Der Kulturkampf wird tödlich ernst

Der Anschlag von Colorado Springs zeigt: Amokläufe in den USA treffen zunehmend Minderheiten

  • Von Anjana Shrivastava
  • Lesedauer: 5 Min.
Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags von Colorado Springs am 21. November
Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags von Colorado Springs am 21. November

Der Kulturkampf in den USA wird zunehmend auch mit Waffen ausgetragen: Das jüngste Attentat in Colorado Springs gegen einen LGBTQ-Club, bei dem fünf Menschen starben, reiht sich ein in eine Folge von Attacken der letzten Jahre, die gezielt gegen Juden, Schwarze oder Homosexuelle gerichtet waren. Solche Taten fanden in Synagogen wie in Pittsburgh, in Läden in afroamerikanischen Vierteln wie in Buffalo oder an Treffpunkten der queeren Szene wie dem Pulse-Club in Orlando statt. Ihre terroristische Signalwirkung gilt einer bestimmten Gruppe, die eingeschüchtert und ausgegrenzt werden soll. Letzteres unterscheidet sie von den Amokläufen, die mit dem Colombine-Schulmassaker des Jahres 1999 ihren traurigen Anfang fanden.

Die Attentäter der letzten Jahre werden oft lebendig verhaftet. Das traf auf den Täter von Pittsburgh zu, ebenso in Buffalo, im Jahr 2015 in Colorado Springs bei einem Attentat auf eine Abtreibungsklinik und jetzt erneut am selben Ort, wo ein 22-Jähriger namens Anderson Lee Aldrich gleich am Tatort festgesetzt wurde, nachdem ein Kriegsveteran unter den Gästen den mutmaßlichen Täter überwältigt hatte. Frühere Amokläufe kamen oft erweiterten Suiziden gleich: Typisch war der Selbstmord des Schützen nach dem Mord an Schulkamerad*innen. Die Nation rätselte um die Motive der jungen Täter, oft größtenteils unbeschriebene Blätter. Doch anders als noch vor einigen Jahren suchen sich Attentäter immer häufiger gesellschaftlich ausgegrenzte Gruppen als Ziel aus. Rechten Terror gab es auch in den Neunzigern, wie beim Bombenanschlag von Oklahoma City, doch nicht in dieser Regelmäßigkeit und Alltäglichkeit.

Dieses Attentat in Colorado Springs wurde von einem jungen Täter verübt, der schon vor einem Jahr seine Mutter mit einer Bombe bedroht hatte: Damals musste die Polizei zehn Häuser räumen, bevor Aldrich sich ergab. Die Bombe wurde nie gefunden, die Anklage offenbar aufgegeben; möglicherweise zog die Mutter ihre Anzeige zurück. Colorado hat ein sogenanntes »Red Flag«-Gesetz: Die Polizei oder Privatbürger können die »rote Fahne« hissen und von einem Richter verlangen, einen Gefährder zu entwaffnen. Warum es in diesem Fall nicht zur Anwendung kam, ist unklar. Auch ist auffallend, dass die Mutter des mutmaßlichen Schützen wegen Brandstiftung verhaftet wurde, als ihr Sohn 12 Jahre war. Drei Jahre später wurde Aldrich Opfer von gravierendem Online-Mobbing, bei dem er erheblich gedemütigt wurde. Deshalb änderte er seinen Namen wenige Monate darauf.

Trotz solcher Zeichen einer traumatischen Jugend wirkt das Attentat von Colorado Springs nicht wie ein isoliertes Verbrechen, sondern als ein Teil von Amerikas Kulturkampf. Colorado stellt für die Rechte von LGBTQ-Personen einen ähnlichen Frontstaat dar wie Kansas für Abtreibungsrechte. In Colorado Springs gibt es zwar kein neues, restriktives Schulgesetz wie in Florida, wo die Aufklärung über queeres Leben verboten wurde. Doch sehr wohl gibt es Lokalpolitiker wie Jason Jorgenson in der Schulkommission, die obszöne Beleidigungen der LGBTQ-Gemeinschaft posten: Die Stadt erreichte traurige Berühmtheit, als radikale Christen die Rechte von Homosexuellen schon vor 20 Jahren begrenzen wollten. Die Atmosphäre ist heute so angespannt, dass einige Stammgäste den Club Q in letzter Zeit nicht mehr besuchten – das behauptet zumindest der Aktivist Parker Grey laut der Lokalzeitung »Gazette«.

Der Kulturkampf scheint zunehmend in physischer, oft tödlicher Gewalt zu münden: Es geht dabei oft um das Recht auf Waffenbesitz einerseits, um reproduktive Freiheit und um die Rechte von Trans-Personen andererseits. Einigen scheint Colorado Springs zu klein für die gleichzeitige Wahrung aller Bürgerrechte. Doch die Reaktion aus der LGBTQ-Gemeinschaft lässt nicht auf sich warten: Am Montag gründete Grey eine Gruppe »Für das Gedenken und den Widerstand«. Er will Colorado Springs nicht kampflos aufgeben.

Die Verquickung der alltäglich gewordenen Gewalt junger Attentäter mit der nationalen Politik stellt eine neue Stufe der Intensität des zunehmend vergifteten gesellschaftlichen Klimas in den USA dar. Das Attentat von Colorado Springs ereignete sich wenige Wochen nach der Attacke auf Paul Pelosi, den Ehemann der Sprecherin des Repräsentantenhauses, in San Francisco und kurz vor der Konstituierung eines neugewählten Abgeordnetenhauses in Washington mit knapper republikanischer Mehrheit. Viele der konservativen Politikerinnen und Politiker, die mit Hetze gegen queere Menschen auf Stimmenfang gingen, geben nun schmallippige Beileidsbekundungen ab.

Der Großvater des Schützen, Randy Voepel, war langjähriger republikanischer Abgeordneter in Kalifornien. Letztes Jahr behauptete er, dass der Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021 so wichtig wie die Revolution im Jahr 1776 gewesen sei. Als die rechte Abgeordnete Lauren Boebert aus Colorado den Opfern im Club Q in den sozialen Medien ihr Beileid aussprach, fiel die Gegenreaktion heftig aus: Alexandria Ocasio-Cortez twitterte, dass es dieses Mal mit »Gebeten« nicht getan sein könne. Schließlich hatte Boebert eine Debatte mitbefeuert, in der Schwule und Trans-Menschen als »Groomers« verunglimpft wurden, als Personen, die Jugendliche sexuell gefügig machen. In den USA weigern sich immer mehr Menschen, Taten wie die von Colorado Springs außerhalb dieses Kontextes zu betrachten.

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