Widerstand und Wahrhaftigkeit

Gemeinde-Reporterinnen setzen sich in Guatemala für die Rechte der Maya ein – und begeben sich damit in Gefahr

  • Andreas Boueke, Guatemala-Stadt
  • Lesedauer: 6 Min.
Journalistinnen aus den ländlichen Gebieten demonstrieren in Guatemala-Stadt gegen willkürliche Verhaftungen ihrer Kolleginnen.
Journalistinnen aus den ländlichen Gebieten demonstrieren in Guatemala-Stadt gegen willkürliche Verhaftungen ihrer Kolleginnen.

Weltweit nutzen immer mehr Reporterinnen und Reporter die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke und lokaler Radiostationen, um Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen. »Vielen geht es darum, denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst nie gehört werden«, sagt die guatemaltekische Medienwissenschaftlerin Luisa Fernanda Nicolau. »So soll ein Erbe entstehen, dass auch nachfolgenden Generationen das Recht geben wird, ihre Gedanken frei zu äußern.«

In dem mittelamerikanischen Land Guatemala gehört rund die Hälfte der Bevölkerung einem indigenen Volk an. Die meisten Mayas leben am Rand der Gesellschaft, in Armut und nahezu ohne Aufmerksamkeit der staatlichen Behörden. »Viele der Lokalreporter in den Hochlandregionen schreiben aus der Sicht der Urbevölkerung«, sagt Nicolau. »Sie gehen von ihrer Wahrheit aus, von einem Wunsch nach Gerechtigkeit und von der Erinnerung an all das Leid, das diese Menschen noch immer erleben.«

Im alten Zentrum von Guatemala-Stadt haben sich einige Dutzend Journalistinnen und Sympathisanten zu einem Demonstrationszug zusammengefunden. Während sie gegen die ungerechte Inhaftierung ihrer Kolleginnen und Kollegen protestieren, macht die Lokalreporterin Norma Sancir Fotos. »Gerade wir Frauen aus der Maya-Bevölkerung werden in der Medienbranche stigmatisiert. Die Regierung, das Justizsystem und die etablierten Presseverlage und Sender wollen unsere freiberufliche Arbeit nicht als legitim anerkennen.«

Norma Sancir stammt aus dem Maya-Volk der Kaqchikel. Diesmal ist sie nicht nur als Reporterin bei der Demonstration, sondern auch als Betroffene. Als sie einmal Fotos von gewaltsamen Übergriffen der Polizei gegen Demonstrierende gemacht hat, wurde sie festgenommen. »Die Polizisten waren vulgär, gewalttätig und haben mich sehr aggressiv behandelt, so als wäre ich eine gefährliche Kriminelle. Der Richter hat mir gar nicht erst zugehört. Ich kam ins Gefängnis, obwohl ich mich als Gemeindereporterin ausweisen konnte.«

Die Anklage lautete: Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Dank des Drucks nationaler und internationaler Presseverbände kam sie schon nach wenigen Tagen frei. Heute ist sie davon überzeugt, dass die Pressefreiheit in Guatemala genauso wenig respektiert wird wie das Recht der Bevölkerung auf Informationen: »Es wird noch lange dauern, bevor die journalistische Arbeit vieler indigener Frauen als solche respektiert wird. Der Lokaljournalismus ist auch deshalb so wichtig, weil die Journalisten der traditionellen Medien nie in die abgelegenen Regionen kommen. Das Leben der Menschen dort interessiert sie nicht, weil sich Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen auf dem Land nicht gut verkaufen.«

Knapp einen Kilometer von dem Protestzug entfernt sitzt Luisa Fernanda Nicolau hinter einem Schreibtisch aus Blech. Die ausgebildete Journalistin engagiert sich schon lange für die Anerkennung der Rechte der indigenen Bevölkerung. Sie weiß aus Erfahrung, wie gefährlich die Arbeit kritischer Reporterinnen sein kann: »Sobald du den Sprachlosen eine Stimme gibst, gehst du ein Risiko ein. Die Gefahr ist sehr real. Immer wieder kommt es zu Mordanschlägen und ungerechtfertigten Inhaftierungen. Umso deutlicher wird der Mut vieler Lokalreporter, die sich für die Wahrheit einsetzen.«

Norma Sancir hat die meiste Zeit ihrer journalistischen Karriere im Osten Guatemalas verbracht, in der Region des Maya-Volkes der Chortí. Diese abgelegene Gegend ist am ehesten bekannt für ihre sehr hohe Unterernährungsrate. Zwei von drei Kindern bekommen nicht genug zu essen. »Noch weniger Aufmerksamkeit bekommt der Kampf der indigenen Bevölkerung um die Bewahrung der Natur«, sagt Sancir. »Tatsächlich aber leisten viele Menschen Widerstand. Sie verteidigen ihren Landbesitz und wollen Mutter Erde beschützen.«

