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»Die Distanz zur Mannschaft wächst weiter«

Heike Gels bereist seit 2006 jede WM: Ihre Erfahrungen in Katar zeichnen ein Bild von einem Turnier, bei dem sich auch Frauen willkommen fühlen

  • Frank Hellmann, Doha
  • Lesedauer: 4 Min.
Heike Gels fühlt sich wohl in Katar.
Heike Gels fühlt sich wohl in Katar.

Sie gehören im Fanclub der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu den treuesten Anhängerinnen. Was war Ihr erstes Länderspiel?

Bei der WM 1982 habe ich alle Spiele im TV gesehen und bei einem Gewinnspiel der »WAZ« mitgetippt. Da habe ich auf den Namen meines Vaters eine Karte für ein Länderspiel danach im alten Parkstadion in Gelsenkirchen gegen Österreich gewonnen. Mein Papa hat mir und meiner Schwester dann auch noch Tickets gekauft. Ich bin mit einer Deutschland-Flagge hin, die ich mit Wasserfarben gemalt hatte – ich war froh, dass es nicht geregnet hat.

Welche WM haben Sie zuerst vor Ort verfolgt?

Die 2006 in Deutschland: Ich wurde beruflich eingeladen und war bei Spielen in Berlin, Kaiserslautern, Nürnberg, München – das war anfangs richtig stressig. Ich bin ja nicht mit dem Hubschrauber geflogen wie Franz Beckenbauer. Für die WM 2010 in Südafrika habe ich mir über Ebay eine Karte organisiert und bin alleine nach Johannesburg zum Spiel gegen Ghana geflogen. Danach war für mich klar, dass man bei einer WM ganz viele Menschen aus unterschiedlichsten Nationen kennenlernen kann. 2014 hatte ich schon Tickets bis zum Viertelfinale. Als es für das Finale kurzfristig ein Angebot für einen Fanflieger gab, habe ich sofort gebucht und bin noch mal nach Rio. Morgens um vier gelandet, zwölf Stunden danach das Finale. Mir wurden zwischenzeitlich fast 4000 Euro für die Finalkarte geboten, aber das habe ich abgelehnt. Beim Rückflug kam ich sogar ins Fernsehen. Ich bin wohl als eine der wenigen Frauen aufgefallen.

Auch wegen des Umgangs mit Frauenrechten steht Katar in der Kritik stand es für Sie zur Debatte, nicht zu dieser WM zu reisen?

Ich bin zwar mit gemischten Gefühlen hin, aber ich hatte kein schlechtes Gewissen. All das hätte vor zwölf Jahren anders entschieden werden müssen. Das nun an den Sportlern, den Fans oder den Einheimischen auszulassen, ist verkehrt. Außerdem war ich bereits 2015 bei der Handball-WM in Doha. Damals habe ich festgestellt, dass vieles schwierig ist, aber letztendlich fühlst du dich als Frau hier sicher. Du wirst nicht belästigt. Ich werde auch fast immer vorgelassen. In der Metro stehen die meisten Männer für mich auf.

Ist die Kritik also übertrieben?

Für mich als Touristin ist das schwer zu beurteilen. Man bekommt ja nur das zu sehen, was man sehen soll. Man muss sich an die vorgegebenen Wege halten, und der Kontakt zu den Einheimischen ist auch begrenzt worden. 2015 haben wir noch mit einer Gruppe Katarern sprechen können, die uns an den Tisch gebeten hatten – und mit uns sogar Bier getrunken haben.

Was ist für Sie diesmal prägend?

Alle Nationen sind hier in einer Stadt. Sonst sieht man bei einer WM an einem Spieltag fast nur die Fans des Gegners. Jetzt sind alle vor Ort. Ich spüre auch viel Stolz, dass eine WM in einem arabischen Land stattfindet. Deswegen freuen sich die Marokkaner und Tunesier auch so.

Sie sind aber wegen der deutschen Mannschaft hier. Wie fällt ihr Fazit aus?

Richtig gut fand ich nicht viel. Es fing mit der Debatte um die »One Love«-Binde an, wo letztlich kein Rückgrat gezeigt worden ist. Dann das verschenkte Spiel gegen Japan, und nun das Vorrunden-Aus. Mir fehlte der letzte Enthusiasmus. Die Distanz zur Mannschaft wächst auch weiter. Zwar ist die mobile Fanbotschaft da, aber es gibt keine gemeinsamen Veranstaltungen. Viele Anhänger wohnten nicht mal in Doha, sondern in Dubai oder Bahrain. Wir bleiben trotzdem bis zum Ende. Unser Rückflug geht erst am 19. Dezember.

Bereuen Sie den WM-Trip?

Auf keinen Fall. Auch wenn einige Dinge für uns nicht so gut gelaufen sind. Ansonsten ist es aber eine superinteressante Erfahrung, die anderen Kulturen zu erleben.

Lesen Sie alle unsere Beiträge zur Fußball-WM in Katar unter: dasnd.de/katar

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