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Ceranfeld-Schaber gegen Nazi-Aufkleber

Omas gegen Rechts informieren über Rechtsextremismus im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 3 Min.
Antifaschismus bleibt Handarbeit.
Antifaschismus bleibt Handarbeit.

»Wenn ich sage, ich mache die Sachen ab, egal wie auch immer, per Spraydose, wenn das nicht wegzuputzen geht, oder mit meinen scharfen Ceranfeld-Schaber: Die Sachen sind danach nicht mehr zu sehen«, erläutert Irmela Mensah-Schramm den sachgemäßen Umgang mit nazistischen und rechtsextremen Aufklebern und Schmierereien in der Öffentlichkeit. 1985 habe sie angefangen, menschenfeindliches Material rund um den Bahnhof Wannsee zu entfernen, und sie werde damit auch weitermachen, sagt sie.

Die 77-jährige »Ehren-Omi«, wie sie von ihren Mitstreitenden genannt wird, spricht am Samstagabend im Gemeindesaal Dahlem auf einem von der Untergruppe Süd-West der Berliner Omas gegen Rechts organisierten Podium über Rechtsextremismus im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die in Österreich gegründete Initiative arbeitet mittlerweile deutschlandweit und ist regional als Omas gegen Rechts Berlin-Brandenburg in zahlreichen örtlichen Untergruppen organisiert.

An der Podiumsdiskussion nimmt auch Conrad Wilitzki vom Netzwerk Tolerantes Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf teil. Die Brandenburger Initiative beschäftige sich länderübergreifend auch mit dem Berliner Südwesten. »Bei uns sind dieselben Gruppen wie in Steglitz-Zehlendorf aktiv«, sagt er. Erst kürzlich habe die großangelegte Razzia gegen die sogenannten Reichsbürger gezeigt, dass der Berliner Bezirk ein Zentrum rechtsextremer Organisierung sei: Eine der Hauptakteurinnen, die AfD-Ex-Bundestagsabgeordnete und Richterin Birgit Malsack-Winkemann, war bis 2017 Vize-Chefin des AfD-Bezirksverbands Steglitz-Zehlendorf.

»Steglitz-Zehlendorf gilt als ein gutbürgerlicher Bezirk, aber es gab hier schon immer einen rechtsextremen Untergrund. Schon seit den 1870er Jahren gibt es hier die Burschenschaft Gothia und die vernetzt bis heute die rechte Szene«, sagt Wilitzki. In ihr »Gothenhaus« am S-Bahnhof Zehlendorf würden die Burschenschaftler die Identitäre Bewegung ebenso einladen wie die AfD oder das rechtsextreme Institut für Staatspolitik. »Alle drei Organisationen werden – in dem einen Bundesland mehr, in dem anderen weniger – vom Verfassungsschutz beobachtet«, sagt er.

Die Burschenschaft Gothia wird auch von Michael Sulies als rechte Akteurin im Bezirk genannt. Sulies betreut bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin sowohl Steglitz-Zehlendorf als auch das benachbarte Charlottenburg-Wilmersdorf. »Es gibt sehr viele Parallelen zwischen beiden Bezirken. Im Prinzip kann man sagen, dass beide Bezirke Hotspots der Neuen Rechten sind. Dazu zählt auch die Burschenschaft Gothia«, sagt Sulies. Die Neue Rechte verfolge den Ansatz einer Kulturrevolution von rechts, ihre Ideologen, ob vom Institut für Staatspolitik oder vom Magazin »Compact«, würden auch seitens der AfD nach Steglitz-Zehlendorf eingeladen werden.

Die AfD sei im Bezirk wie auch bundesweit das Zentrum der rechten bis rechtsextremen Organisierung und nutze ihre Stellung im parlamentarischen System aus, um alle verfügbaren Ressourcen zur Verbreitung rechten Gedankenguts anzuwenden, sagt Sulies. Dagegen wehren sich die Omas gegen Rechts mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und organisieren Gegendemonstrationen, etwa gegen Wahlkampfstände der Partei im Bezirk. Vor dem randvollen Gemeindesaal in Dahlem rufen sie die etwa 150 Zuhörer*innen dazu auf, sich ihnen anzuschließen: »Wir müssen mehr werden!«, ruft eine der südwestlichen Omas zum Abschluss der Veranstaltung.

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