Dann mach nur einen Plan

Der Ärger mit dem elektronischen Rezept hört nicht auf: Der Testbetrieb scheitert immer wieder

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
QR-Code scannen geht schon, aber das Rezept auf Papier hat noch lange nicht ausgedient.
QR-Code scannen geht schon, aber das Rezept auf Papier hat noch lange nicht ausgedient.

Schon am 1. Juli 2021 sollte das elektronische Rezept starten. Einen Tag vor der offiziellen Einführung räumte die Gematik ein, dass es noch kein E-Rezept gebe. Die Gematik war von Spitzenorganisationen im Gesundheitswesen 2005 zur Einführung, Pflege und Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitskarte und ihrer Infrastruktur gegründet worden. Um den immer wieder stockenden Digitalisierungsprozess voranzutreiben, hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) 2019 dem Bund eine Mehrheit in der Gematik-Gesellschafterversammlung verordnet.

Eigentlich wäre die elektronische Version der Medikamenten- oder Therapieverschreibung eine gute Idee. Zum Beispiel könnte, einmal ganz abgesehen von der Papierersparnis, die Abrechnung von mehreren Hundert Millionen Exemplaren pro Jahr entschieden vereinfacht werden. Das Rezept geht in der Regel einen Weg von der Arztpraxis über den Patienten zur Apotheke, die dann wiederum bei der Krankenkasse abrechnet, dies über spezialisierte Rechenzentren. Apothekeninhaber erwarteten von dem E-Rezept eine Zunahme des Versandhandels, aber auch weniger Rezeptfälschungen und weniger Reklamationen der Krankenkassen.

Bereits 2021 hatte die Gematik die geplanten Einführungsstufen reduziert: Aus dem bundesweiten Roll-out wurde ein Pilotprojekt der Region Berlin-Brandenburg, später die Erprobung mit nur einer Apotheke, einer Praxis und einem Versicherten. Auch das scheiterte am Ende. Im gleichen Jahr wurden die Ankündigungen der nächsten Schritte aber in umgekehrter Reihenfolge wieder nach oben gefahren, ab dem vierten Quartal sollte nun die bundesweite Einführung »nach und nach« möglich sein. Anfang 2022 stoppte dann Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) das Projekt und erklärte, er wolle eine umfassende Digitalisierungsstrategie vorlegen. Auch von diesem Plan hörte man dann lange nichts mehr.

Nach weiteren Turbulenzen sollten dann im letzten Jahr bis zum ersten September Bayern und Schleswig-Holstein als erste Bundesländer das E-Rezept einführen. Aber auch bei diesem Anlauf behinderte schlechte Kommunikation das Projekt. Erneut sah sich die Ärzteschaft samt Praxispersonal von der Gematik und auch vom Ministerium verprellt.

Ein neuer Anlauf mit neuen Etappenzielen folgte mit Verkündung im Juni 2022. Laut der Gematik-Gesellschafterversammlung sollten Praxen in Schleswig-Holstein und Westfalen-Lippe die elektronische Verordnung als erste in ein flächendeckendes Verfahren führen, Start zum 1. September 2022. Ab dem 1. Dezember sollte das E-Rezept dann bei Erreichen bestimmter Qualitätskriterien in den Modellregionen verpflichtend und in weiteren sechs Bundesländern eingeführt werden. Voraussichtlich bis zum 1. Februar des neuen Jahres sollten die übrigen acht Bundesländer folgen. Apotheken in ganz Deutschland sind bereits seit dem 1. September 2022 verpflichtet, E-Rezepte anzunehmen.

Auch der letzte Plan ging nicht auf, weil die beiden Modellregionen nacheinander ausstiegen. Nach derzeitigem Stand bleibt kein praktikabler digitaler Übertragungsweg mehr offen. Die von der Gematik zur Verfügung gestellte App wird wegen hoher Zugangshürden nur von sehr wenigen Patienten genutzt. Alternativ kann der Rezeptcode auf Papier ausgedruckt werden, was die Idee eines elektronischen Rezeptes ad absurdum führt. Die Forderungen gehen im Moment dahin, dass die E-Rezepte entweder über die elektronische Patientenakte abrufbar sein sollen (die aber zwei Jahre nach dem Start erst wenige Versicherte nutzen) oder direkt über die Versichertenkarte. Seitens der Gematik wird u.a. die Einführung einer elektronischen Identität für notwendig erklärt, bei der Italien und Dänemark Vorreiter seien.

Ärzte in der ambulanten Versorgung halten ausreichende Tests erst dann für gegeben, wenn das E-Rezept auf allen Praxisverwaltungssystemen – im Einsatz sind etwa 200 verschiedene Systeme – und bei allen Fachrichtungen stabil läuft. Selbst kleine Probleme führten in den Praxen zu einem hohen Mehraufwand, was in der Regel die medizinischen Fachangestellten ausbaden müssen. Die Lösung für das E-Rezept bleibt weiter nicht anwendungsreif. Eine tatsächliche Erleichterung für Patienten und Praxen in diesem Bereich ist noch immer nicht in Aussicht.

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