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Mit gebrochenem Ellenbogen zu Gold

Annemiek van Vleuten und Remco Evenepoel gewinnen die Straßenrennen der Rad-WM

Annemiek van Vleuten (r.) überrumpelte im Finale des WM-Rennens in Wollongong die komplette übrige Weltelite.
Annemiek van Vleuten (r.) überrumpelte im Finale des WM-Rennens in Wollongong die komplette übrige Weltelite.

Remco Evenepoel gewann, wie man es von ihm kennt. Frühzeitig setzte er sich vom Peloton ab. Er fand zwischendrin immer mal wieder Begleiter. 26 seiner 58 Kilometer langen Attacke absolvierte er aber allein und distanzierte im Ziel seine konsternierten Verfolger um fast zweieinhalb Minuten. Der Belgier hatte im gleichen Stil schon einige Eintagesrennen gewonnen. Auch bei der Vuelta a Espana sorgte er durch Soloritte in den Bergen und vor allem seine Zeitfahrstärke für eine Vorentscheidung. Beim Zeitfahren pflegt ja jeder ohnehin allein zu fahren. »Ich habe vom Sieg geträumt, und jetzt nach einer Grand Tour noch der WM-Titel, das ist unfassbar«, sagte er im Ziel.

Der einstige Fußballer erfüllte damit die hohen Erwartungen, die er mit Siegesserien bei den Junioren kurz nach seinem Umstieg vom Ball zum Rad unter Belgiens Radsportfans geweckt hatte. Als neuer Eddy Merckx, als kleiner »Kannibale von Schepdaal« war er schon gefeiert worden. Nach einigen Rückschlägen – einem Horrorsturz bei der Lombardei-Rundfahrt 2020 sowie Querelen über Taktik und Kapitänsrolle im belgischen Team bei Olympia 2020 und der Heimat-WM 2021 – ist er jetzt auf dem Olymp seines Sports. Grand Tour-Siege und WM-Titel in der gleichen Saison gelangen nur ganz wenigen Ausnahmekönnern. Eddy Merckx ist natürlich in diesem Klub, Bernard Hinault und Fausto Coppi, auch Greg Lemond gehört dazu. Sich der Außergewöhnlichkeit seiner Triumphe bewusst seiend sagte der blitzgescheite 22-Jährige: »Ich habe gewonnen, was ich gewinnen konnte. Eine bessere Saison werde ich wohl nicht bekommen.«

Noch mehr gewonnen hat in diesem Jahr Annemiek van Vleuten. Und noch exklusiver ist der Klub, zu dem die frischgebackene Weltmeisterin Zugang fand. Zuvor gewann die Niederländerin in diesem Jahr noch Giro d’Italia und Tour de France. Nur Merckx, mal wieder, und der Ire Stephen Roche erreichten dies in ihrer Karriere. Van Vleuten ist wie Evenepoel eine Athletin, die durch schiere Kraft Triumphe holt. Bei dieser WM brauchte sie – ganz gegen ihre Gewohnheit – nur wenige Meter Alleinfahrt. Sie setzte sich mit einer überraschenden Attacke im Finale durch. Überraschend war dies nicht nur, weil sie sonst viel früher die Vorentscheidung sucht. Am Samstag schränkte sie zudem ein gebrochener Ellenbogen ein – zugezogen bei einem Sturz während des Teamzeitfahrens. Nur grenzenlose Optimisten hielten einen Start der Patientin beim Straßenrennen für möglich.

Mit dickem Verband war sie dann aber zur Stelle. »Vor allem, wenn ich am Lenker ziehe, spüre ich die Schmerzen«, sagte sie und kündigte an, ihre verbliebenen Kräfte für einen Erfolg ihrer Landsfrau Marianne Vos einsetzen zu wollen. Dann brachte sie die Lotterie des von zahlreichen Attacken geprägten Rennens über 163 Kilometer aber noch an eine Spitzengruppe um die Friedrichshafenerin Liane Lippert heran. Und in dem Augenblick, als die einen enttäuscht waren, eingeholt zu sein und die anderen damit beschäftigt waren, letzte Kräfte für den Sprint sammeln, trat van Vleuten an und jagte an allen vorbei ins Ziel. »Sie hat einfach den perfekten Moment erwischt, als alle anderen sich auf den Sprint vorbereiteten. Ich habe sie nicht einmal gesehen«, sagte Silvia Persico. Die Italienerin konnte sich noch mit Bronze trösten, während die an diesem Tag sehr aktive Lippert auf den undankbaren 4. Platz kam.

»Vielleicht ist das der beste Sieg meiner Karriere, angesichts dessen, was diese Woche alles passiert ist. Es ist eine schöne Geschichte, die ich heute geschrieben habe, vielleicht ist das auch eine Inspiration für andere«, ordnete van Vleuten die Ereignisse ein.

Mit ihr und Evenepoel haben zwei Sportlerpersönlichkeiten die Straßenrennen gewonnen, die sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lassen und die mit ihrer Widerstandskraft wie auch mit ihrer Vielseitigkeit bei Rundfahrten und Eintagesklassikern an die heroischen Radsportzeiten der Vergangenheit erinnern.

In weniger guter Erinnerung wird ein anderes Vielseitigkeitstalent diese WM behalten. Der Cross- und Straßenspezialist Mathieu van der Poel wehrte sich in der Nacht vor dem Straßenrennen derart vehement gegen zwei junge Mädchen, die vor seinem Hotelzimmer Radau machten, dass deren Eltern Anzeige erstatteten. Die Nacht verbrachte van der Poel weitgehend in einer Arrestzelle der Polizei. Im Rennen wenige Stunden danach spielte er keine Rolle und gab vorzeitig auf. Er muss mindestens bis Dienstag, bis zum Termin vor Gericht, im Land bleiben. Radau im Hotel wurde in den alten Zeiten eher von den Partygängern unter den Profis ausgelöst. In der neuen Profi-Ära der wissenschaftlichen Herangehensweise muss ein übersorgsamer Hüter des eigenen Schlafs mit juristischen Konsequenzen rechnen.

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