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100 Prozent Wohnstabilität

Housing First ist in Berlin das wirksamste Mittel gegen Obdachlosigkeit – gerade für Frauen

  • Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Bis 2023 sollen es 115 Frauen und ihre Kinder in eigenen Wohnungen sein, sagt Elke Ihrlich. Damit würden dann in Berlin mehr als doppelt so viele Menschen wie jetzt nach dem Prinzip Housing First – auf Deutsch etwa: eine Wohnung vor allem anderen – untergebracht sein. Ihrlich schildert am Montag bei einer Pressekonferenz unterschiedliche Effekte, die eintreten, wenn vormals obdach- oder wohnungslose Frauen wieder in einer Wohnung leben können, ohne dafür Bedingungen erfüllen zu müssen. »Für viele besteht der Kraftakt darin, zunächst in den vier Wänden zu bleiben, sie müssen das wieder trainieren, anderen fällt das leichter, sie fangen gleich eine Ausbildung an, viele treten zum ersten Mal wieder in Kontakt mit ihren Kindern oder Familien.«

Ihrlich leitet den Bereich für Offene Sozialarbeit Housing First des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF). Sie erklärt, warum das Prinzip einer bedingungslos zur Verfügung gestellten Wohnung für fast alle Menschen, die versuchen wollen, das Leben auf der Straße zu beenden, so effektiv ist: Die Sicherheit, die ihnen die Wohnung gibt, ist die Voraussetzung dafür, auch andere Dinge anzugehen, die aus dem Ruder gelaufen oder zur scheinbar unüberwindbaren Schwierigkeit geworden sind. 100 Prozent Wohnstabilität ist dabei für diejenigen 50 Frauen zu verzeichnen, die in den vergangenen Jahren in die Wohnungen des Modellprojekts des SKF eingezogen sind. Viele hätten häusliche Gewalt erfahren, seien auch nicht in der Lage, sich Männern im Rahmen von sozialarbeiterischen Angeboten anzuvertrauen, sagt Ihrlich. Ein anderes Pilotprojekt mit 45 Wohnungen betreibt der Sozialträger Housing First Berlin. Dieses richtet sich auch an Männer, die drei Viertel der Bewohner*innen ausmachen.

Nach dreijähriger Pilotprojektphase sollen die Projekte dauerhaft etabliert und ausgebaut werden. Für dieses und das kommende Jahr seien dafür insgesamt 6,1 Millionen Euro geplant, sagt Berlins Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke) beim Termin. »Ich freue mich riesig, dass nicht nur die Mittel verdoppelt wurden, sondern das Angebot jetzt auch auf wohnungslose Frauen mit Kindern ausgeweitet werden kann«, so Kipping. Auch Paare sollen nun betreut und vermittelt werden. »In Kürze werden weitere Projekte ausgeschrieben«, ergänzt dazu Stefan Strauß, Sprecher der Sozialverwaltung. Bislang konnten insgesamt 95 Wohnungen an Obdachlose übergeben werden. Bis Ende 2023 soll die Zahl dann insgesamt auf 235 gesteigert werden.

»Wir haben von Beginn an immer etwa 300 Frauen auf der Warteliste gehabt, davon waren aber 100 Frauen mit Kindern. Es ist unglaublich, dass es das in Berlin gibt«, erklärt Elke Ihrlich. Frauen lebten mit ihren Kindern in Wohnwägen oder brächten diese bei Freund*innen unter, während sie selbst im Auto schlafen. »Diese werden wir nun erreichen und in Wohnungen vermitteln«, kündigt Ihrlich an. Der SKF betreibt die Notunterkunft Evas Obdach und die Tageseinrichtung Evas Haltestelle. Darüber hinaus gibt es das Duschmobil, das Frauen auf der Straße an unterschiedlichen Orten in der Stadt die Möglichkeit zur Hygiene bietet. 1700 unterschiedliche Frauen nähmen die Angebote des SKF in Anspruch, so Ihrlich. Träger, Teilnehmer*innen und Politik seien vom Konzept überzeugt. Jetzt gelte es, die private Wohnungswirtschaft noch mehr ins Boot zu holen.

In den letzten fünf Jahren hat der Senat die Mittel in der Wohnungsnotfallhilfe vervierfacht. Dies geht maßgeblich auf die ehemalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) zurück.

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