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Großes Gelausche

Bilderrausch: Florentina Holzinger eröffnet mit »Ophelia’s got talent« die neue Spielzeit an der Berliner Volksbühne

Kraftvoll und temporeich: "Ophelia’s got talent"
Kraftvoll und temporeich: "Ophelia’s got talent"

In Berlin ist der Herbst angebrochen und die Theater eröffnen die neue Spielzeit. Es ist kalt am Premierenabend von Florentina Holzingers neuestem Streich »Ophelia’s got talent«, und dennoch versammelt sich das Publikum gutgelaunt und erwartungsfroh vor der Volksbühne. Nach Rosa Luxemburg heißt der Platz, an dem die Menschen warten. Die Frage drängt sich vor diesem Theaterabend, der sich assoziativ um Wasser und Weiblichkeit drehen wird, auf: Ist die Luxemburg eine Ophelia-Figur? Wohl nicht. Doch sie ist selbst zu einer eigenen mythischen Gestalt geworden. Die Volksbühne ist auch Gedenkort, der Landwehrkanal Mahnmal für sie. Den Vers »Du liegst im großen Gelausche« hatte Paul Celan für sie gedichtet. Die Wunde Luxemburg klafft, auch wenn einige das nicht sehen wollen, seit mehr als hundert Jahren tief – und will nicht verheilen.

Der Name Rosa Luxemburg fällt nicht in »Ophelia’s got talent«. Die zwei Stunden und 40 Minuten lange, aber zu keiner Zeit langweilige Inszenierung beginnt – der Titel legt es nahe – mit einer Talentshow, wie sie in den 2000er Jahren das Abendprogramm im Fernsehen dominierten. Die Jurorinnen nehmen an der Seite Platz, ihre Reaktionen werden mittels Live-Kamera übergroß projiziert. Die drei Frauen sind wie auch die Kandidatinnen allesamt entblößt. Es gehört zu den wiederkehrenden Setzungen der österreichischen Choreografin Holzinger: Sie arbeitet ausschließlich mit Frauen, die sich in ihren Arbeiten wiederum, schambefreit, nackt zeigen.

Die TV-Parodie fördert unterhaltsam das Offensichtliche zutage: den objektivierenden Blick auf Frauen, dem zu entkommen eine unlösbare Aufgabe scheint, und die Dynamik des Sich-Beweisens und des Bewertet-Werdens. Bevor eine solche szenische Anlage ins Peinliche zu kippen droht, findet Holzinger andere theatrale Formen. Die 36-Jährige kennt alle Kniffe und Fallstricke der Bühnenwirkung, so bekommt man hier den Eindruck. Dem Programmzettel wird zu den Vorstellungen ein Glossar beigegeben, in dem die weiblichen Wasserwesen der Mythologie erklärt werden: Melusine und Undine, Meerjungfrauen, Leda, die titelgebende Ophelia, die Sirenen und auch die Loreley. In dem stark verdichteten Bühnenspektakel kann nun, wer will, die Mythenfortschreibung (oder -dekonstruktion?) ablesen, die Performerinnen als Abbilder aus der Sagenwelt dechiffrieren.

Dem sich dabei einstellenden Nummercharakter kommt Holzinger durch Temporeichtum bei. Und so springt man von einem faszinierenden Bild zum anderen. Dafür wird hier alles aufgefahren, was Bühnenkunst und Bühnentechnik zu bieten haben. Das Bühnenbild wird durch ein Bassin geprägt, zwei Tauchbecken kommen dazu. Und weil jeder Effekt einmal vorübergeht, reihen sie sich bei Holzinger aneinander: Feuer und Regen begegnen uns als Naturgewalten. Poledance und Gesang, Schwertschlucken und Entfesselungskünste werden zur Aufführung gebracht. In den letzten 30 Minuten scheint es, als würde hier ein Schlussbild entwickelt, das dann aber jeweils durch ein noch größeres, noch effektvolleres abgelöst wird.

Auf die besonders eindrücklichen Erfahrungen gibt indes schon vorab eine Triggerwarnung einen Hinweis: Man empfehle den Vorstellungsbesuch erst für ein Publikum ab 18 Jahren, die Inszenierung beinhalte selbstverletzende Handlungen, Stroboskoplicht sowie die explizite Darstellung oder Beschreibung körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Also nichts für schwache Nerven. Und doch irritiert im Nachhinein vor allem die vollkommene Ästhetisierung des Abgründigen. Jeder Schockeffekt schließt formvollendet an leichtere, wenn nicht humorvolle Szenen an und wird damit verstärkt. Ob man nun seine Bühnenpartnerin tätowiert oder sich selbst pierct. Aber insbesondere die Schilderung einer Vergewaltigung, die dazu noch durch das Bühnengeschehen eine Illustration erfährt, ist eine Zumutung – vielleicht, darf man hinzufügen, auch eine wichtige Konfrontation mit brutaler Realität. Dass das szenische Gesamtgefüge das Extreme aber zu harmonisieren versteht, alles in einen Fluss bringt, was doch nicht zu ertragen sein kann, ist zumindest verstörend.

Wer die Vorgängerarbeiten von Holzinger gesehen hat, der weiß auch von ihrem Interesse an motorisierten Gefährten. Autos und Motorräder hat sie schon auf die Bühne gebracht. Da verwundert es kaum, dass dann ein Hubschrauber hinter dem Bühnenportal heruntergelassen wird. Hier wird nicht an Mitteln gespart. Dazu passt, dass die Choreografin dieses Abends kürzlich in einem Pressegespräch bemerkte, dass das Theater ein guter Raum für Verschwendung sei. Keine unsympathische Haltung in einer Zeit, in der einem eingeredet wird, die persönliche Entbehrung sei Notwendigkeit für vorgeblich gerechte Kriege, an denen man partizipieren möchte, ohne es so zu nennen.

Dieser Inszenierung kann man einiges abgewinnen – der überbordende Schlussapplaus gibt Zeugnis davon. Vor allem ist Florentina Holzinger eine herausragende Bildkomponistin. Wo andere Regisseure ihre Darsteller bieder zum Textaufsagen an die Rampe schicken, da entwickelt sie große Bilder, die scheinbar ganz mühelos entstehen. Und darin ist sie viel feinsinniger, als es das Image als Skandalregisseurin vermuten lässt.

Was Holzinger damit gelingt, ändert aber wenig an einem Grundproblem dieser Art des postliterarischen Performancetheaters, das sich nicht für 20 Minuten in Galerien ereignet, sondern abendfüllend sein will: Die kunstvoll aufgerufenen Bilder müssten Verbindungen eingehen, die tiefer greifen, als es lose szenische Assoziationsketten vermögen. Nicht ein Motiv kann eine Theaterinszenierung allein tragen, sondern ihr Zentrum müsste ein komplexes Beziehungsgefüge sein.Beeindruckt von der Kunstfertigkeit verlässt der Kritiker die Volksbühne. Beeindruckt und doch betrogen um einen Abend, der noch mehr hätte sein können. So kalt scheint es gar nicht mehr. »Rosa-Luxemburg-Platz« steht über dem Eingang zum U-Bahnhof. Bei Celan heißt es weiter: »Der Mann ward zum Sieb, die Frau / mußte schwimmen, die Sau, / für sich, für keinen, für jeden –«. Die Wunde bleibt.

Nächste Vorstellungen: 17., 18., 19.9. www.volksbuehne.berlin

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