Das asiatische Jahrhundert

Indien und China, die beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Welt, versuchen in Samarkand eine Annäherung

Am Rande des Gipfels der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) in der usbekischen Stadt Samarkand stehen die Zeichen zwischen Indien und China weiter auf Entspannung.

Die Beziehungen zwischen den beiden Milliardenvölkern und asiatischen Supermächten waren in der jüngeren Vergangenheit schwersten Belastungen ausgesetzt. Zusätzlich zu den seit Jahrzehnten schwelenden territorialen Fragen kam es 2020 zu einem blutigen Grenzkonflikt. Außerdem nimmt Delhi die chinesischen Aktivitäten in der eigenen südasiatischen Hemnisphäre mit großer Besorgnis zur Kenntnis. Hierzu zählen die engen Beziehungen zwischen China und Pakistan, die Präsenz Pekings in Sri Lanka sowie die Aufrüstung beider Staaten und die chinesischen Staudammprojekte im Himalaya. Delhi reagierte bisher auch mit größter Reserviertheit auf die Avancen Pekings, sich in das Seidenstraßen-Projekt zu integrieren. Im Zuge des Krieges in der Ukraine versuchten westliche Staaten aufstrebende außereuropäische Mächte auf ihre antirussische Seite zu ziehen. Dieser strategische Entwurf scheiterte aber, dafür entspannte sich das Verhältnis zwischen Indien und China. Die beiden asiatischen Großmächte einigten sich darauf, ihren abgebrochenen Verteidigungsdialog wieder aufzunehmen. Die größten Bedrohungswahrnehmungen Indiens bestehen aber in der sich rasant ausbreitenden Präsenz Pekings in Südasien. Chinesische Unternehmen engagieren sich dort vor allem beim Bau von Häfen und anderen Infrastrukturprojekten. Die indische Regierung sieht die Gefahr einer wachsenden militärischen Präsenz Chinas in der traditionellen Einflusssphäre. Delhi ist darum bemüht, durch eigene Investitionen und Initiativen in Südost-, Ost- und Zentralasien dem chinesischen Einfluss entgegenzuwerken. Indiens Initiativen fokussieren sich hierbei auf die Stärkung der Handelsbeziehungen, flankiert von verteidigungspolitischen Maßnahmen.

Diese Konfliktlinien dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die beiden asiatischen Giganten dennoch mannigfaltig miteinander kooperieren. Zum Beispiel im Rahmen der SCO, wie auch in der Staatengemeinschaft BRICS, welche ohne eine Verständigung zwischen Delhi und Peking eigentlich nicht funktionsfähig wären. Dieses ist beiden Regierungen klar. Seit einigen Monaten betreibt das indische Außenministerium eine Art Charme-Offensive in Richtung Peking und propagiert das Credo vom »asiatischen Jahrhundert«. Der indische Außenminister Jaishankar äußerte vor einigen Monaten in Bangkok diesbezüglich, »dass das ersehnte asiatische Jahrhundert nur dann eintreten werde, wenn China und Indien zusammenkämen.«

Unmittelbar vor dem Gipfel in Usbekistan vereinbarten beide Seiten einen weiteren Truppenrückzug im umstrittenen Grenzgebiet des Himalaya – was von Experten als Zeichen für eine Annäherung interpretiert wurde. Indien hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass für eine Normalisierung mit China eine Lösung der Patt-Situation an der Grenze die Voraussetzung wäre. China hingegen rief Indien dazu auf, die Beziehungen zu normalisieren, ohne Bedingungen zu stellen. Delhi und Peking streiten schon lange über den Grenzverlauf in der weitgehend unbewohnten Bergwelt in rund 5000 Metern Höhe. Unabhängig von der aktuellen Ausgangslage besteht die große Herausforderung für die Zukunft für Indien und China darin, ihre strategischen Interessen miteinander in Einklang zu bringen – basierend auf dem explosiven Wachstum beider Staaten und deren wachsender globaler Macht. Indiens internationale Bedeutung ergibt sich bislang eher durch seine demografische Größe und weniger durch sein Gewicht in der Weltwirtschaft. Dieses ändert sich aber rasant.

Die Regierung Modi ist an einer Fortführung ihrer bisherigen China-Politik interessiert, gerade zu einer Zeit, wo westliche Strategen den »Indopazifik« in das Zentrum ihrer globalen Ränkespiele stellen. Eine stärkere Hinwendung Indiens in Richtung USA, wie von Washington gefordert, würde einen Grundpfeiler der indischen Außenpolitik untergraben – nämlich das Konzept der strategischen Autonomie. Für die rechtsnationalistische indische Regierung unter Führung der Bharatiya Janata Party wären die Wünsche Washingtons also nicht akzeptabel. Für Peking wäre es natürlich auch nicht wünschenswert, Indien in die Arme der USA zu treiben. In dieser geopolitischen Konstellation liegt die Erklärung begründet, weshalb beide Staaten den Gipfel in Usbekistan nutzen, um auch in der westlichen Welt zu demonstrieren, dass das propagierte asiatische Jahrhundert, also eine Verständigung zwischen Indien und China, gar ein Schulterschluss, eine Option darstellt, die wiederum als historisch zu bewerten ist. Zuvor hatte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping die weiteren Mitglieder der SCO – neben dem Neumitglied Iran, also ebenfalls Indien, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan – vor aus dem Ausland angestifteten Volksaufständen gewarnt.

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