Mein kleiner grüner Kaktus...

Öko-kuratiert in Köln: »Grüne Moderne ­– Die neue Sicht auf Pflanzen«

  • Von Jürgen Schneider
  • Lesedauer: 5 Min.
Sieht aus wie ein Kaktus, ist aber Rittersporn; Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, 1922
Sieht aus wie ein Kaktus, ist aber Rittersporn; Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, 1922

Was ist dem Menschen die Pflanze? Im Kölner Museum Ludwig wird in der sehenswerten Ausstellung »Grüne Moderne – Die neue Sicht auf Pflanzen« nach der Darstellung der Pflanze in den Künsten und ihrer Betrachtung in der Botanik zwischen 1900 und 1930 gefragt. Beim Betreten der Ausstellung werden die Besucher*innen per Video begrüßt von der grünen Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, Schirmfrau der Ausstellung. Ob ihre Botschaft positiv auf die Ausstellung einstimmen kann, ist fraglich, ist doch Frau Roths grüne Moderne eine des modernen Bellizismus. Statt in Pflanzenästhetik kennt sie sich mit dem für Panzer und Haubitzen notwendigen Olivgrün aus. Neben dem Videoscreen mit dem nicht eben inhaltlich überlasteten Roth-Statement wirkt das Plakat »Checkpoint Nachhaltigkeit«, auf dem die ehrgeizigen Ökoziele des Museums aufgelistet sind, deplatziert.

Die Ausstellung ist für das Museum Ludwig ein Pilotprojekt in nachhaltigem Ausstellen. Es ist das erste Museum hierzulande, dass eine Kuratorin für Ökologie beschäftigt: Miriam Szwast, die für die Ausstellung von der Ökologin und Biochemikerin Suzanne Pierre beraten wurde. Von den 130 gezeigten Exponaten sind 30 Leihgaben. Diese wurden jedoch an ihren Orten belassen, digital übermittelt, umweltfreundlich ausgedruckt und mit schwarzem Klebeband an den Wänden angebracht. Der Nachhaltigkeit wegen wurde der zur Ausstellung erschienene Katalog nur digital veröffentlicht (www.gruene-moderne.de).

Am Anfang geht es primär um das Gewächs, das einst von den Comedian Harmonists besungen wurde – den Kaktus. In botanischen Sammlungen in Europa tauchten Kakteen bereits im 16. Jahrhundert auf. In den meisten Regionen Westeuropas wachsen keine Kakteen. Auslöser für die Faszination und Nachfrage bei der westeuropäischen Elite Anfang des 20. Jahrhundert war wohl die Fremdartigkeit von Kakteen – ihr Aussehen sowie ihre Fähigkeit, sich an starkes Sonnenlicht und trockene Bedingungen anzupassen. Der Wunsch nach exotischen Gewächssammlungen war auch vom Traum von fernen Kolonien geprägt. Die mit Kakteen bestückten bürgerlichen Wohnstuben wurden zu kolonialen Zimmergärten. Der Pflanzensammler Curt Backeberg, der zwischen 1928 und 1938 sieben ausgedehnte Sammelreisen durch Mexiko, Mittel- und Südamerika unternahm, ließ sich wie ein Großwildjäger neben einem meterhohen Kaktus ablichten. Die Zimmergärten wurden gepflegt, besungen, gemalt und fotografiert. Wer vor hundert Jahren modern sein wollte, umgab sich zuhause mit Kakteen, Gummibäumen und anderen Pflanzen. Nicht immer sahen diese Pflanzenfreunde jedoch glücklich aus, wie die Zeichnung »Bürger« (um 1924) von Ludwig Ernst Ronig zeigt. Zu sehen ist ein in einem Sessel sitzender glatzköpfiger, unglücklich wirkender Mann, der zwischen zwei recht mickrigen Pflanzen eine Zigarette raucht. Auch die Frau und der Mann auf dem Bild »Das Fenster« (1923) von Otto Dix wirken neben ihrer Palme nicht besonders fröhlich.

