Bedrohlicher Antarktisgletscher

Thwaites-Gletscher hält sich »nur noch mit den Fingernägeln fest«

  • Von Barbara Barkhausen
  • Lesedauer: 3 Min.
Dieser Gletscher ist aufgrund der Klimakrise ein möglicher Auslöser katastrophaler Überschwemmungen.
Dieser Gletscher ist aufgrund der Klimakrise ein möglicher Auslöser katastrophaler Überschwemmungen.

Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis kam nicht ohne Grund zu seinem Spitznamen »Weltuntergangs-Gletscher«. Rutscht der Gletscher ins Meer, hat dies Folgen für die gesamte Welt. Etliche Küstenstädte könnten überflutet, ganze Länder unbewohnbar werden.

Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im Fachjournal »Nature Geoscience«, zeigt nun, wie schnell die Schmelze in den vergangenen Jahren vorangeschritten ist. »Der Thwaites hält sich inzwischen wirklich nur noch mit seinen Fingernägeln fest«, sagt Robert Larter, Meeresgeophysiker beim British Antarctic Survey und Mitautor der Studie. Sobald der Gletscher einen bestimmten Punkt überschreite und sich über einen flachen Grat in seinem Bett zurückziehe, habe er das Potenzial, noch schneller als bisher zu schrumpfen. »Wir sollten in Zukunft mit großen Veränderungen in kleinen Zeiträumen rechnen – sogar von einem Jahr zum nächsten«, warnte Larter.

Das internationale Autorenteam der Studie reiste Anfang 2019 mit dem Eisbrecher »Nathaniel B. Palmer« in die Antarktis. Mithilfe eines autonomen Unterwasserfahrzeugs gewannen die Wissenschaftler geophysikalische Daten für einen etwa 13 Quadratkilometer großen Bereich. Der so kartierte kritische Bereich vor dem Gletscher gibt Einblick, wie schnell sich der Thwaites in der Vergangenheit zurückgezogen hat.

Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass der Thwaites-Gletscher anfällig für einen schnellen Rückzug ist. So hatte sich der vordere Teil des Gletschers in den vergangenen zwei Jahrhunderten irgendwann vom Meeresboden abgelöst. Seither schrumpfte er um 2,1 Kilometer pro Jahr, etwa doppelt so schnell, wie Satellitendaten aus den Jahren 2011 bis 2019 dokumentierten. Alastair Graham, ein Forscher der University of Florida, der die Studie leitete, sagte, dass dies die zuvor gehegte Hoffnung zunichte mache, dass die antarktischen Eisschilde träge und langsam auf Klimaveränderungen reagieren würden. »Nur ein kleiner Kick könnte beim Thwaites zu einer großen Reaktion führen«, sagte der Wissenschaftler. Schon heute trägt das Abschmelzen dieses Gletschers rund vier Prozent zum jährlichen Meeresspiegelanstieg bei.

Auch andere Gletscher sind bereits ins Meer abgestürzt. Ein Kollaps des Thwaites-Gletschers wäre allerdings besonders gefährlich, da er das Potenzial hat, die Erde, so wie wir sie kennen, massiv zu verändern. Denn der Verlust des Gletschers, der mit 192 000 Quadratkilometern fast so groß wie Großbritannien ist, würde den Meeresspiegel global um etwa 65 Zentimeter ansteigen lassen, erklärte Nicholls. »Und das Risiko, dass dann noch weitaus mehr folgt, ist durchaus real.« Denn ein Kollaps des Kolosses könnte den gesamten westantarktischen Eisschild destabilisieren.

Schmilzt dieser in der Folge ebenfalls, so steigt der Meeresspiegel gar um zwei bis drei Meter an. Städte wie San Francisco, New York, Miami, London, Jakarta oder Hamburg würden überflutet. Für einige Pazifikstaaten wie Kiribati oder tiefliegende Länder wie die Niederlande oder Bangladesch wären die Folgen ebenfalls katastrophal.

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