Damit Aleppo wieder leuchtet

Im Kraftwerk der syrischen Metropole werden die Turbinen in Handarbeit restauriert

  • Von Karin Leukefeld, Aleppo
  • Lesedauer: 8 Min.
Kämpfer des Islamischen Staates zerstörten das Kraftwerk in Aleppo. Jetzt konnte dort immerhin eine von insgesamt fünf Turbinen repariert werden. Ingenieure (unten) überwachen den laufenden Betrieb im Kontrollraum.
Kämpfer des Islamischen Staates zerstörten das Kraftwerk in Aleppo. Jetzt konnte dort immerhin eine von insgesamt fünf Turbinen repariert werden. Ingenieure (unten) überwachen den laufenden Betrieb im Kontrollraum.

»Der Eingang zum Elektrizitätswerk ist ein Stück weiter«, sagt der Wächter und lässt den Schlagbaum wieder herunter, den er bereits für den Wagen hochgezogen hatte. »Hier geht es zum Wohnkomplex der Arbeiter, das Kraftwerk ist dort drüben.« Der Mann dreht sich um und weist auf die fünf rot-weiß gestreiften Schornsteine, die hoch in den Himmel ragen. »Fahren Sie noch 500 Meter weiter, dann sehen Sie schon den Haupteingang.«

Das öffentliche Unternehmen für die Stromerzeugung von Aleppo, PCEPGA, liegt knapp 25 Kilometer östlich von Aleppo an der Autobahn M5, die das nordsyrische Industriezentrum mit der syrisch-irakischen Grenze und Mossul im Nordirak verbindet. Mit fünf Schornsteinen, fünf Turbinen, fünf Kühltürmen, sechs Tanks für Schweröl, zwei Tanks für Gasöl und einem großen Umspannwerk, von wo der Strom in allen Richtungen der Provinz von Aleppo verteilt wird, ist die Anlage das größte Elektrizitätswerk Syriens. 1100 Megawatt Strom wurden hier vor dem Krieg erzeugt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die mehr als zwei Millionen Einwohner von Aleppo hatten Strom zu jeder Tages- und Nachtzeit und auch in den Dörfern im Umland der Stadt gab es Licht.

Dann kam der Bürgerkrieg. Bewaffnete Gruppen rückten von allen Seiten an Aleppo heran. Nur wenige Kilometer weiter östlich vom Wärmekraftwerk liegt der Militärflughafen Kuwaires mit einer Luftwaffenakademie. 2013 wurde Kuwaires angegriffen und eingeschlossen. Im Winter 2013/14 setzte sich der Islamische Staat im Irak und in der Levante (ISIL) gegen andere bewaffnete Gruppen durch und übernahm die Belagerung des Flughafens, die weitere zwei Jahre andauern sollte. Trotz zahlreicher Angriffe gelang es ISIL nicht, die Luftwaffenbasis einzunehmen, die Ende 2015 von einer Sondereinheit der syrischen Armee, den Tiger Forces, mit russischer Unterstützung befreit werden konnte. Von den 1100 Soldaten, die auf der Basis Kuwaires eingeschlossen wurden, überlebten 300. Die ISIL-Kämpfer wichen nach Südwesten aus und überfielen das Elektrizitätswerk.

»Warum sind Sie nicht schon früher gekommen«, fragt Ingenieur Mazen Samakie und kommt zur Begrüßung um seinen großen Schreibtisch herum. Vergnügt lächelt er über seinen hintergründigen, sehr syrischen Scherz, denn er weiß, dass bisherige Anfragen von Journalisten, das Elektrizitätswerk zu besuchen, immer unbeantwortet blieben. Doch vor wenigen Wochen war Präsident Assad al-Bashar persönlich da, um der Wiederinbetriebnahme der ersten Turbine beizuwohnen. Seitdem können auch Journalisten über das Kraftwerk berichten.

Mazen Samakie ist Ingenieur der ersten Stunde in diesem Werk und kennt die Geschichte wie kaum ein anderer. 1994 habe der Bau an dem Kraftwerk begonnen, berichtet er. Im Juni 1997 wurde die erste von fünf Turbinen in Betrieb genommen. Die Installation der anderen Turbinen folgte im Abstand von wenigen Wochen. Seit 2007 leitet Samakie das Kraftwerk.

Möglich wurde der Bau mit finanzieller Unterstützung der saudischen Zentralbank, erinnert sich Samakie. Die Turbinen seien von Mitsubishi in Japan gebaut, das US-Unternehmen Bechtel baute die Anlage. Die syrischen Techniker und Ingenieure seien sowohl bei Bechtel in den USA als auch bei Mitsubishi im japanischen Kobe ausgebildet worden.

