Kranke Kiefernkronen

Nur vier Prozent der Berliner Waldbäume sind laut aktueller Erhebung gesund

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 4 Min.
Deutliche Schäden, auch hier im Grunewald: Laut aktuellem Waldzustandsbericht sind nur vier Prozent der Berliner Bäume gesund.
Deutliche Schäden, auch hier im Grunewald: Laut aktuellem Waldzustandsbericht sind nur vier Prozent der Berliner Bäume gesund.

Auch wenn es von der Jahreszeit her passen würde, solle das keine Weihnachtsdekoration sein. »Die wäre ja ganz schön mickrig«, sagt Berlins Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne) über einige Kiefernzweige, die bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts 2022 am Mittwoch auf dem Boden liegen. Sie dienen Gunnar Heyne, dem Leiter der Berliner Forsten, als Demonstrationsobjekt, um zu zeigen, wie es um die Berliner Wälder aktuell bestellt ist. Eigentlich sollte die Kiefer ihre Nadeln über mehrere Jahre behalten, doch an einem Zweig ist der Nadel-Jahrgang von 2020 schon zur Hälfte verschwunden.

Der Kronenzustand der Berliner Waldbäume hat sich insgesamt verschlechtert: 40 Prozent weisen laut aktueller Waldzustandserhebung deutliche Schäden auf, das sind 6 Prozent mehr als 2021. Für 56 Prozent der untersuchten Bäume wurde die erste Warnstufe ausgesprochen (– 4 Prozent), lediglich 4 Prozent sind völlig gesund (– 2 Prozent). Unter den Kiefern, die rund 60 Prozent des Berliner Baumbestands ausmachen, sind sogar nur noch 2 Prozent ohne Schäden. Er hätte nach diesem Sommer, der sowohl viel zu heiß als auch zu trocken war, fast ein noch schlimmeres Ergebnis erwartet, sagt Gunnar Heyne. »Aber der Baum ist ein träges Lebewesen. Es dauert, bis er die Schäden zeigt«, erklärt er. Das bedeutet: In den kommenden Jahren könnte der Bericht noch deutlich schlechter ausfallen.

Schon seit 2019 bewege sich der Zustand des Berliner Waldes im konstant schlechten Bereich, dennoch sei er optimistisch, sagt Heyne. Denn zumindest die Absterberate habe sich im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 auf 0,4 Prozent verringert. Und die Gesundheit der Eiche habe sich 2004 schon einmal auf einem Tiefpunkt befunden und danach überraschend gut wieder erholt. Zudem beziehe der jährliche Waldzustandsbericht nur Kiefern, Eichen und Buchen ein. Letztere gebe es in Berlin kaum, dafür aber Linden, Ulmen und andere Arten, über deren Zustand der Bericht gar keine Aussage treffe. Die Erhebung zeige also nicht den ökologischen Gesamtzustand, und »der ist so tragisch nicht«, betont der Leiter der Forsten.

Mit 29 000 Hektar sei Berlin die Stadt mit dem meisten Wald in Deutschland, er habe eine extrem wichtige Funktion als Erholungsraum sowie zur Bekämpfung der Klimakrise, und »wir sollten uns um ihn kümmern«, erklärt Bettina Jarasch. Da Laubbäume resilienter gegen Brand und Sturm sind als Nadelbäume, sie mehr CO2 binden und den Grundwasserspiegel stabilisieren, sollen die Berliner Wälder sich von Nadel- zu Laubmischwäldern entwickeln. In diesem Jahr sind bereits 322 000 neue Laubbäume gepflanzt worden, jeder fünfte Baum sei inzwischen eine Eiche. Mit diesem bundesweit beispielhaften Mischwaldprogramm nehme das Land Berlin sogar am UN-Dekade-Projektwettbewerb zum Schutz der Ökosysteme teil, berichtet die Umweltsenatorin stolz.

Nach Ansicht von Christian Hönig, dem Baumschutzexperten des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND), müsse der Waldumbau ohne flächigen Maschineneinsatz erfolgen. »Der Berliner Wald ist ein Naturschutz- und Erholungswald. Die Waldpflege hat sich an diesen Zielen zu orientieren«, sagt er. Auf Maschinen zu verzichten, würde allerdings bedeuten, dass der Personalbedarf explodiert, gibt Gunnar Heyne zu bedenken. »Das muss man politisch diskutieren«, sagt er. Er freue sich bereits darüber, dass das Personal der Berliner Forsten auf sieben Stellen für Forstwirtschaftsmeister*innen aufgestockt worden sei – auch wenn er sich mehr gewünscht hätte. Neu sei außerdem ein Waldbrandfrüherkennungssystem, um Bränden vorzubeugen.

Viel mehr könne man für den Wald ohnehin nicht tun, außer auf einen schneereichen Winter und einen verregneten Sommer zu hoffen, so Gunnar Heyne. »Jedes Agieren ist eine Wette auf die Zukunft«, meint er. Letztlich sei Klimaschutz der beste Waldschutz, wie auch BUND-Baumschutzexperte Christian Hönig sagt: »Um den Wald zu retten, müssen vor allem der Klimawandel aufgehalten und die Grundwasserstände stabilisiert und gesichert werden.« Und andersherum gehe Klimaschutz eben nicht nur über Technologien, sondern auch über klimaresiliente Wälder. »Die Natur selbst muss uns helfen«, betont Jarasch. In dieser Hinsicht lässt der Waldzustandsbericht noch Luft nach oben.

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