In den kleinen Weilern der Umgebung von Olopa hat die engagierte Journalistin viele Freunde gefunden, so auch den 33-jährigen Ubaldino García: »Ich bin im Widerstand unseres Dorfes gegen ein Bergbauprojekt aufgewachsen. Wir wollen den Wald und die Wasserläufe vor der Zerstörung durch die Maschinen multinationaler Minenkonzerne schützen. Von der Regierung bekommen wir keine Unterstützung. Im Gegenteil, unser legitimer gewaltfreier Protest wurde kriminalisiert. Ich kam ins Gefängnis, genauso wie bisher 22 weitere Personen aus unserem Dorf, die sich gegen die Firma aufgelehnt haben. Seitdem versuchen wir, einen legalen Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Deshalb haben wir nach Unterstützung gesucht.« So hat er Norma und ihre journalistische Arbeit kennengelernt.

Die freie Reporterin hat viele Aktionen der Menschen in Olopa begleitet, anfangs aus journalistischer Neugierde, aber schon bald, um die Bevölkerung in ihrem Widerstand zu unterstützen. »Ich habe dokumentiert, wie sich alle administrativen Instanzen des guatemaltekischen Staates auf die Seite der ausländischen Firma gestellt haben. Die berechtigten Sorgen der lokalen Bevölkerung werden nicht ernst genommen. Sie bitten um Termine mit dem Bürgermeister, im Bergbauministerium und bei Kongressabgeordneten. Doch nirgends wird ihnen wirklich zugehört. Sie bekommen keine Hilfe.«

Es hat eine Weile gedauert, bevor Ubaldino García Vertrauen zu der Reporterin gefasst hatte. Doch mit der Zeit hat er erkannt, dass sie nicht nur einfach ein paar Fotos macht oder Interviews: »Sie hat sich wirklich auf das Leben in unserer Gemeinde eingelassen und unseren Kampf begleitet. Mit ihren Texten verteidigt sie die Rechte unseres Volkes.«

Norma Sancir weiß, dass in westeuropäischen Redaktionsstuben großer Wert auf eine objektive und neutrale Berichterstattung gelegt wird. Diesen Ansatz kann sie respektieren, fühlt sich ihm aber nicht verpflichtet. Ihre Loyalität gilt vor allem der Maya-Bevölkerung, die unter Armut und Repression leidet. Diesen Menschen will sie ein Forum geben, weil ihre Stimmen sonst nahezu nie gehört werden: »Mein Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Ärmsten sichtbar zu machen, über ihre Realität zu berichten. Wenn zum Beispiel die Polizei brutale Taktiken der Aufstandsbekämpfung nutzt, um Maya-Gemeinden von ihrem Land zu vertreiben, dann schaut meist niemand hin. Ganze Hundertschaften gewalttätiger Polizisten können die Interessen einiger weniger Großgrundbesitzer durchsetzen, ohne dass die Gesellschaft davon erfährt. Das möchte ich ändern«, sagt Sancir.

Ubaldino García ist froh, dass die junge Frau nach Olopa gekommen ist. »Norma hat unseren Widerstand bekannt gemacht, nicht nur hier vor Ort, sondern auch national und sogar international. Sie war dabei, Tag und Nacht, wenn wir Protestaktionen durchgeführt haben oder angegriffen wurden.«

Doch unabhängige Recherchearbeit in ländlichen Gegenden kann gefährlich werden. In Guatemala provoziert kritische Berichterstattung nicht selten gewaltsame Reaktionen einflussreicher Konzerne, repressive Übergriffe staatlicher Behörden oder gar grausame Schläge skrupelloser Drogenkartelle. Sancir ist sich der Gefahr bewusst: »Je mächtiger die Leute sind, desto mehr Angst haben sie, die Kontrolle zu verlieren. Sie unterdrücken die indigenen Völker, um ihre eigenen Privilegien zu bewahren.«

Die Ausbeutung der Urbevölkerung in Mittelamerika begann mit der Ankunft der europäischen Eroberer vor über 500 Jahren. »So lange haben wir Maya geschwiegen«, sagt Sancir. »Wir haben den Kopf gesenkt und zu allem ›Ja‹ gesagt. Aber jetzt endlich haben wir begonnen, uns auszubilden und zu professionalisieren. Wir haben gelesen, neue Erfahrungen gemacht und voneinander gelernt. Heute sind wir nicht mehr dieselben passiven, leidensfähigen Personen wie unsere Vorfahren.«

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