In einem Schnelldurchgang erklärt Samakie, wie ein Wärmekraftwerk funktioniert. Das Öl oder Gas wird verbrannt und erwärmt Wasser in einem Kessel so sehr, dass Wasserdampf entsteht. Der Dampf durchläuft ein langes Leitungssystem und treibt eine Turbine an, die wiederum einen Generator antreibt, der Strom erzeugt. Dieser Strom wird über das Umspannwerk in die Leitungen gespeist. Der Dampf läuft aus der Turbine in einen Kondensator, wo er zurück in Wasser verflüssigt wird. Das wird wiederum erhitzt, und der Kreislauf beginnt von vorn. Über eine Rauchgasanlage werden Stickstoffe herausgefiltert, Gas wird entschwefelt und entstaubt und über die Schornsteine in die Luft entlassen. In den Kühlgebäuden – pro Turbine einer – wird Dampf, der nicht mehr genutzt wird, in die Luft abgeführt. Das Wasser kommt über einen unterirdischen Kanal aus Maskaneh und Deir Hafir am östlich gelegenen Assad-Stausee. In einem Laborzentrum wird die Wasserqualität ständig überprüft.

Es ist laut im Kraftwerk. Leitungssysteme mit Rohren aller Größen bilden im Erdgeschoss ein unübersichtliches Labyrinth. Eine Treppe führt nach oben in das Gebäude, wo die fünf Turbinen in einer langen Reihe hintereinander installiert sind. Die schweren, von Gehäusen ummantelten Maschinen sind verkohlt. Verbrannte Kabel ragen wie ein bizarres Kunstwerk in die Luft. »Wir haben bis Oktober 2015 hier gearbeitet«, sagt Samakie. Dann seien ISIL-Kampfgruppen auf das Gelände gekommen, und die komplette Belegschaft habe evakuiert werden müssen. Auch die nahe gelegene Wohnanlage mit fast 400 Wohnungen und Appartements für die Arbeiter und ihre Familien – mit einer Schule, einem Gesundheitszentrum, Schwimmbädern, einem Sportplatz, Geschäften, Cafés und Restaurants – musste verlassen werden.

Die Dschihadisten zerstörten im Kraftwerk alle wichtigen Anlagen: Die Kontrollräume, die Labors, das Verwaltungsgebäude, die Umspannanlage und die Stromkabel. Sie versuchten, die Turbinen mit innen installierten Sprengsätzen zu zerstören. Als das nicht vollständig gelungen sei, habe man sie in Brand gesetzt. »Sie wollten die Menschen vom Regime befreien, wie sie sagten«, meint Samakie. »Aber es ging nur um Zerstörung.«

In einem Bericht der Weltbank über die Zerstörungen in Syrien aus dem Jahr 2017 heißt es, das Wärmekraftwerk von Aleppo habe vor dem Krieg 60 Prozent des Stroms für Aleppo und Umland geliefert. Es müsse als »komplett zerstört« bezeichnet werden. Bewohner im Osten, im Zentrum und im Südwesten von Aleppo erhielten keinen Strom mehr aus dem öffentlichen Stromnetz. West-Aleppo könne nicht mehr als zwei oder drei Stunden mit Strom versorgt werden.

Sechs Jahre lang blieben in Aleppo und Umgebung die Lichter aus. Nur wer über einen Generator und Beziehungen verfügte, konnte geschmuggeltes Öl von den Ölquellen im Osten des Landes kaufen, die bis heute von den US-Truppen besetzt sind. Eine Fabrik in Aleppo begann, Solaranlagen für Straßen und Plätze zu produzieren. Damit sie schöner aussehen, wurden sie wie Blumen gestaltet. Doch für die Inbetriebnahme von großen Industriemaschinen reicht der Strom dieser Anlagen nicht aus, private Haushalte können die hohen Kosten für die Installation von Solaranlagen nicht tragen.

Während in den reichen Industriestaaten über das dringend benötigte Ende der fossilen Energie debattiert wird und entsprechende Förderprogramme aufgelegt werden, ist die Debatte um Strom aus Sonne und Wind in Syrien noch am Anfang. Das Familienunternehmen Elias aus Homs baut Windanlagen und speist an der Autobahn Homs-Tartus mit zwei Windturbinen jeweils 2,5 Megawatt in das öffentliche Stromnetz ein.

