Droht wieder ein Marsch auf Rom?

Ein kurzer historischer Rückblick anlässlich der Wahlen in Italien

Devotionalien des ehemaligen italienischen Diktators Benito Mussolini in einem Geschäft in Predappio, wo Mussolini beerdigt ist.
Devotionalien des ehemaligen italienischen Diktators Benito Mussolini in einem Geschäft in Predappio, wo Mussolini beerdigt ist.

Der rasche Aufstieg des italienischen Faschismus von einer Splittergruppe zur Massenbewegung begann 1920. Bei der Parlamentswahl ein Jahr später kamen die »Schwarzhemden« auf 35 von 535 Sitzen. Im Oktober 1922 marschierten faschistische Kolonnen auf Rom. Anschließend wählte eine breite Mehrheit von Liberalen, Konservativen und Faschisten Benito Mussolini zum Ministerpräsidenten. Dieser autoritären Regierung folgte 1925 die Diktatur. Manche Demokraten, die mit Mussolinis Bewegung paktierten, verkannten die Gefahr, andere machten sich Illusionen, die Faschisten »zähmen« oder für eigene Zwecke benutzen zu können. Sie waren für die Abschaffung der demokratischen Ordnung in Italien mitverantwortlich.

1919 war Italien noch – mehr oder weniger – eine Demokratie, manchmal instabil, weithin von autoritärem Denken geprägt. Aber es gab ein funktionierendes Parlament, eine starke Opposition, selbstbewusste Gewerkschaften, eine freie Presse, unabhängige Gerichte.

Ende 1919 fanden die ersten Parlamentswahlen nach dem Ersten Weltkrieg statt. Stärkste Partei wurden die Sozialisten, es folgte die neugegründete katholische Volkspartei (Partito Popolare). Die meisten Stimmen entfielen aber auf das – zersplitterte – liberale Lager. Die Faschisten – wegen ihres bevorzugten Stylings »Schwarzhemden« genannt – waren noch mit dem Aufbau ihrer Organisation beschäftigt. Sie kandidierten nur in einem Wahlkreis – erfolglos. Die Wahlsieger, die Liberalen, rechneten nicht mit dem Aufkommen einer nennenswerten Konkurrenz von Rechtsaußen, den Feind sahen sie viel eher auf der äußersten Linken. Manche Liberale waren sogar halblinks orientiert, andere hätten als Konservative durchgehen können, wären sie nicht so antiklerikal eingestellt gewesen. Bei den Sozialisten stritten sich Revolutionäre heftig mit reformorientierten Gruppen.

Nicht wenige Faschisten hatten – wie Mussolini – eine linke Vergangenheit. Erst 1921 wandelte sich die wirre Bewegung zu einer Partei. Auch in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, formierten sich damals extrem nationalistische Bewegungen.

Unter dem Eindruck der Oktoberrevolution in Russland sowie den Schrecken des Krieges herrschte vor allem in weiten Teilen Norditaliens eine revolutionäre Stimmung. 650 000 italienische Soldaten waren gefallen. Der Krieg hinterließ Leid und Not. Stahlwerker, Eisenbahner oder Textilarbeiterinnen streikten gegen die verbreiteten Armutslöhne, schlechte Arbeitsbedingungen und die hohe Inflation. Kleinbauern forderten die Aufteilung des Großgrundbesitzes. Es kam zu zahlreichen Besetzungen von Fabriken und Landgütern. Zudem entstand eine kleine, aber einflussreiche Kommunistische Partei.

1920 begannen die »Schwarzhemden« eine überraschend heftige Offensive gegen Gewerkschafter und Linke. Überfälle und selbst Morde durch rechte Milizen wurden alltäglich. In manchen Landesteilen herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Der Staat, der zuvor mit Polizei und Militär gegen Streikende vorgegangen war, schaute wie üblich weg. Linke Gegenwehr scheiterte, weil sie wesentlich auf die Industrie- und Landarbeiter Norditaliens beschränkt blieb. Außerdem waren die Sozialisten untereinander und erst recht mit den Kommunisten zerstritten.

Mussolinis Bewegung suchte – trotz häufiger Konflikte – die Zusammenarbeit mit Konservativen und Liberalen. Dort hielt man die rechten Milizen für nützliche Handlanger in der Auseinandersetzung mit der radikalen Linken. Manche Demokraten rechtfertigten sich später damit, die Ziele der »Schwarzhemden« seien anfangs schwer zu erkennen gewesen. Tatsächlich war deren Politik in der ersten Zeit oft widersprüchlich. Dennoch ließ sich deren antidemokratischer Charakter nicht übersehen – allein wegen ihrer Gewalt gegen politische Gegner, ihren offenen Forderungen nach einer aggressiven Außenpolitik, der Entrechtung der Gewerkschaften und einer kompromisslos autoritären Verfassung.

Was waren die Gründe für den Erfolg der »Schwarzhemden«? Wie konnte Mussolini es innerhalb von zwei, drei Jahren vom mäßig einflussreichen Journalisten zum Ministerpräsidenten bringen?

