Das Biest heißt Patriarchat

Die Arte-Doku »Naked« geht unterhaltsam wie klug der Frage nach, warum wir Menschen in zwei Geschlechter einteilen

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
Der zehnjährige Meems Lutman wurde als Mädchen geboren, doch sein biologisches Geschlecht stimmt nicht mit seiner Identität überein.
Der zehnjährige Meems Lutman wurde als Mädchen geboren, doch sein biologisches Geschlecht stimmt nicht mit seiner Identität überein.

Was das Patriarchat ist? Dank ihrer langjährigen Arbeit in Oxford hat Linda Scott da keinen Zweifel: »Ein Biest!« Es mache uns, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin mit Schwerpunkt weiblicher Erwerbsbiografien, nicht nur aggressiv, sondern ungeheuer unnatürlich und somit zu dem, was die sechsteilige Dokumentation »Naked« über Scotts Worte aus dem Meer steigen lässt: ein Filmmonster der Fünfziger, als Herren ihre Damen auch hierzulande hielten wie Kindersoldaten – dienstbar, gefügig, ohne Meinung, erst recht ohne Macht.

Das ist zwar lange her, wie die emeritierte Professorin nur zu gut weiß, aber eben noch immer so wirkmächtig, dass die Doku-Macher Jobst Knigge, Cristina Trebbi und Susanne Utzt allen Grund haben, sie in die Liste ihrer Fachleute aufzunehmen und gemeinsam der Frage nachzugehen, was das Geschlecht aus Menschen macht und fast noch wichtiger, was der Mensch aus Geschlechtern macht. Die Antwort: meist nichts Gutes.

Obwohl es aus Sicht der Neurobiologin Gina Rippon »keinerlei Hinweise gibt, dass sich Gehirne von Jungs und Mädchen unterscheiden«, würden bereits Säuglinge zu »Identitätsdetektiven« einer binären Umgebung erzogen. Blau und Bagger für Jungen, rosa und Puppen für Mädchen: der »patriarchal-kapitalistische Komplex«, den die deutsche Journalistin Anne Waak an der Wiege wittert, erzieht schon Babys geschlechterspezifisch und legt das Fundament für sechs Lebenszyklen à 50 Minuten, die »Naked« zur klugen Analyse prallvoller Rucksäcke machen, die uns der patriarchal-kapitalistische Komplex auf den Rücken schnallt.

Von der Geburt in die Pubertät zur Familiengründung und über den Abzweig sexualisierter Macht durchs posterotische Alter in eine (womöglich reaktionäre) Zukunft, wühlt sich die Serie aus der frühkindlichen Entwicklung bis ins Seniorenheim und findet überall Menschen, die Vorurteile widerlegen, gegebenenfalls aber auch bestätigen. Denn die Stärke von »Naked« besteht nicht in der Faktendichte allein, sondern in ihrer Breite – wunderbar auf den Punkt gebracht im dritten Teil namens »Jagen und sammeln«.

Während ein weiblich geborener Transmann von einer männlichen geborenen Transfrau im urbanen New York schwanger ist, zoomt die Kamera auf ein Hipster-Paar im kanadischen Blockhaus-Idyll, das seine drei Kinder in alter Rollenaufteilung erzieht, weil es die Mutter so will. Berechenbarkeit? Fehlanzeige.

Was zum Glück auch für Didaktik, Pädagogik und erhobene Zeigefinger gilt. Egal, ob ein achtjähriger Junge aus Toronto sein falsches Leben im Mädchenkörper schildert oder ein fränkischer Teenager sein lesbisches Coming-Out zum Gegenstand eines gut laufenden Instagram-Accounts macht, ob eine US-Unternehmerin feminine Dresscodes verteidigt oder genderfluid genannte Mexikaner den steten Wechsel ihrer Geschlechter, ob es also um konservative oder progressive, nonkonforme oder angepasste Perspektiven geht: Knigge, Trebbi, Utzt sind vor allem neugierig.

Neugierig, was das binäre System so durchhaltefähig macht. Die kategorische Einteilung in »männlich« oder »weiblich« endet ja nicht, weil man auf Formularen nun »divers« ankreuzen kann. Für den Psychotherapeuten Alexander Korte muss die Gesellschaft akzeptieren, dass es »biologisch nur zwei Geschlechter gibt«, die entweder Eizellen oder Sperma produzieren, sozial aber weitaus mehr und gegebenenfalls unter Geschlechtsdysphorie leiden, also unzufrieden mit dem zugewiesenen Sexus sind. Gender-Fluidität, assistiert ihm der holländische Evolutionsanthropologe Carel van Schaik wird sich weiter ausbreiten. »Die Sache ist nur: so what!?«

Tja – was soll’s also? Leider gibt es einige, die traditionelle Familien- und Menschenbilder mit kübelweise digitalem Hass gegen alles verteidigen, was die konstruierte Machtbasis des patriarchal-kapitalistischen Systems, also vor allem männliche Privilegien infrage stellen. So ideologisch argumentiert »Naked« allerdings gar nicht. Hier geht es in aller Ruhe an die Substanz der Doppelgeschlechtlichkeit, wem sie historisch nützte und warum das nicht in Stein gemeißelt sein muss.

Die Doku macht das mit einem Feuerwerk origineller Video-Kaskaden, schneidet uralte Schwarzweiß-Filme gegen zukunftsweisende Fachaussagen oder traditionelle Familienbilder gegen moderne Großstadtentwürfe und macht damit deutlich, dass wir bei der Geburt zwar ziemlich nackt sind, aber sehr schnell ins Kostüm kultureller Geschlechtszuweisungen gestopft werden. Dass Arte die Mädchenstimmen dabei generell drei Oktaven höher auf Lolita synchronisieren lässt – geschenkt! Denn hinterm misogynen Sound ist »Naked« der unterhaltsamste Beitrag zur Geschlechterfrage seit Langem.

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