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Talentierter Walrossschnauzer

Der Gitarrist, Sänger und Texter David Crosby ist gestorben

  • Jan Paersch
  • Lesedauer: 4 Min.
David Crosby: kein Workaholic, kein verkanntes Genie, einfach ein guter Musiker.
David Crosby: kein Workaholic, kein verkanntes Genie, einfach ein guter Musiker.

Schwer vorstellbar, dass irgendjemand David Crosby je hätte böse sein können: Solch freundlich blitzende Augen, solch ein sympathisch verlotterter Walrossschnauzer! »Ich habe jeden Fehler gemacht, den man machen kann«, sagte der US-Amerikaner jedoch vor ein paar Jahren. Crosby hatte Freunde und Kollegen vor den Kopf gestoßen, wurde mehrfach wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet, konsumierte Unmengen von Alkohol und harten Drogen, saß wegen Heroin-Besitzes monatelang im Knast. Aber der 1941 in Los Angeles geborene David Van Cortlandt Crosby sang auch einige der schönsten Songs, die je auf dem nordamerikanischen Kontinent produziert worden sind.

Die phänomenalen Harmoniegesänge der Supergroup Crosby, Stills & Nash, zu denen sich sporadisch die Stimme eines gewissen Neil Young gesellte, setzen sich sofort im Kopf fest. Nun erreicht einen die Nachricht vom Tod von David Crosby. Wer würde da nicht sofort »Déjà Vu« auflegen wollen, zweifellos eines der besten Alben des an tollen Alben nicht eben armen Jahres 1970?

Was für unglaubliche Lieder! Der balladeske Titelsong stammt von Crosby, bekannter sind die beschwingte Folk-Hymne »Teach Your Children« oder die geniale Neuinterpretation von »Woodstock«. Ein euphorischer E-Gitarren-Kracher fällt da fast aus dem Rahmen; Crosby bezeichnete den Text seines Protestsongs »Almost Cut My Hair« später als einen der kindischsten, den er je geschrieben habe: »Es ist sicher keine große Poesie, aber es hat eine gewisse emotionale Wirkung.«

Emotionen waren zweifellos seins. 1963 war Crosby ziellos, er hatte sein Schauspielstudium in Kalifornien geschmissen, ein Duo mit dem später gefeierten Folksänger Terry Callier bekam keinen Plattenvertrag. In Chicago traf er auf Roger McGuinn und gründete mit ihm The Byrds, eine Gruppe, die wie keine zweite damals den akustischen Folk mit elektrischen Gitarren verband und mit psychedelischen Experimenten in neue Sphären hob. McGuinn hielt es nur drei Jahre mit Crosby aus. Der kommentierte, schon in hohem Alter: »Ich war ein extrem egoistischer Typ und versuchte, die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen.«

David Crosby hatte eine klare, durchdringende Gesangsstimme, keine großartige. Doch sein Gehör war enorm, schon bei den Byrds war er für die Harmonie-Arrangements zuständig gewesen. Mit den alten Bekannten Stephen Stills und Graham Nash, die bereits mit ihren jeweiligen Bands The Hollies und Buffalo Springfield erfolgreich gewesen waren, jammte er erstmals 1968. Im Mai 1969 erschien ihr erstes Album »Crosby, Stills & Nash«. »Guinnevere«, die zärtliche Ballade über gleich mehrere Geliebte, bezeichnete Crosby einmal als den besten Song, den er je geschrieben habe.

Das Debütalbum erreichte auf Anhieb die Top10 der US-Charts und brachte die Band nach Woodstock. Am frühen Morgen des 18. August 1969 gingen dort vier junge Männer vor Hunderttausenden auf die Bühne und spielten ihr erst zweites Konzert überhaupt. »We’re scared shitless« (Wir haben eine Scheißangst), sagte Stephen Stills ins Mikrophon. Es wurde dennoch, trotz diverser Substanzen im Blut, ein triumphaler Auftritt –  Crosbys Karriere nahm weiter Fahrt auf.

Unterstützt von den Hippie-Freunden The Grateful Dead nahm er »If I Could Only Remember My Name …« auf, sein sanftes Debütalbum unter eigenem Namen und vermutlich das beste aller Soloalben. Die Kritiker des Jahres 1971 verrissen die Platte, Crosby schob es später auf den Zeitgeist: »Alle waren damals auf der Suche nach Blues-Licks und kreischenden Leadgitarren.«

Crosby war weder einer, der sich musikalisch stets neu erfand, noch ein rastlos Kreativer. Einmal nahm er mehr als 20 Jahre lang kein neues Album auf. Es war die Zeit nach seiner Lebertransplantation 1994, die eine schwere Heroin- und Alkoholsucht notwendig gemacht hatte. Damals sortierte er sein Leben neu und traf auf seinen Sohn Raymond, der nach der Geburt 1962 zur Adoption freigegeben worden war – und den David Crosby nie getroffen hatte. Es gab ein Happy End: Vater und Sohn gingen gemeinsam auf Tour.

In seinen letzten acht Lebensjahren nahm er noch fünf Alben auf, tourte mit einer neuen, jungen Band und wunderte sich, warum all das so ein gutes Ende genommen hatte: »Ich habe keine Ahnung, warum ich noch lebe, aber Jimi Hendrix, Janis Joplin und meine anderen Freunde nicht.«

Am 20. Januar 2023 ist David Crosby nach langer Krankheit gestorben. Von ihm bleiben Songs und Harmoniegesänge, die man in den Jahrzehnten danach kaum je so schön gehört hat. Einer der bekanntesten Songs von Crosby, Stills, Nash & Young stammt gar nicht von den vier Mitgliedern, sondern von Joni Mitchell. Die Singer-Songwriterin war selbst nicht in Woodstock gewesen. Aber mit dem gleichnamigen Song schrieb sie einer ganzen Generation eine Hymne: »We are stardust/We’re golden/And we got to get ourselves/Back to the garden«. David Crosby, der Mann, der viel älter wurde, als er selbst es je geglaubt hätte, ist nun Sternenstaub.

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