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  • »Der Ring des Nibelungen«

Das Ganze verfehlt

Symptomatisches Scheitern: Dmitri Tcherniakov hat Wagners »Ring des Nibelungen« an der Berliner Staatsoper Unter den Linden inszeniert

  • Kai Köhler
  • Lesedauer: 7 Min.
Zum Scheitern verurteilt: Die Großmetapher Experiment im Stresslabor in Wagners "Ring" an der Staatsoper Berlin
Zum Scheitern verurteilt: Die Großmetapher Experiment im Stresslabor in Wagners "Ring" an der Staatsoper Berlin

Alberich, ein garstiger Zwerg, von elegant schwimmenden Rheintöchtern verlacht, verzichtet auf die Liebe, die für ihn ohnehin nicht vorgesehen ist, und bemächtigt sich der Natur. Er zwingt das zwecklos schöne Rheingold zu einem Ring, der die Weltherrschaft garantieren soll. So unterjocht er seine Mitzwerge, dass sie ihm Reichtum schaffen. Der eigene Bruder muss Alberich einen Tarnhelm schaffen, mit dem er ungesehen die Arbeit beaufsichtigen kann. Kein Müßiggang ist mehr möglich – Mitte des 19. Jahrhunderts hat Wagner das Ideal von Amazons Jeff Bezos komponiert.

Weit oben herrschen die Götter. Wotan hat sich von den Riesen Fasolt und Fafner die Burg Walhall erbauen lassen. Aber Frondienste gibt es nicht mehr, wir sind auch hier im Kapitalismus. Lohnarbeit wird bezahlt. Die Riesen können auf einem Vertrag bestehen, der ihnen die Auslieferung der Göttin Freia garantiert. Wie rettet sich Wotan aus dieser Klemme? Nicht primär durch Gewalt. Schließlich herrscht dieser Gott durch Verträge. Er raubt Alberich Gold, Tarnhelm und Ring und bezahlt damit die Riesen. So endet »Rheingold«, der Vorabend von Wagners Tetralogie.

Doch welche Gefahr droht Wotan, sollte Alberich jemals den Ring zurückerlangen? Die folgenden drei Hauptteile sind durch seine Versuche bestimmt, das Unmögliche zu schaffen: den Ring zu stehlen, ohne ihn zu stehlen. Er setzt ein Geschwisterpaar in die Welt, Siegmund und Sieglinde; aber dass die nichts als seine Agenten sind, ist so offenkundig, dass sie nichts mehr schützen kann.

Vor ihrem Tod aber haben sie Siegfried gezeugt, einen kraftstrotzenden Helden, der nicht weiß, wozu der Ring taugt, den er schließlich erobert. Siegfried ist frei von Berechnung. Seine Stärke macht ihn schwach: Totschlagen kann er, aber die durchschaubarste Intrige findet ihn wehrlos. Wenn er schließlich in die Menschenwelt eintritt und dort auf Hagen trifft, Alberichs kühl kalkulierenden Sohn, ist sein Ende besiegelt.

Die große Erzählung reicht von der Entzweiung mit der Natur als Beginn der Geschichte bis zur Rückgabe des Rings an die Rheintöchter durch Brünnhilde, Wotans Tochter und Siegfrieds Geliebte. »Götterdämmerung«: Walhall geht in Flammen auf, und damit die Herrschaft durch Verträge. Ein naiv gedachtes Ende des Kapitalismus? In Dmitri Tcherniakovs Inszenierung ist das alles das Experiment einer Forschungsanstalt. Das sehr aufwendige Bühnenbild zeigt vor allem eine wissenschaftliche Anlage, mit Büro, Hörsaal, Besprechungsraum und Kaninchenställen. Alberich erleidet seinen ersten Auftritt in einem »Stresslabor« – die Rheintöchter protokollieren, wie er reagiert, wenn sie ihn verhöhnen.

Schon hier stört die Kluft zwischen naturalistischer Ausgestaltung und fehlender szenischer Logik: Alberich ist von einer Maske bedeckt, während doch das, was er wahrnimmt, leibhaftig auf der Bühne gesungen wird. Wenn er dann im Stresslabor randaliert, fragt man sich, weshalb das zahlreich aufgebotene wissenschaftliche Personal nicht eingreift. In den Folgeteilen verschärft sich die Fragestellung. Mal ist Wotan Experimentator und beobachtet die Menschen, die er für seine Zwecke in die Welt gesetzt hat, mal ist er selbst Bestandteil des Experiments.

Tatsächlich ist die Großmetapher Experiment auf den szenischen und musikalischen Verlauf nicht anwendbar. Fragt man sich anfangs noch: Wie wird Tcherniakov das machen?, so freut man sich bald, wenn die Grundidee immer mehr in den Hintergrund tritt. In der »Götterdämmerung« wird zwar das Stresslabor noch einmal reaktiviert, aber zum Schlussbild wird der ganze Kram abgeräumt. Die Bühne ist leer, man könnte – diesmal unbelastet – von vorne anfangen.

Wahrscheinlich war die Grundidee von Beginn an verfehlt. Ein Experiment hat einen offenen Ausgang (sonst bräuchte man es nicht). Ein gutes Bühnenwerk hingegen ist dramaturgisch von seinem Ende her gebaut. Tatsächlich plante Wagner zunächst eine Oper »Siegfrieds Tod«, und erst danach lagerten sich, Abschnitt für Abschnitt, die Vorgeschichten an. Was aber hat die Inszenierung zu bieten, wenn doch die Hauptsache sich als untauglich erweist?

