• Berlin
  • Internationale Grüne Woche

Flanieren und Flambieren in Halle 21a

Brandenburg-Tag bei der Agrarmesse Internationale Grüne Woche in Berlin

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Agrarminister Axel Vogel (r.) entflammt bei der Grünen Woche mit Hilfe von Koch Christian Reuner Rotwein-Birne für ein Rehgulasch.
Agrarminister Axel Vogel (r.) entflammt bei der Grünen Woche mit Hilfe von Koch Christian Reuner Rotwein-Birne für ein Rehgulasch.

Für Brandenburgs Agrarminister Axel Vogel (Grüne) ist es eine Premiere. Inzwischen 66 Jahre alt, hat er nie zuvor in seinem Leben Speisen flambiert. Am Montag versucht er das bei der Internationalen Grünen Woche in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm. Im Kochstudio in der Brandenburghalle 21a reicht ihm Christian Reuner vom Hotel Reuner in Zossen das Feuerzeug. Die Birne für ein Rehgulasch ist in der Pfanne mit einem hochprozentigen Pflaumenlikör getränkt. Axel Vogel zündet das Gemisch an und eine große Stichflamme schießt empor. Genau so soll es sein. Der Minister probiert einen Happen und reckt anerkennend den Daumen hoch. Es schmeckt ihm.

Am Montag gibt es bei der Landwirtschaftsmesse Grüne Woche den traditionellen Brandenburg-Tag. Besucher können vor Ort zuschauen, was sich auf der Bühne und im Kochstudio abspielt, aber es wird auch live im Internet übertragen. Zum Auftakt spielt das Landespolizeiorchester in kompletter Besetzung, doch für die Landeshymne »Märkische Heide, märkischer Sand« übergibt der Dirigent den Taktstock an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Die Zuschauer sollen mitsingen. »Wenn Sie den Text können, wäre ich sehr stolz auf Sie«, wendet sich Woidke ans Publikum und singt dann selbst laut vor, während er dirigiert. Die Hymne von 1923 ist musikalisch schlicht und anspruchslos und dadurch diskreditiert, dass sie einst ein beliebtes Marschlied der Brandenburger SA gewesen ist. Komponist und Texter Gustav Büchsenschütz (1902–1996) hat das in der Nazizeit selbst stolz herausgestrichen, aber im hohen Alter Anfang der 1990er Jahre wohlweislich nicht mehr.

Diese Geschichte findet am Montag keine Erwähnung. Ein bisschen historisch wird es dennoch – und zwar, als die Ackerbürgerstadt Kremmen auf der Bühne den Staffelstab für das Brandenburger Dorf- und Erntefest von Wulkow bei Neuruppin übernimmt und für den 9. und 10. September ein »tolles Fest« unter anderem in seinem alten Scheunenviertel ankündigt, dem »größten zusammenhängenden Scheunenviertel Europas«. Bürgermeister Sebastian Busse (CDU) musste sich krankmelden und lässt sich am Montag vertreten. So übernimmt eine rein weibliche Delegation mit der Stadtparlamentsvorsitzenden Stefanie Gebauer (Freie Wähler), Erntekönigin Emmelie Steinke und Festkomiteechefin Andrea Busse den Staffelstab. »Überall werden Händler sein mit nachhaltigen Produkten«, wird den Gästen versprochen.

Nachhaltigkeit ist auch ein Stichwort für Brandenburgs Auftritt auf der Grünen Woche. Wie Ministerpräsident Woidke hervorhebt, demonstrieren die Aussteller wieder eindrucksvoll: »Brandenburg ist innovativ, nachhaltig und begehrt. Jeder will dahin.« Die Halle 21a sei bei der weltgrößten Landwirtschaftsmesse ein »Publikumsmagnet«. Die Grüne Woche biete ein Forum für Politiker, Erzeuger und Verbraucher, um Herausforderungen und Lösungen zu diskutieren. Es brauche »eine ehrliche Debatte und Klarheit, wie die Produktion von Lebensmitteln sich zukünftig gestalten soll, wenn sie trotz steigender gesetzlicher Anforderungen an Tierwohl, Klimaschutz und Bodenschutz dem Preisdruck importierter Konkurrenzprodukte standhalten soll«. Die Messebesucher sollen sich beim Flanieren in der Brandenburg-Halle »von der Vielfalt der heimischen landwirtschaftlichen Erzeugnisse« überzeugen, ermuntert der Politiker. »Und achten sie bei ihrem nächsten Einkauf darauf, wo ihre Produkte herkommen: Regional ist besser!«

So ähnlich äußert sich Hanka Mittelstädt von der Marketingorganisation Pro Agro von der Bühne herunter: »Unsere Produkte brauchen ihre Unterstützung.« Will heißen, die Kunden sollen in der Region erzeugte Lebensmittel kaufen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass brandenburgische Spezialitäten in die Regale der Kaufhallen und auf die Speisekarten der Restaurants gelangen. Dazu organisiert Pro Agro in den kommenden vier Tagen jeweils um 9 Uhr Rundgänge mit Leuten, in deren Ermessen das steht. Am Dienstag kommen rund 240 selbstständige Einzelhändler der Edeka-Gruppe, am Mittwoch etwa 100 Brandenburger Gastronomen und Hoteliers, am Donnerstag 80 Marktleiter, Gebietsleiter und Sortimentsverantwortliche von Rewe und am Freitag 25 Marktleiter, Einkäufer und Vertriebsleiter von Kaufland mit Azubis im Schlepptau. Darüber hinaus gebe es weitere Führungen für Netto, Norma und Transgourmet, teilt Pro Agro mit. Den ersten derartigen Rundgang habe man vor 13 Jahren organisiert. »Damals bin ich mit zwei Handelsvertretern durch die Brandenburghalle gelaufen«, erinnert sich Geschäftsführer Kai Rückewold. Es sei ein Anfang gewesen. Inzwischen werden Kontakte mit rund 450 Personen aus Handel und Gastwirtschaft angebahnt, oder wie Rückewold formuliert: »Auf Einladung des Verbandes Pro Agro werden interessierte Absatzpartner aus Brandenburg-Berlin zielgerichtet mit Produzenten unserer Region zusammengeführt, um Kooperationen auf- und auszubauen.«

Grüne Woche, Messedamm 22 in Berlin, bis 29. Januar, 10 bis 18 Uhr, am 27. Januar bis 20 Uhr, Eintritt: Tageskarte 15 Euro, ab 14 Uhr und ermäßigt 10 Euro, Familienkarte 31 Euro (maximal zwei Erwachsene und drei Kinder bis 14 Jahre), www.gruenewoche.de

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