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Können uns die Organoide helfen?

Mit Frankensteins Monster wird es erstmals nichts: Körperzellen werden untersucht, aber nicht entwickelt

  • Christof Meueler/Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.
Mehr Hirn: Mikroskopische Querschnittsaufnahme eines cerebralen Organoids das die Entstehung verschiedener Hirnregionen zeigt.
Mehr Hirn: Mikroskopische Querschnittsaufnahme eines cerebralen Organoids das die Entstehung verschiedener Hirnregionen zeigt.

Ich habe gelesen, die Organoide sind stark auf dem Vormarsch. Sind das eigentlich so nachgebaute Körperteile, um den Körper zu retten, wenn er krank ist?

Langfristig vielleicht irgendwann. Aber im Moment sind es nur organartige Strukturen, die der Untersuchung von bestimmten Prozessen im Körper dienen. 

Werden die im Körper aktiviert?

Nein, außerhalb. Aus dem Körper kommen höchstens einzelne Zellen oder sogar nur das Erbgut einer Zelle. Organoide basieren auf Stammzellen, die noch die Fähigkeit haben, sich zu allen Gewebetypen zu differenzieren. Und diese Differenzierung versucht man in einer Zellkultur zu steuern und so ähnliche Strukturen wie in den Organen zu züchten.

Das spielt sich nicht im Körper ab? Das enttäuscht mein altes Science-Fiction-Herz.

Es gab allerdings mal einen Tierversuch, wo man ein menschliches Hirnorganoid einer Maus eingepflanzt hat, die sich daraufhin tatsächlich anders verhielt. Allerdings auch nicht menschlich. Die lernte nicht plötzlich sprechen oder Werkzeuge zu bauen.

Aber theoretisch könnte man mit Organoiden Körperteile züchten und die dann im Körper anbauen?

Das mag das Fernziel sein, doch bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg. Die Tricks des Axolotls beherrscht auch die moderne Medizin noch lange nicht. Dieser Molch kann sich nämlich tatsächlich Körperteile nachwachsen lassen.

Mit Frankensteins Monster wird es also auch nichts.

Ja, das bleibt uns noch eine ganze Weile erspart. Dafür lassen sich Arzneimitteluntersuchungen an solchen Organoiden mit menschlichen Zellen manchmal verlässlicher machen als mit den bisher üblichen Tierversuchen. Denn was im Tier wirkt, muss nicht beim Menschen funktionieren, da haben die Tierversuchsgegner schon recht.

Eine Art Wokeness im medizinischen Bereich? Moralischer und gerechter?

Wegen der Moral weniger, es ist einfach sicherer. Abgesehen davon kann man komplexe Prozesse, die innerhalb eines Organs ablaufen, im Organoid besser beobachten, weil es kleinteiliger und übersichtlicher ist.

Aber kann man nicht irgendwelche Körpersäfte produzieren und die dann zur Heilung in den Körper spritzen? Oder ist das nicht denkbar?

Denkbar ist vieles. Aber bislang ist das nicht machbar. Es gibt ja durchaus die Idee, bei bestimmten Defekten Stammzellen dort zu injizieren, in der Hoffnung, dass diese Stammzellen dann in der korrekten Umgebung auch die korrekten kaputten Zellen ersetzen. Aber das sind alles Dinge, die noch im Früheststadium sind.

Die Stammzellenforschung ist ja in Deutschland nicht gerade wohlgelitten.

Die Forschung an sich schon, aber die Entnahme von Stammzellen aus Embryos ist eben gesetzlich untersagt. Aber mit Zellen aus ausländischen Embryos vor einem bestimmten Stichdatum darf man forschen. Da wird das moralische Dilemma dann gewissermaßen exportiert, so wie auch bei vielen Umweltproblemen.

Das übliche Verfahren im deutschen Kapitalismus.

Die wesentlichen Fortschritte werden eher in den Ländern mit pragmatischer Moral, also den angloamerikanischen und womöglich auch in China, stattfinden.

Meine liebste Vorstellung aus der älteren Science Fiction ist, dass man Wissenschaftler auf Miniaturgröße schrumpft und die dann im Mikro-U-Boot in den Körper schickt, damit sie da mal nachsehen. Würdest du gerne so eine Reise machen?

Als Blut-U-Boot? Ja, was sieht man denn da wirklich? Da muss man doch damit rechnen, dass man fortgesetzt von Immunzellen eingeschleimt wird, die diesen Fremdkörper abwehren wollen.

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