Zulauf erhielten die italienischen Faschisten besonders unter Offizieren und Beamten. Geld erhielten sie auch von etlichen Industriellen und Großgrundbesitzern. Sie profitierten von der Angst der Reichen vor einer linken Revolution und griffen die Unzufriedenheit der in der Weltwirtschaftskrise nach dem Weltkrieg verarmten Bauern, Handwerker und Händler auf. Und schließlich gaben sich einige Strömungen im frühen Faschismus »sozial« und als »linke Nationalisten« aus. Wie sich bald zeigte, war dies Demagogie. Die neue Rechte wiederum war von den Ergebnissen des Weltkriegs enttäuscht. Italien gehörte zu den Siegermächten, erhielt bei der Auflösung Österreich-Ungarns größere Gebiete wie Südtirol, doch die Expansionspläne der politischen und wirtschaftlichen Eliten reichten viel weiter, vor allem in Richtung Balkan und Afrika.

Eine wichtige Rolle für den Erfolg der »Schwarzhemden«, insbesondere für ihre zunehmende Überlegenheit über die traditionelle Rechte, spielten Image und Inszenierung. Der Führerkult um Mussolini und seine engsten Gefährten wie Italo Balbo oder Emilio De Bono faszinierte viele Italiener und Italienerinnen. Der schauspielerisch begabte Parteiführer – der »Duce« – beeindruckte sie mehr als der ziemlich farblose König Vittorio Emanuele III. Der aufstrebende Mussolini – noch keine 40 – fiel auch gegenüber den meist viel älteren etablierten Politikern durch Dynamik und Sportlichkeit auf. Jahrzehntelang kamen die liberalen Regierungschefs aus dem wohlhabenden Bürgertum, Mussolini dagegen war Sohn eines Dorfschmieds.

Die Faschisten traten militärisch-autoritär und zugleich theatralisch auf als schwungvolle Massenbewegung – allerdings weniger »plebejisch« als die deutschen Nationalsozialisten. Die Parteihymne hieß »Giovinezza, giovinezza – primavera di bellezza !« – »Jugend, Jugend – Frühling der Schönheit!«. Die hübsche, »zündende« Melodie suggerierte eine »unkonventionelle« Lebenseinstellung. Die Faschisten waren anfangs auch offen für die kulturelle Avantgarde. Bekannte Künstler, etwa der »futuristische« Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti und der Architekt Giuseppe Terragni, unterstützten Mussolinis Bewegung.

Trotz seines Bemühens um Modernität berief der Faschismus sich ständig auf eine mythische, ruhmreiche Vergangenheit. Der Begriff »fascismo« war abgeleitet vom Wort »fascio«, was einerseits ein antikes Herrschaftssymbol bezeichnete, ein Rutenbündel, in dem ein Beil steckte, andererseits »Bund« bedeutete, wie sich im 19. Jahrhundert einige unpolitische, aber auch linke Gruppen nannten. Mussolinis Anhänger grüßten einander mit erhobenem Arm, wie es angeblich die alten Römer getan hatten.

Am 27. Oktober 1922 begannen die Mussolini-Faschisten ihren »Marsch auf Rom«, an dem Tausende oder Zehntausende allenfalls leicht bewaffneter »Schwarzhemden teilnahmen«. Öffentliche Gebäude wurden besetzt. Es war kein Staatsstreich, eher eine geschickt inszenierte Drohung mit dem Bürgerkrieg, zu dem die Faschisten aber kaum in der Lage gewesen wären. Militär und Polizei hätten den »Marsch« auflösen können. Die Regierung unter Ministerpräsident Luigi Facta schlug vor, den Belagerungszustand auszurufen, Vittorio Emanuele III. weigerte sich jedoch. Facta trat zurück.

Der König zeigte durchaus Sympathie für die faschistische Bewegung, andererseits fürchtete er in Mussolini einen unkontrollierbaren Rivalen – zu Recht, wie sich bald zeigte. Womöglich wurde auch die militärische Schlagkraft der Faschisten überschätzt. Vittorio Emanuele berief Mussolini zum Ministerpräsidenten. Am 31. Oktober 1922 zogen die schwarzen Kolonnen sechs Stunden lang an den beiden vorbei.

Das Parlament bestätigte die Ernennung – obwohl es unter 535 Abgeordneten nicht mehr als drei Dutzend Faschisten gab. Für Mussolini stimmten auch die meisten Abgeordneten von Liberalen und Volkspartei. Nicht nur die früheren liberalen Ministerpräsidenten Giovanni Giolitti, Vittorio Emanuele Orlando und Antonio Salandra, sondern auch junge Abgeordnete der Volkspartei wie Giovanni Gronchi und Alcide De Gasperi. Letzterer war dann von 1945 bis 1953 italienischer Ministerpräsident, Gronchi in den 1950er Jahren Staatspräsident. Einzig der sozialistische Abgeordnete Filippo Turati fand Widerworte.

Mussolinis Partei war die erste faschistische Bewegung, die in Europa an die Regierung kam. Hitlers NSDAP folgte zehn Jahre später. Hier wie dort siegten die Faschisten mit Unterstützung von Demokraten. Man könnte auch fragen: Waren die italienischen oder deutschen Liberalen und Konservativen vor 100 Jahren überhaupt Demokraten? Auch heute können sich manche tatsächlichen oder vermeintlichen Demokraten und Demokratinnen – in den USA, in Polen, in Ungarn … – offenbar ein Leben mit weniger, vielleicht sogar mit viel weniger Demokratie vorstellen. Koalitionen zwischen Rechts und Rechtsaußen – siehe Österreich, Italien – erregen kaum noch Aufsehen. Wiederholt sich Geschichte manchmal doch?

Winfried Roth übersetzte das jüngst in der Edition AV erschienene Buch von Francesco Filippi »Mussolini hat Gutes getan? Abrechnung mit einem Mythos«.

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