Frankfurt springt vor Glück

Die Eintracht schreibt Fußballgeschichte. Der Triumph in der Europa League löst in Sevilla wie in Frankfurt überbordende Begeisterung aus

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 5 Min.
Nach 42 Jahren gewinnen die Frankfurter wieder einen Europapokal. Entsprechend groß war der Jubel in Sevilla.
Nach 42 Jahren gewinnen die Frankfurter wieder einen Europapokal. Entsprechend groß war der Jubel in Sevilla.

Dragan Kandic ist mehr als nur der gute Geist vom Lichtluftbad im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Als Platzwart und Wirt, Multitalent und Seelsorger – und in Coronazeiten natürlich auch als Hygienebeauftragter – hält das Unikum seit vielen Jahren Menschen unterschiedlichster Herkunft in seinem Tennisverein zusammen. Aber dass der gebürtige Serbe gegen Mitternacht plötzlich Freudensprünge gefühlt bis zum Himmel vollführt, hat der schnuckelige Klub hoch über den Dächern der Mainmetropole auch noch nicht erlebt. Dabei spielte sich vor den Fernsehern auf der Vereinsterrasse in dieser magischen Nacht nur ab, was auch überall in der Stadt geschah: Menschen lagen sich in den Armen, die meisten schrien einfach ihre Freude hinaus, nicht wenige weinten vor Glück.

Der Europa-League-Triumph von Eintracht Frankfurt mit 5:4 (1:1, 0:0) im Elfmeterschießen gegen die Glasgow Rangers versetzte naturgemäß auch seine Protagonisten in Sevilla in den Ausnahmezustand. »Ich feiere jetzt bis Samstag durch – und am Sonntag gehe ich in den Urlaub«, kündigte Trainer Oliver Glasner an. Der Österreicher hatte sich vor der Siegerehrung auf einen Diver durch das Spalier seiner freudetrunkenen Spieler begeben, die das für dieses große Ereignis viel zu kleine Estadio Ramón Sánchez Pizjuán gar nicht verlassen wollten.

Wie das Ensemble nach dem Rückstand durch Glasgows Angreifer Joe Aribo (57.) mit einem eigenen Treffer von Rafael Borré ins Spiel zurückkam (69.) und sich letztlich dank einer Elfmeterparade von Kevin Trapp gegen den Waliser Aaron Ramsey belohnte, sorgte für eine Explosion der Gefühle. Es dauerte nicht lange, da starteten in Frankfurt am Main die ersten Autokorsos mit wilden Hupkonzerten und enthemmt feiernden Fans. Überall die schwarz-weißen Eintracht-Fahnen. Am Donnerstag füllte sich die Innenstadt früh mit Menschenmassen: Die gigantische Sause auf dem Römerberg stellte selbst die rauschende Feier zu Pfingsten 2018 nach dem DFB-Pokalsieg in den Schatten.

Die Begeisterung für die launische Diva vom Main ist sprunghaft gewachsen, weil die Vereinsführung in jüngerer Vergangenheit ganz viel richtig und wenig falsch gemacht hat, um die Herzen der Menschen wieder zu erreichen. Niemand käme als Heranwachsender in Frankfurt gerade auf die Idee, Anhänger des FC Bayern oder von Borussia Dortmund zu werden – die Eintracht bietet alles, was sich ein Fußballfan wünscht, egal welchen Alters, welcher Nationalität, welchen Geschlechts, welcher Religion.

Der Verein, der kürzlich stolz sein 100 000 Mitglied begrüßte, hätte nie die Finanzspritzen eines solch sprunghaften Investors wie Lars Windhorst bei Hertha BSC angenommen – solche Erfahrungen hat Frankfurt längst hinter sich. Mit der gekrönten Traumreise durch Europa ist ein Lehrstück aufgeführt, dass auch Klubs aus dem gehobenen Mittelstand noch »Grenzen verschieben können«, wie Vorstandssprecher Axel Hellmann zuvor gemutmaßt hatte.

Er ist hinter den Kulissen einer der Baumeister dieser sagenhaften Erfolgsgeschichte. Der Jurist war treibende Kraft, den Klub nach dem soliden Mittelmaß der Heribert-Bruchhagen-Ära mit mehr Fantasie und ein bisschen mehr Risiko auszustatten. Hellmann verweist zu Recht darauf, dass es sich mit dem Cup-Gewinn 42 Jahre nach dem Triumph im alten Uefa-Pokal eben nicht um ein Zufallsprodukt handelt. »Wir waren in den vergangenen sechs Jahren fünf Mal in einem Halbfinale des DFB-Pokals oder der Europa League

Doch letztlich geht dann doch nichts über einen Titel. Die Frankfurter kommen ins Geschichtsbuch des deutschen Fußballs. Ein Vierteljahrhundert nach dem Uefa-Pokal-Coup des FC Schalke 04 hat die Bundesliga neue Helden in einem lange geringgeschätzten Wettbewerb hervorgebracht. Umgehend verneigten sich fast alle Würdenträger des deutschen Fußballs vor der Eintracht. Bundestrainer Hansi Flick lobte eine »herausragende Leistung«. Kollege Glasner und sein Trainerteam hätten »großartige Arbeit« vollbracht »und mit ihrem offensiven, leidenschaftlichen Fußball nicht nur die vielen Fans von Eintracht Frankfurt mitgerissen«. Man könne Verein, Fans, Mannschaft, Trainer und Manager nur beglückwünschen, »das tut dem deutschen Fußball gut«.

Da zudem »nicht einer der üblichen Verdächtigen« (Hellmann) erstmals die Europa League gewinnt, beschert der Bundesliga noch einen fünften Champions-League-Teilnehmer. Zwar ordnet sich Frankfurt wirtschaftlich weiter klar hinter Bayern, Dortmund, Leipzig oder Leverkusen ein, aber zumindest in der Königsklasse ist die Eintracht nun sogar als Gruppenkopf gesetzt. Die Fortsetzung der internationalen Festspiele erleichtert Sportvorstand Markus Krösche (»Das hilft uns extrem für die Zukunft«) so manches Gespräch mit Spielern und Agenten. Und so sollte das Überwintern mindestens als Gruppendritter in der Europa League – der natürlichen Heimat der Eintracht – in der WM-Saison allemal drin sein.

Erst einmal aber steht die nächste Pilgerfahrt nach Helsinki an, weil dort am 10. August das Finale um den Supercup entweder gegen den FC Liverpool oder Real Madrid steigt. Bis dahin will der Klub die Verträge mit Europa-League-Helden wie Filip Kostic, Daichi Kamada oder Even Ndicka verlängern, die bei einer Niederlage unweigerlich auf der Verkaufsliste gestanden hätten.

Ansonsten will sich der Verein aber treu bleiben. »Wir gehen jetzt nicht groß einkaufen, weil wir uns einmal für die Champions League qualifiziert haben«, versprach Präsident Peter Fischer in einem nüchternen Moment. Ansonsten war auch er nicht mehr zu halten: »Das ist der größte Moment der Vereinsgeschichte. Deshalb bin ich ein monsterstolzer Präsident. Heute geht nur freuen, feiern, diesen verdammten Pokal nach Frankfurt bringen«. Die Trophäe gehöre einfach in eine Stadt wie Frankfurt. Zu Menschen wie Dragan Kandic, die der Klebstoff der Gesellschaft sind.

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