Alle hinter Rudi Riese

Sympathieträger Völler soll die Krisen bei DFB und DFL übertünchen

  • Frank Hellmann, Offenbach
  • Lesedauer: 5 Min.
Der ehemalige DFB-Teamchef Rudi Völler soll die Nationalmannschaft nun als Geschäftsführer wieder an die Weltspitze führen.
Der ehemalige DFB-Teamchef Rudi Völler soll die Nationalmannschaft nun als Geschäftsführer wieder an die Weltspitze führen.

Einige Wochen ist es her, dass Rudi Völler zusagte, beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nachträglich seinen Ehrenpreis abzuholen, den er im Sommer wegen des Todes seiner Mutter nicht hatte entgegennehmen können. Damals habe er ja noch nichts von der Dynamik ahnen können, verriet Völler später an einem Stehtisch mit einem Augenzwinkern. Plötzlich soll der in Funktionärskreisen wie beim Fußballvolk gleichermaßen beliebte 62-Jährige erneut einen Stimmungswandel besorgen. Nachdem Völler erst warme Worte von Liga-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke (»extrem authentisch, extrem viel Ahnung«) empfangen hatte, gab er sich danach erst gar keine Mühe, die wohl bald bevorstehende Ernennung zum neuen Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) als Nachfolger von Oliver Bierhoff abzulehnen. »Wir werden noch einmal diskutieren. Dann schauen wir mal.« Schon am Donnerstag tagt wieder die namhafte Task-Force mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Das Präsidium würde dann am 27. Januar die Formalien besiegeln.

Am Dienstag betonte Völler in der Offenbacher Eventlocation, dass er »keine zehn Minuten von hier groß geworden« sei. Und er erzählte von seinem ersten Profivertrag bei den Offenbacher Kickers, der ihm einst 2000 Mark im Monat bescherte. Alles zwar Vergangenheit, aber ihm ist vor der Zukunft nicht bange. Klar, die Nationalmannschaft hätte bei der WM mehr erreichen können, ja müssen, aber: »Wir dürfen uns nicht zu klein machen. Wir sind gut genug, mit den ganz Großen mitzuhalten.« Einem »Rudi Riese« reichen einfache Botschaften.

Und so ist ein bodenständiger Sympathieträger eben der Richtige, wenn sich die großen Fußballinstitutionen aus verschiedensten Gründen gerade neu erfinden müssen. Die einen (DFB) leiden unter dem »Desaster bei der WM« (Völler), die anderen (DFL) müssen noch die Nachfolge der schon am Anfang vor einem Jahr fremdelnden und inzwischen abgelösten Chefin Donata Hopfen regeln. Auch der in Völlers Amtszeit Vizeweltmeister gewordene Oliver Kahn sprach sich klar für den ehemaligen Teamchef aus. »Rudi ist ein Mensch, in dessen Nähe man sich immer wohlfühlt. Er ist jemand, der einem ein gutes Gefühl geben kann«, betonte der Vorstandschef des FC Bayern. Wenn auch aus München keine Einwände kommen, dann erscheint die Inthronisierung in Frankfurt wirklich nur noch Formsache, zumal die Zeit bis zur Heim-EM 2024 drängt.

Watzke als derzeit mit Abstand mächtigster Mann im deutschen Fußball glaubt übrigens nicht, dass das dritte verkorkste Turnier in Folge negativ auf die am Wochenende wieder startende Bundesliga abstrahlen wird. Dann hätte die Premier League nicht diesen Stellenwert, sagte der 63-Jährige mit süffisantem Seitenhieb auf die in dieser Hinsicht noch weit erfolgloseren Engländer.

Der Boss von Borussia Dortmund benannte anschließend fünf Wünsche für bessere Zeiten: Neben einer solidarischen Liga und einem verbesserten Verhältnis zwischen DFL und DFB verlangte der wertkonservative Sauerländer auch, dass der »Fußball seine Rolle klar definiert, indem er sich auf das Kerngeschäft konzentriert«. Trotz gesellschaftspolitischer Verantwortung solle der Fußball »keine parteipolitische Vereinnahmung« zulassen, mahnte Watzke. War daraus eine feine Spitze gegen die Katar-Doppelpässe zwischen dem SPD-Mann und DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf, der nach Doha gereisten Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und dem für den Verband arbeitenden Wahlkampfberater von Olaf Scholz, Raphael Brinkert, herauszuhören?

Watzke wünschte sich in Gesellschaft, Politik und Sport generell »weniger Bedenken und mehr Energie« und forderte dazu auf, »die Home-Office-Mentalität abzulegen«. Die Bundesliga dürfe ruhig etwas Selbstbewusstsein zeigen. »Die Premier League wirft mit Geld um sich, aber wo ist das Problem? Wir haben noch sieben Klubs im Europapokal. Wir stehen sportlich besser da als vor zwei, drei Jahren.«

Die interimsmäßig an die DFL-Spitze gewählten Vorstände Axel Hellmann (Eintracht Frankfurt) und Oliver Leki (SC Freiburg) deuteten nach ihm weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit in den nächsten Monaten an. Hellmann will ausloten, »was wir tun können, um das Produkt zu stärken«. Dass Investoren in Teilbereiche einsteigen, um bei der Eigenproduktion, Ausspielung und Vermarktung einzelner Medienpakete zu helfen, ist nach seinen Ausführungen offenbar nicht vom Tisch, schließlich brauche die Liga Geld, um international mitzuhalten, »denn wir spüren den Druck auf dem Spieler- und Medienmarkt«. Nur alles zu seiner Zeit, wobei es nach Aussage des Frankfurter Vorstandssprechers beim Thema Nachhaltigkeit ruhig schneller gehen dürfe, »da ist der Fußball noch ein bisschen rückständig«, gestand der 51-Jährige.

Drei Jahre hatte es keinen DFL-Neujahrsempfang mehr gegeben. Damals hatte Ex-Liga-Chef Christian Seifert noch das gemeinsam von ihm mit Bierhoff entwickelte »Projekt Zukunft« zur Nachwuchsförderung als »das wichtigste Projekt des deutschen Fußballs für die nächsten zehn bis 15 Jahre« bezeichnet. Darum ging es bei den 400 Gästen in dem früheren Industrieareal nahe einem Autobahnzubringer bei teils lebhaften Debatten fast gar nicht mehr, denn die Probleme sind längst verzweigter geworden. Und alle wissen: Ein Rudi Völler wird längst nicht reichen, um sie alle langfristig zu lösen.

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