Ohne Sicherung

Beim Klettern ist sie frei, eine Tour endet im Desaster. Im Film »Atlas« verliert eine junge Frau den Glauben an die Welt

  • Christin Odoj
  • Lesedauer: 4 Min.
Allegra (Matilda de Angelis) verliert sich in ihrer Trauer.
Allegra (Matilda de Angelis) verliert sich in ihrer Trauer.

Wenn es darum geht, zu verstehen, wie Freundschaften funktionieren, dann ist das Klettern eine großartige Metapher, um zu zeigen, was ihren Kern ausmacht: Vertrauen, Leidenschaft, Abenteuer. Sportklettern kann man nicht allein. Es braucht einen, der vorsteigt, der das Seil in den Karabiner hängt und einen, der unten sichert und schließlich nachklettert. Die Rollen können wechseln, in guten Freundschaften müssen sie das nicht. Beim Klettern liegt das eigene Leben in den Händen derer, die am anderen Ende des Seils den Sturz auffangen. Höchstens einer wie Reinhold Messner wagt es, von seinem Kletterpartner Hans Kammerlander zu behaupten, er wäre mit ihm nicht befreundet.

In Niccolò Castellis Spielfim »Atlas« entscheiden vier Freunde, dass ihnen die Berge der Schweizer Alpen zum Klettern nicht mehr reichen. Sie wollen etwas Größeres wagen, und so schlägt Allegra (Matilda de Angelis) vor, von Locarno ins Atlasgebirge in Marokko zu reisen. Eine tragische Entscheidung, denn bis auf Allegra kommen alle bei einem Terroranschlag ums Leben, wovon im Film erst nach und nach erzählt wird. Für die Weiterlebende beginnt eine harte Zeit der physischen und psychischen Regeneration. Beim Klettern immer wieder das gleiche Trauma zu durchleben und an die besten Freunde erinnert zu werden, das schafft Allega noch nicht, stattdessen verschließt sie sich vor der Welt, um den Schmerz allein zu ertragen. Auch der Fels bleibt ihr zunächst fremd.

Am Anfang glaubt man noch an einen schlimmen Kletterunfall, wenn man Allega in Halskrause und mit Narben übersät in einer Klinik sieht und wie sie versucht, zurück zu alter Kraft zu kommen ohne die nie wieder ein Klettern auf hohem Niveau möglich wäre. Aber darum geht es Castelli nicht. Sein Film greift auf einen tatsächlichen Vorfall zurück, der 2011 die kleine Schweiz erschütterte. Bei einem Anschlag in Marrakesch kamen damals auch Menschen aus dem Tessin ums Leben. Die Schweizer Festung der neutralen Glückseligkeit war im Kern erschüttert. Und Castelli stellte sich die Frage, die so nahe liegt: Wie können wir uns von der Angst befreien, weiterleben zu müssen?

Die Figur der Allega steht dabei synonym für den Luxus eines Lebens ohne größere Hindernisse, jung, gesund und finanziell abgesichert liegt ihr die Welt zu Füßen. Mit dem Bulli reisen die Freunde dorthin, wo das nächste Abenteuer auf sie wartet. Und zack, von einem Tag auf den anderen ist diese Unbeschwertheit nur noch auf den alten Fotos zu erkennen. Die neue Verunsicherung sperrt sich ein in ein dunkles kleines Zimmer; weitab von der Welt da draußen.

Die Bilder, die in Zeitsprüngen von Allegras Wandel zur introvertierten Verletzten erzählen, wechseln sehr konventionell vom strahlendem Sepia der Felsmassive ins düstere Schwarz des Traumas. Sie lernt den Oud-Spieler Arad (Helmi Dridi) kennen, der anfänglich ihre Angst vor dem Terror personifiziert und sie panisch aus dem Bus stürzen lässt, als sie seinen Rucksack mit arabischer Schrift sieht. Am Ende aber offenbart Arad dieselben Wunden wie ihre eigenen.

»Atlas« will in subtilen Bildern erzählen, wie es ist, von der Wirklichkeit eingeholt zu werden, wie ein Mensch ein Lebenstrauma bewältigen will. Aber das gelingt nur in Ansätzen. Immer dann, wenn die Figuren anfangen, wirkliche Tiefe zu entwickelt, kommt ein Schnitt. Als Allegra zum Vater ihres getöteten Freundes Benni (Nicola Perot) fährt, um ihm Fotos seines Sohnes mit dem Satz zu überreichen »Er war sehr glücklich«, wäre Platz gewesen, ihre Ängste zu beschreiben, stattdessen steht der Vater milde lächelnd da. Szene zu Ende. Nur angeschnitten wird Allegras angespanntes Verhältnis zu ihrem Vater, dem das Herz anscheinend schon recht früh zum Stein geworden ist, da mussten nicht erst Geflüchtete kommen, für die er nur abschätzige Worte übrig hat. So reißt der Film Beziehungsgefüge immer nur an, statt sie auszuerzählen.

Die zentralen Themen Angst vor dem Fremden, Wut, Verzweiflung, weil man keine Orientierung mehr findet, verlieren sich in der Kunstpause. Was wohl Raum zum Denken geben soll, gerät so zur Verschlossenheit gegenüber den Figuren. Die so penetrant angestrebte Katharsis wird dadurch unmöglich. Allegra sucht in der Fremde nach dem eigenen Ich, sonst eingesperrt zwischen Familie und Bergen, die Fremde nimmt ihr, was ihr lieb ist, und am Ende kann nur die Fremde in Form von Arad ihr dabei helfen, zu heilen. Und an einer Bushaltestelle läuft in der Nacht ein Wolf von links nach rechts. Das ist dann einfach too much Bedeutung, ein bisschen zu viel Kitsch und vor allem aber wirkt es extrem konstruiert.

»Atlas«: Schweiz, Belgien, Italien 2021. Regie und Drehbuch: Niccolò Castelli. Mit: Matilda de Angelis, Helmi Dridi, Nicola Perot, Anna Manuelli. 88 Minuten, Start 27.10.

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