Die stärksten Passagen sind die, in denen Tcherniakov sein Personal ernst nimmt. Wotan muss die von ihm geliebte Brünnhilde strafen, weil sie gegen seinen Befehl den von ihm geliebten Siegmund zu schützen versucht hat; hier gelingt die Personenführung. In »Siegfried« treffen die sehr alt gewordenen Feinde Wotan und Alberich wieder aufeinander. Der Hass ist da, aber auch das Bewusstsein, gerade dadurch eine gemeinsame Geschichte zu haben. Alberichs Rollator kippt zu Boden; Wotan will den aufstellen, Alberich wehrt harsch ab: In solchen Details zeigt sich Einfühlung.

Dagegen steht Komik. Jung-Siegfried, der sein Kinderzimmer kaputthaut; Brünnhildes edles Ross Grane als Stofftierchen mit rotem Schweif und roter Mähne; Hagens Mannen als Basketballmannschaft. Viele dieser Ideen sind ärgerlicher Quatsch. Vor allem ergibt sich kein Ganzes.

Wahrscheinlich ist dieses Scheitern symptomatisch für die Gegenwart. Witze über Wagner’sches Pathos – wer verstünde das heute nicht? Mitleid und Sympathie für Menschen in schwierigen Lagen dürfte niemand zurückweisen, und individuelle Psychologie ist das tägliche Brot für alle von uns. Verständnis aufzubringen haben wir gelernt. Zusammenhänge zu verstehen bemühen wir uns zwar; aber wenn Konsequenz gefragt ist, weichen wir doch lieber aus. Kommt denn schließlich Totalität nicht von totalitär?

Stefan Herheims »Ring« an der Deutschen Oper Berlin in der Spielzeit 2020/21 war ein Fest szenischer Ideen, nach deren Zusammenhalt zu fragen beinahe spielverderberisch wirkte. Tcherniakov setzt dagegen groß ein, um dann zurückzuziehen. Die Kritik an beiden lautet nicht, dass sie nicht Wagners Absichten treu blieben, sondern dass ihnen kein Ganzes gelungen ist. Das Alte wollen sie nicht mehr, aber die Konsequenz eines Neuen interessiert sie nicht.

Wer nicht hinsehen mochte, konnte den Gesang genießen. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist dieser »Ring« hervorragend besetzt. Dies gilt besonders für die drei durchgehend tragenden Rollen. Michael Volles Wotan ist klar, durchdringend und machtvoll, wo es sein muss, ohne je in dröhnendes Pathos abzugleiten. Andreas Schager gibt Siegfried, der szenisch vom arroganten Jungschnösel zum verbürgerlichten Lügner mutiert, dennoch Persönlichkeit; stimmlich eher schlank, viel nuancierter als das, was er zu spielen hat.

Anja Kampes Brünnhilde mag zuweilen etwas Wärme fehlen, auch hört man gegen Ende, dass die riesige Partie ihren Tribut fordert. Aber ihre Stimme hat Strahlkraft, die Phrasierung überzeugt durchgehend. Mika Kares singt die Bass-Bösewichter der Tetralogie, vor allem den auch physisch dominierenden Siegfried-Mörder Hagen im Schlussteil. Der hinterhältige Zwerg Mime, dem in »Siegfried« dieser Mord noch misslingt, ist in der Darstellung durch Stephan Rügamer nicht so überzogen schleimig wie sonst zuweilen zu hören; um so gefährlicher erscheint dieser Gegner.

Umjubelter Dirigent des Zyklus war Christian Thielemann, Wunschersatz von Daniel Barenboim, der als musikalischer Chef der Staatsoper krankheitshalber auf die Leitung verzichten musste. Der Applaus war demonstrativ: ein offensichtlicher Appell, Thielemann, dessen Vertrag in Dresden nicht verlängert wurde, für Berlin zu gewinnen. Er erwies sich als erfahrener Theatermusiker, der die Möglichkeiten von Sängerinnen und Sängern bedenkt. Aus dem tief heruntergefahrenen Orchestergraben kam durchgängig eine instrumentale Grundierung, die dem Gesang auf der Bühne alle Möglichkeiten ließ.

Thielemann verwirklicht dramaturgische Ideen: Der Walkürenritt erklang zurückhaltend wie nur selten und fungierte als Einleitung zu Zornesausbrüchen Wotans, die sich in der folgenden halben Stunde immer mehr aufgipfelten. Thielemann wusste auch immer neue Klangfarben aus diesem hervorragenden, unter Barenboim Wagner-geübten Orchester herauszuholen.

Doch verwischte die häufig weiche Artikulation motivische Zusammenhänge. Das Einzelmoment rückte in den Vordergrund. Um es auszukosten, bremste Thielemann das Tempo extrem ab. Sicher gibt es Passagen im Ring, die Erstarrung und Lähmung vermitteln. Aber unter Thielemann besteht die Gefahr, dass es nur noch um einen Sound geht, den man kulinarisch genießen kann. Vom zeitlupenartigen »Rheingold«-Schluss bis zu den ersten Szenen der »Götterdämmerung« stockte immer wieder der Verlauf – auch hier also ein Zerfall des Ganzen.

Ob heute ein »Ring« gelingen kann? Auch die diesjährigen Nachrichten aus Bayreuth stimmen skeptisch. Vielleicht halten Regisseure Wagners Geschichte für auserzählt und scheitern mit eigenen Überbietungs- oder Ausweichversuchen. Doch auch das Scheitern zu beobachten, ist allemal lohnend.

Nächste Vorstellungen: »Das Rheingold«: 15., 29.10., 4.4.; »Die Walküre«: 16., 30.10, 5.4.; »Siegfried«: 20.10., 3.11., 8.4.; »Götterdämmerung«: 23.10., 6.11., 10.4.
www.staatsoper-berlin.de

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