Doch selbst wenn die Wirtschaftsblockade gegen Syrien, die Sanktionen von der EU und den USA aufgehoben und die US-Truppen die syrischen Ölfelder freigeben würden, könnte das Land die nächsten Jahre nicht auf Energie aus Öl und Gas verzichten. Wind und Sonne seien zwar die Energie der Zukunft, so Rabi Elias. Für den Wiederaufbau nach Krieg und Zerstörung müsse das Land die Ressourcen nutzen, die es hat, meint er.

»Niemand hat uns geholfen«, sagt Samakie. »Kein Staat, keine Regierung, keine internationalen Hilfsorganisationen. Die Sanktionen der EU und der USA verhindern, dass Firmen, die immer mit uns zusammengearbeitet haben, Ersatzteile liefern. Manche Mitarbeiter dieser Unternehmen, die das hier aufgebaut haben, würden uns helfen, aber sie dürfen nicht.« Die einzigen, die geholfen hätten, seien Freunde, fährt der Ingenieur fort und nimmt einen vorbeigehenden Mann mittleren Alters am Arm: »Er ist einer der Freunde, die uns hier helfen«, sagt Samakie und lächelt den Mann an. Der Ingenieur stammt aus dem Iran und hilft seit fast zwei Jahren mit einem Team von 50 Fachleuten bei den Reparaturen der Turbinen. »Sie arbeiten mit unseren Leuten zusammen und haben es geschafft, die Turbine Nummer 5 wieder in Betrieb zu nehmen. Jetzt arbeiten sie an Turbine Nummer 1 und hoffen, in wenigen Monaten auch sie wieder instand gesetzt zu haben.«

Samakie dreht sich um und zeigt auf eine Reihe nagelneuer Ersatzteile, die neben einer der Turbinen aufgereiht sind. »Sehen Sie das hier?«, fragt er. »Die Teile sehen aus wie neu, aber tatsächlich sind es die alten Teile aus der Turbine. Er und sein Team haben alles einzeln ausgebaut, geprüft, gesäubert, repariert. Heute sehen die Teile aus wie neu und werden wieder eingebaut.« Der iranische Ingenieur lächelt zurückhaltend. Er mache seine Arbeit seit mehr als 20 Jahren und habe viel Erfahrung sammeln können, sagt er.

Turbine Nummer 5 arbeite wieder und könne etwa 200 Megawatt produzieren, erklärt Samakie. Dann führt er ins Kontrollzentrum von Turbine Nummer 5, wo eine kleine Gruppe von Ingenieuren den gesamten Produktionskreislauf auf Bildschirmen überwachen. »Wir alle arbeiten hier von Anfang an«, sagt Samakie. »Und wir haben alle geweint, als wir das erste Mal wieder hierherkamen, nachdem das Werk wieder betreten werden konnte. Und dann haben wir angefangen zu arbeiten.« Manche hätten weiße Haare bekommen, andere hätten gar keine Haare mehr, sagt er und legt lachend die Arme um zwei seiner Mitarbeiter, von denen einer ergraut und der andere kahl ist. Die beiden waren Ende der 90er Jahre wie Samakie auch zur Ausbildung bei Bechtel in den USA und bei Mitsubishi in Kobe. »Wir sind stolz, dass wir hier wieder arbeiten und die Menschen mit Strom versorgen können«, sagt der eine und bespricht mit Samakie kurz den Produktionsverlauf auf einem der Kontrollbildschirme. Auf dem Tisch davor liegen Kräuter und Jasminblüten. Sie sollen der Arbeit der Ingenieure gutes Gelingen bringen.

Wie schwierig der Betrieb des Kraftwerks ist, zeigt sich draußen an den Tanks, wo der Brennstoff gelagert ist. Das Kraftwerk könne mit Erdgas und Öl betrieben werden, erklärt Samakie. Jeder Tank fasse 25 000 Tonnen. Die zwei Tanks für Gasöl seien leer, weil die Erdgaspipelines aus dem Osten des Landes zerstört seien. Von den sechs Tanks für Öl seien drei zerstört und ausgebrannt. Zudem sei es schwierig, das Öl aus Hasakeh und Deir Ez Zor zu bekommen, weil US-Truppen die syrischen Ölressourcen besetzt hielten. Die Kraftwerksbetreiber leiden unter den Sanktionen. »Wir haben nichts gegen die Deutschen und die Menschen in Europa«, sagte der Ingenieur zum Abschied. »Aber wir sehen, dass die Regierungen dort alles tun, um uns zu schaden.«

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