Noch kein Exportschlager

Den Praxistest haben die kubanischen Covid-19-Impfstoffe bestanden, die WHO-Zulassung aber verzögert sich

  • Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit vergangener Woche verimpft das Gesundheitssekretariat von Mexiko-Stadt in den 230 Gesundheitszentren der mexikanischen Hauptstadt den kubanischen Covid-19-Impfstoff Abdala. Der Impfstoff wurde im Dezember letzten Jahres von der mexikanischen Zulassungsbehörde Cofepris zur Verwendung in Mexiko zugelassen; Ende November dieses Jahres folgte die Genehmigung der kubanischen Vakzine Soberana 02 und Soberana Plus.

Erwachsene sollen nun mit Abdala geboostert werden, um der derzeit grassierenden Coronawelle in Mexiko Einhalt zu gebieten. Insgesamt neun Millionen Impfdosen erhielt Mexiko aus Kuba. Die Lieferung war beim Staatsbesuch des mexikanischen Präsidenten Manuel López Obrador im Mai in Havanna vereinbart worden. Trotz ähnlicher Abkommen mit Vietnam, Venezuela oder Nicaragua sind die Vakzine bislang nicht die erhofften Exportschlager. Produziert werden sie im Iran und möglicherweise sogar in Italien.

Das hängt zum Teil mit der weiterhin fehlenden Zulassung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen. Aufgrund von Verzögerungen bei der Inbetriebnahme einer der Produktionslinien konnten die WHO-Experten die vor einem Jahr eingeweihte Anlage im hochmodernen Biotech-Komplex CIGB-Mariel vor den Toren Havannas noch nicht inspizieren. Das sagte der Präsident der pharmazeutischen Unternehmensgruppe BioCubaFarma, Eduardo Martínez Díaz, vor wenigen Tagen gegenüber der Tageszeitung »Granma«.

Die Verzögerung ergab sich, weil Kuba nicht in der Lage war, die Zahlungen an das Unternehmen zu leisten, das Anlagen und Systeme für die Produktionslinie einrichten sollte, so Martínez Díaz. »Wir versuchen seit neun Monaten, die Zahlungen vorzunehmen, aber sie kamen nicht zustande, weil mehrere Banken sich weigerten, die Überweisungen vorzunehmen.« Die US-Sanktionen verkomplizieren Kubas internationale Transaktionen. »Trotz dieser Schwierigkeiten werden Fortschritte erzielt, und wir hoffen, den Bewertungsprozess in 2023 abschließen zu können«, erklärte Martínez Díaz.

Kuba-Experte Bert Hoffmann vom GIGA-Institut in Hamburg glaubt, dass die Zulassung durch WHO »nicht leicht« sein wird. »Dazu muss man wissen: Nicht nur die Impfstoffe als solche werden zertifizert, sondern der gesamte Produktionsprozess und damit auch die ganzen kubanischen Produktionsanlagen.« Diese Zertifizierungsprozesse seien aber, und das ist eine alte Kritik, so Hoffmann, sehr an den Standards der großen Pharmakonzerne ausgerichtet. »Natürlich sollten die Standards hoch sein, aber sie haben doch gleichzeitig einen Touch von Protektionismus, mit dem sich die Konzerne Konkurrenz vom Hals halten.«

Da die kubanischen Impfstoffe aber von zwei der vier anerkannten Referenzregulierungsbehörden der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (Paho) – von der kubanischen und der mexikanischen – zugelassen wurden, könne die Paho Abdala & Co. für Lateinamerika ankaufen und die Vakzine könnten in den Ländern des Kontinents verimpft werden.

Auf der Insel selbst ist Covid derweil weitgehend unter Kontrolle. Die täglichen Fallzahlen bewegen sich im unteren zweistelligen Bereich. Hoffmann verweist auf vier entscheidende Punkte dafür: »Der erste große Faktor ist eine erfolgreiche Impfkampagne, die so flächendeckend war wie in kaum einem anderen Land weltweit.« Ende Dezember waren neun von zehn Kubaner*innen vollständig geimpft, 77 Prozent der Bevölkerung sind geboostert. Hinzu kommt laut Hoffmann, dass in Kuba zusätzlich zur Impfung ein hoher Anteil der Bevölkerung die natürliche Immunisierung durch Krankheit durchgemacht hat, da die auf Kuba produzierten Impfstoffe erst nach der Delta-Welle auf der Insel verfügbar waren. Aber »die kubanischen Impfstoffe sind sehr effizient gewesen und haben tatsächlich ihren Praxistest bestanden«, so der Experte.

Gleichzeitig konnten die kubanischen Impfstoffe laut Hoffmann auch an Kinder ab zwei Jahren verimpft werden. »Und insofern hat man die Kinder weitgehend herausgenommen aus dem Zyklus von Erkrankung und Weitergabe«, so der Experte. Nach Angaben des kubanischen Gesundheitsministeriums sind mehr als 95 Prozent der Zwei- bis 18-Jährigen auf Kuba vollständig geimpft. Und das ausschließlich mit eigenen Impfstoffen – das ist weltweit einmalig.

Im Alltag auf der Insel spielt die Pandemie keine Rolle mehr; der wird überlagert von anderen Krisen: der Wirtschafts- und Versorgungskrise, den Stromabschaltungen und dem Massenexodus junger Kubaner*innen.

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