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  • Müngstener Brücke

Meisterwerk der Ingenieurskunst

Die Müngstener Brücke, Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke, besteht seit 125 Jahren

  • Von Karsten-Thilo Raab
  • Lesedauer: 4 Min.
Als die Müngstener Brücke 1897 übergeben wurde, galt sie als technisches Wunder.
Als die Müngstener Brücke 1897 übergeben wurde, galt sie als technisches Wunder.

Wenn etwas oder jemand »über die Wupper geht«, ist es – oder die Person – entweder tot, unbrauchbar oder kaputt. Attribute, die zumindest auf die Müngstener Brücke nicht zutreffen, obwohl sie seit 125 Jahren in luftiger Höhe die Wupper überspannt. Ein gigantischer Brückenschlag, der bis heute als Meisterwerk von Ingenieurskunst und Industriekultur gilt. Gleichzeitig darf sich die markante, 500 Meter lange Müngstener Brücke rühmen, mit 107 Metern Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke zu sein.

Als das Bauwerk nach knapp dreijähriger Bauzeit 1897 vollendet und die Flussquerung für den Verkehr freigegeben wurde, galt sie als technisches Wunder. Dies nicht nur, weil die filigrane Stahlbogenkonstruktion für die damalige Zeit unvorstellbare 170 Meter Spannweite aufwies. Für die Fertigstellung des Eisenbahngiganten wurden nicht weniger als 5000 Tonnen Stahl und 934 456 Nieten benötigt. Wobei eine der Nieten gemäß einer populären Legende aus purem Gold sein soll. Allerdings ist es unzähligen »Schatzsuchern« bis heute nicht gelungen, das wertvolle Stück ausfindig zu machen.

Der Entwurf für die Brücke stammt von Anton von Rieppel. Der Ingenieur und langjährige Vorstandsvorsitzende der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (M.A.N.) hatte das Konstrukt komplett am Reißbrett geplant. Besonders wagemutig galt dabei der Ansatz, mit dem Brückenbau von zwei Seiten zu beginnen, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die einzelnen Teile in der Mitte zusammenfügen würden. Dabei wurde der Hauptbogen im freien Vorbau errichtet. Dies bedeutet, dass beide Bogenhälften ohne weitere Gerüste bis zum Bogenschluss gefertigt wurden und dabei gleichzeitig quasi selbst die Kranfunktion für die weitere Montage übernahmen.

Tatsächlich sollte Rieppels verwegener Plan aufgehen. Am 15. Juli 1897 wurde die Müngstener Brücke offiziell ihrer Bestimmung übergeben. Eine Pionierleistung, mit deren Hilfe der Schienenweg zwischen Solingen und Remscheid von 42 auf acht Kilometer verkürzt wurde. Eindrucksvoll dokumentierte der Brückenschlag, wie technische Lösungen den Erschwernissen der topografischen Lage trotzen konnten. Gleichzeitig wurde die neue Flussquerung zum wichtigen Impulsgeber für die Werkzeug-, Klingen- und Textilindustrie im Bergischen Land, die insbesondere in Solingen, Remscheid und Wuppertal angesiedelt war.

Bei der Einweihung taufte Prinz Leopold das Stahlmonstrum auf den Namen »Kaiser-Wilhelm-Brücke«. Kaiser Wilhelm II. selbst blieb der Zeremonie fern. Angeblich, weil er über die Tatsache verschnupft war, dass die Brücke ihren Namen nicht zu seinen Ehren, sondern im Gedenken an seinen Großvater Wilhelm I. erhalten hatte. Nach dem Ende der Monarchie wurde das Bauwerk im Jahre 1918 schließlich nach der nahegelegenen Siedlung Müngsten benannt. Dabei hatte Wilhelm II. die Brücke, knapp zwei Jahre nach ihrer Inbetriebnahme, am 12. August 1899 doch noch persönlich in Augenschein genommen.

Auch ohne kaiserlichen Glanz hat die Ikone des Industriezeitalters bis heute nichts an Anziehungskraft verloren. Mehr als 200 000 Besucher zählt der im Jahr 2006 eingeweihte Brückenpark jährlich. Das weitläufige Areal unterhalb der stählernen Bogenbrücke wird von Wiesen, Wäldern, zahlreichen Sitz- und Liegemöglichkeiten sowie direkten Zugängen zur und Balkonen über der Wupper geprägt. Ein weiterer Blickfang ist die rostbraune Stahlfassade des Hauses Müngsten, einer gastronomischen Einrichtung mit Brückenblick, in der auch die obligatorische bergische Kaffeetafel genossen werden kann.

Nur einen Steinwurf entfernt verkehrt die ungewöhnliche Schwebefähre. An gespannten Drahtseilen »schwebt« sie über die Wupper und wird dabei – ähnlich einer Draisine – allein von der Muskelkraft der Fahrgäste angetrieben. Wem dies nicht abenteuerlich genug ist, der kann seit dem Jahr 2001 auf dem sogenannten Brückensteig die Müngstener Brücke aus einer ganz besonderen Perspektive erkunden: Eng am Brückenbogen entlang erklimmen Wagemutige, mit Seilen gesichert, eine Plattform auf etwa 100 Metern Höhe, um atemberaubende Blicke auf den Stahlkoloss und das Tal der Wupper zu genießen.

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Und der fließt bei schwindelfreien Klettermaxen, die mit Gurt, Helm und einem Walkie-Talkie ausgerüstet werden, nahezu unweigerlich. Schließlich müssen 777 Stufen bei dem ungewöhnlichen Aufstieg gemeistert werden. Zum Vergleich: Beim Aufstieg auf den Kölner Dom sind es »nur« 533 Stufen. Dafür ist das Gotteshaus am Rhein bereits da, wo die Müngstener Brücke noch hin möchte: Der Kirchenbau steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco. Ein Status, um den für das Wahrzeichen über der Wupper seit 2012 gerungen wird.

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