in sozialen Netzwerken und dauernden Versagensängsten kommen viele Kinder und Jugendliche nicht mehr klar. Ängste, die sich in Symptomen psychischer Störungen wie Zittern, Magenschmerzen oder Erbrechen äußern, führen vermehrt zu Schulabstinenz, wenn keine Hilfe in Sicht ist, hat Schulpsychologe Martin Müller beobachtet.

Nach Erhebungen der BPtK erkranken fast 20 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung. Dabei würden Symptome wie Ängste, depressive, hyperkinetische sowie dissoziale Störungen häufig nicht erkannt und behandelt, so der BPtK-Präsident Dietrich Munz. Trotz der gestiegenen Zahl an Erkrankten müssen fast 40 Prozent der Betroffenen länger als sechs Monate auf einen Behandlungsplatz in einer psychotherapeutischen Praxis warten.

Die 16-jährige Alica etwa hat erst nach einem Selbstmordversuch während der Lockdown-Zeit einen Platz in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik bekommen. Zunächst wurde das verzweifelte Mädchen auf der geschlossenen Station isoliert und medikamentös behandelt. Auch Anna (beide Namen geändert), deren Ängste sich in Flashbacks Ausdruck verschafften, berichtet von ihrer Psychiatrieerfahrung, von speziellen, reizarmen sogenannten Time-Out-Räumen mit Kameraüberwachung und Ruhigstellung mit Medikamenten, die nicht nur beruhigen, sondern auch süchtig machen.

Psychiatrie sollte indessen als sprechende Medizin verstanden werden, sagt Katharina Bühren. Die Ärztliche Direktorin des Heckscher-Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern will die geschlossenen in »beschützende Abteilungen« umbenennen. Die Patienten dürften sich nicht weggesperrt fühlen, sondern ernst genommen und geschätzt werden.

Laut dem bayerischen Psychiatriebericht sei eine vorübergehende Unterbringung in einem Time-Out-Raum ohnehin nur als Ultima Ratio zu verstehen. Die Landtagsabgeordnete der Grünen in Bayern, Kerstin Celina, sieht darin indessen ein systemisches Problem. Zwangsmaßnahmen wie Ruhigstellung beruhten ihrer Ansicht nach vor allem auf einem Mangel an Fachpersonal.

BPtK-Präsident Munz warnt: »Nicht behandelte Ängste und Depressionen im Kindes- und Jugendalter erhöhten deutlich das Risiko, im Erwachsenenalter erneut psychisch zu erkranken«. Je schwerer und langwieriger psychische Erkrankungen in jungen Jahren verliefen, desto aufwendiger und teurer sei eine Behandlung später. Munz sieht darin auch einen Ausdruck sozialer Ungleichheit.

Darüber hinaus geraten Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen schnell ins Abseits, wie eine Studie des Universitätsklinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Heidelberg zeigte. Isolation im privaten Umfeld und Schulabstinenz seien häufig die Folge. Während der Studie wurden geschulte Lehrer eingebunden, die etwa mit Rollenspielen Schüler für ihre Probleme und den Umgang damit sensibilisieren sollten. Dabei wurde den Lehrern bewusst, wie unzureichend sie selbst in ihrer Ausbildung auf psychische Probleme der Schüler vorbereitet werden. Dennoch sind Psychologen, die Lehrer im Schulalltag begleiten könnten, hierzulande rar. Ein Schulpsychologe ist in Deutschland etwa für 10 000 Schüler zuständig. Dagegen betreut ein Kollege in Dänemark 770 Schüler.

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