Schlüssel für den Wandel

Die Protestierenden im Iran zu unterstützen ist wichtiger als der Glaube, Sanktionen allein könnten Veränderungen bewirken

  • Cornelia Ernst
  • Lesedauer: 4 Min.
Frauenproteste im Iran: Schlüssel für den Wandel

Irans Frauen sind der Schlüssel für den Wandel. Und nicht nur im Iran, wie wir jetzt in Afghanistan bemerken, wo die größten Opfer der erneuten Talibanisierung Frauen sind, weil sie aus der Gesellschaft herausgekegelt werden – zugunsten einer Männerwelt, die wieder die gesamte Hoheit über Staat, Gesellschaft und Familie zurückerhalten hat. Die Religion ist dabei ein wohlfeiles und zugleich fälschliches Argument, letztlich geht es immer um Macht. Die Weltreligionen sind in bekanntermaßen unhinterfragt patriarchalen Verhältnissen entstanden.

Cornelia Ernst
Die Europaabgeordnete der Linken ist Präsidentin der EU-Iran-Delegation.

Sich wandelnde Zeiten verändern aber auch Religiosität, und zwar dort, wo deren Kritik auch im Fokus der Gesellschaft war bzw. ist. Die Trennung von Kirche und Staat – keine religiöse Bevormundung des Staates und keine staatliche Bevormundung bzgl. der Religionsausübung – gilt als vernünftiges Gleichgewicht und sicherster Boden für Freiheit und Gleichheit, muss aber immer neu erkämpft werden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierten sich als Reaktion auf Kolonisierung und Bevormundung in vielen Ländern islamische Staaten, in denen die Scharia Pfeiler der Staatspolitik ist.

Im Iran hat die damit verbundene Frauenunterdrückung eine lange Widerstandstradition. Schon im 19. Jahrhundert gab es eine säkulare Frauenbewegung, nach außen hin vernetzt, Ende des 19.Jahrhunderts gehörten Frauen zu den Aufständischen, als sich die soziale Lage dramatisch zuspitzte und die Vergabe des Tabakmonopols an das britische Militär zum Anlass von Aufständen wurde. Die iranischen Protestbewegungen waren immer weit über das Land hinaus hörbar im Nahen und Mittleren Osten, bis nach Europa. 1906 entstand das erste Parlament, aber ohne Frauen. 1925 brach ein neuer Zeitabschnitt an, als Reza Khan das Land zumindest teilweise modernisierte. Der Druck der Frauenbewegung war letztlich hoch genug, so dass 1936 der Zwang zur Kleiderordnung der Frauen abgeschafft und das Tragen von Schleiern sogar verboten wurde. Diese Entwicklungen haben Frauengenerationen geprägt.

Mit der islamischen Revolution wurde dann einerseits die westliche Marionettenfigur des Schahs und damit die Monarchie abgeschafft, aber andererseits, gewissermaßen identitätsstiftend, die Islamisierung und damit die Scharia als Staatsdoktrin eingeführt. Damit wurde das Staats- und Familienrecht, die Pflicht der Frau zum Gehorsam, ihre rechtliche und natürliche Diskriminierung festgeschrieben. Heute gibt es das Recht von Männern, Zeitehen zu schließen, ohne Pflicht für Unterhalt und Wohnung der Frauen. Die Verarmung von Frauen, ihre rechtlose Vernachlässigung sind die Folge. Der Deal, um den der Revolutionsführer 1979 nicht umhin kam, war, den Frauen zumindest das Recht auf Bildung nicht wegzunehmen. So ist es Fakt, dass die Mehrheit der Studierenden im Iran heutzutage Frauen sind.

Der Kampf gegen den Schleierzwang begann an dem Tag, an dem Ajatollah Khomeni 1979 in seiner Radioansprache den Zwang zu den Kleidervorschriften verkündete. Schon damals demonstrierten dagegen Schülerinnen, Studentinnen, berufstätige Frauen verschiedenster Branchen. So wurde der Schleier zum Symbol der Unterdrückung und Entrechtung von Frauen.

Die iranische Widerstandsbewegung hat viele schwere Erfahrungen machen müssen, aber daraus auch gelernt, z.B. freiheitliche und soziale Kämpfe zusammenzuführen. Gerade die jetzige landesweite Protestbewegung, für die der Auslöser der Tod einer jungen Frau, Masha Amini, ist, verdeutlich, dass der Kampf von Frauen gegen Erniedrigung und Entrechtung auch ein Kampf um die Rechte aller Menschen im Iran ist, wie um Versammlungs- und Meinungsfreiheit, um Religionsfreiheit, auf Bildung, Gesundheit und Arbeit. Es ist schwer abzusehen, ob diese Proteste, die sich offen gegen das iranische Regime richten, tiefgreifende Veränderungen erzwingen können. Die Protestierenden darin zu bestärken, in sie Vertrauen zu setzen, das ist unsere Aufgabe. Und das ist wichtiger als der Glaube, Sanktionen allein könnten Veränderungen bewirken. Wir können viel tun, um die iranische Zivilgesellschaft, die schwerere Kämpfe vor sich hat, moralisch, solidarisch und öffentlich unterstützen. Dazu gehört es, sichere Kommunikationskanäle zu schaffen, um die Isolierung der iranischen Protestbewegung zu beenden, Austausche zu ermöglichen und die Sichtbarkeit des iranischen Widerstandes zu erhöhen. Den freien und demokratischen Iran wird es geben – mit der Kraft der Frauen, ohne sie aber nicht.

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