Besonders für die Formen von Pflanzen sowie ihre Tektonik interessierte sich der Fotograf Karl Blossfeldt, von dem in der Ausstellung mehrere Arbeiten zu sehen sind. Ein Fotobuch von ihm, das schon bei der Veröffentlichung auf großes Interesse stieß, trägt den Titel »Urformen der Kunst«. Darin enthalten sind fotografische Vergrößerungen von Pflanzenteilen in Schwarz-Weiß. »Die Photographien«, schrieb der Philosoph Walter Benjamin in Bezug auf Blossfeldts Bilder, »erschließen im Pflanzendasein einen ganz unvermuteten Schatz von Analogien und Formen«. Die Namen, Fundorte oder Verwendung der von ihm fotografierten Pflanzen recherchierte Blossfeldt nicht. Der Fotograf schnitt die wild wachsenden Pflanzen aus ihrem natürlichen Habitat oder auch aus den vor Menschen geschützten Arealen im Berliner Botanischen Garten. »Um nun zum Ziele zu kommen, bin ich nach Dahlem gefahren – habe 1 Mark Entrée bezahlt und stand nun vor dem … eingezäunten System. Durch eine verbotene Thür fand ich Eingang und habe dann die Pflanze einfach gestohlen«, gestand Blossfeldt. Karl Schmidt-Rottluff verwendete Blumen, wie etwa den Rittersporn, für eine kontrastreiche Farbigkeit im Bild. Max Ernst wiederum ließ auf einem Bild von 1913 eine Tänzerin aus einer Blüte steigen.

Unter der Überschrift »Die Pflanze als das Angeeignete« geht es um das Erbe der Flora, der Göttin der Blüte, um die Blüte als Zierde der Frau. Martha Dix trägt auf dem Bildnis, das ihr Mann Otto 1926 von ihr malte, ein floral gemustertes Kleid und hält eine Blumenblüte in der Hand. Die von August Sander fotografierte rauchende Anneli Strohal schmückt sich ebenfalls mit Blumen auf ihrem Kleid, und Marlene Dietrich lässt dem Knopfloch ihres dunklen Anzugs eine überdimensionierte Blüte entspringen. Auch Lile Elbe wird von einem Blumenkleid geziert. Die erste Zeile der Bildunterschrift weist das Foto als Porträt von ihr und »ihrem Freund« Claude Lejeune im Europa der Zwischenkriegszeit aus. Die zweite Zeile – »(VOR DER OPERATION)« – zeigt, dass die Aufnahme entstand, ehe sich Elbe zwischen 1930 und 1931 als erste historisch bezeugte Person mehreren geschlechtsangleichenden Eingriffen unterzog. Ihr fiktionalisierter Lebensbericht mit dem Titel »Fra Mand til Kvinde« (Vom Mann zur Frau) gilt heute als wegweisendes Transgender-Narrativ.

Seit den 1920er Jahren wurde die Pflanze auch als Verwandte gesehen. Die Lichtspielhäuser waren bestens besucht, als 1926 im Film »Das Blumenwunder« das Dasein von Pflanzen ganz neu vor Augen geführt wurde. Der indische Physiker Jagadish Chandra Bose beschrieb in seinem Buch »Die Pflanzenschrift«, dass die Pflanze lebt, sich bewegt, einen Puls habe und ermüden könne.

Die Bewegung von Pflanzen hatte 1898/1890 bereits Wilhelm Pfeffer filmisch festgehalten. Ausschnitte aus seinem Film »Kinematografische Studien an Impatiens, Vicoa, Tulipa, Mimosa und Desmodium« sind in der Ausstellung zu sehen. Der Biosoph und Pionier der Neuen Sachlichkeit Ernst Fuhrmann veröffentlichte 1930 das Buch »Die Pflanze als Lebewesen« mit 200 Pflanzenbildern, für das auch der Fotograf Fred Koch Aufnahmen beisteuerte. Der leuchtete seine Objekte so gekonnt aus, dass Blütenfäden scheinbar zu tanzen beginnen – es war die Zeit der Tänzerinnen und Tänzer wie Mary Wigman, Gret Palucca und Harald Kreutzberg. Koch fand jedoch in Fuhrmanns Buch keine Erwähnung und – wenn ich es richtig gesehen habe – auch keine Aufnahme in die Kölner Ausstellung.

Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen. Museum Ludwig, Köln, bis zum 22. Januar 2023

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