Werbung

Bio in Bedrängnis

Vor der Grünen Woche in Berlin: Trend zu gesunden Lebensmitteln erleidet vorübergehenden Rückschlag

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Biotrend hat eine Delle bekommen: Biomöhren der Gemüsebauern Daniel Riesener und Daniel Götze im uckermärkischen Wilhelmshayn
Der Biotrend hat eine Delle bekommen: Biomöhren der Gemüsebauern Daniel Riesener und Daniel Götze im uckermärkischen Wilhelmshayn

Die sonst jährlich abgehaltene Agrarmesse Internationale Grüne Woche fiel 2021 wegen der Corona-Pandemie aus, 2022 fand sie ersatzweise nur via Internet statt. »Mit der digitalen Überbrückung sind wir alle nicht zufrieden gewesen«, erinnert sich Brandenburgs Landesbauernpräsident Hendrik Wendorff. Dieses Jahr können vom 20. bis 29. Januar wieder wie gewohnt Besucher in die Messehallen unter dem Berliner Funkturm strömen.

Aber wie groß wird das Interesse sein nach der Pause? »Zwei Jahre können auch entwöhnen. Regelmäßigkeit hat ihre Vorteile. Wir sind gespannt«, sagt Wendorff am Freitag in der brandenburgischen Landesvertretung in den Berliner Ministergärten. Hier gibt es am Morgen ein Frühstücksbuffet und eine Vorschau auf das Programm in der traditionellen Brandenburghalle 21a. Damit will das Potsdamer Agrarministerium Appetit nicht zuletzt auch auf das Kochstudio machen, das treue Gäste in der Messehalle 21a gewohnt sind. Dafür allerdings müsste man nicht extra hingehen. Was täglich und sogar vor- und nachmittags wechselnde Küchenchefs aus dem Bundesland in dem Kochstudio zubereiten, lässt sich auch per Live-Übertragung im Internet verfolgen.

Bauernpräsident Wendorff will nicht allzu sehr spekulieren, kann sich aber durchaus vorstellen, dass die Messe verglichen mit der im Jahr 2020 einen leichten Rückgang der Besucherzahlen verzeichnen wird. Doch niemand vermag das vorherzusagen. So ergänzt Brandenburgs Agrarminister Axel Vogel (Grüne) die Erwartung des Bauernpräsidenten mit dem Hinweis: »Es ist aber auch das Gegenteil denkbar: dass uns die Bude eingerannt wird.« Könnte ja sein, dass die Menschen nach den Beschränkungen der Corona-Pandemie regelrecht ausgehungert sind und nach einem solchen Ereignis dürsten. Häppchen mit besonderem Brot, extra würzigem Käse oder anderen Leckereien kosten, einen Schluck Bier oder Saft probieren, das bereitet Genuss und Vergnügen in der Brandenburghalle. Früher herrschte dort häufig Gedränge. Dieses Jahr wird es auf jeden Fall nicht so eng sein. Denn statt wie zuletzt 73 Aussteller gibt es nun lediglich 56. Biobauer Wendorff sieht das positiv: »Man hat mehr Platz, man kann das eine oder andere Gespräch ruhiger führen.«

Dass es nach der Corona-Pause nun wieder die persönlichen Kontakte auf der Grünen Woche geben werde, die durch nichts zu ersetzen seien, freut Hanka Mittelstädt. Doch die Vorstandsvorsitzende des märkischen Marketingverbands Pro Agro weiß auch um die drückenden Sorgen der Land- und Ernährungswirtschaft. Denn die Coronakrise ging nahtlos in die Energiekrise über, die mit dem Krieg in der Ukraine zusammenhängt. Die Bauern müssen nicht nur selbst mehr für Strom, Gas und Kraftstoff bezahlen, sondern auch die Kunden der Lebensmittelgeschäfte – und viele Kunden sparen angesichts der explodierenden Kosten und der galoppierenden Inflation, wo sie nur können. Essen müssen die Menschen natürlich, aber sie greifen dann eher zum billigsten Angebot als nach regionalen Erzeugnissen und Bioprodukten, die in der Regel teurer sind.

Mittelstädt meldet Umsatzeinbußen von 30 bis 50 Prozent. Der Verband Pro Agro befragte die Betriebe der heimischen Land- und Ernährungswirtschaft. Herausgekommen ist ein neues Stimmungsbarometer. Es zeigt an, dass 34 Prozent der befragten Betriebe das Geschäftsjahr 2022 noch einmal schlechter bewerten als zuvor das auch schon krisengeschüttelte Jahr 2021. Sogar »deutlich schlechter« bewerten es 25 Prozent der Befragten. Und sie erwarten sich keine schnelle Erholung. Im Gegenteil: 38 Prozent der Lebensmittelproduzenten befürchten für 2023 eine weitere Verschlechterung ihrer Lage. Nicht wenige davon glauben darüber hinaus, dass sich die Krise noch mindestens bis 2024 hinziehen wird.

Michael Wimmer ist da optimistischer. Der Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg verkündet, die Talsohle sei erreicht, »die Umsätze steigen wieder«. Er vertraue darauf, dass der Trend zu Biolebensmitteln durch die aktuellen Krisen nur überdeckt sei, dass es zwar eine Delle bei den so lange immer nur gestiegenen Umsätzen gegeben habe, sich der Siegeszug aber nach der Überwindung der derzeitigen Schwierigkeiten fortsetzen werde.

Die zuletzt 9,5 Prozent Rückgang im Biosektor der Hauptstadtregion nennt Wimmer die »erste Wachstumspause«. Vor allem habe sich der Verkauf verlagert: weg vom Biofachhandel hin zu klassischen Supermärkten und Discountern, die inzwischen durch die Bank zumindest eine gewisse Palette an Bioprodukten feilbieten. Hier sei das Gefühl, beim Discounter müsse es ja billiger sein, stärker gewesen bei der Kaufentscheidung, als es von den tatsächlichen Preisunterschieden her gerechtfertigt gewesen wäre, erläutert Wimmer, der sich in der Branche bestens auskennt und viele, wenn nicht alle wichtigen Zahlen im Kopf hat. Er nennt ein Beispiel: Biomilch sei in den Bioläden über Monate hinweg sogar günstiger gewesen als bei den Discountern.

Für die Anbieter von Kisten mit Biolebensmitteln, die Abonnenten nach Hause geliefert bekommen, lief es in der Coronazeit prächtig. Während der Infektionswellen wollten viele Kunden vermeiden, ins Geschäft zu gehen und sich dort womöglich anzustecken. Die Anbieter der Abokisten konnten sich vor Anfragen kaum retten und nicht alle Kundenwünsche sofort erfüllen. Sie verzeichneten Wimmer zufolge 2021 ein stolzes Wachstum von 60 Prozent, 2022 immerhin noch ein Wachstum von 20 Prozent. Da müsse man sich nun darauf einstellen, dass es vorerst nicht mehr in diesem Tempo vorangehe und vorübergehend auch einmal 20 Prozent Einbußen zu verzeichnen seien, macht Wimmer deutlich. Auch Bauernpräsident Wendorff ist überzeugt, dass die Nachfrage nach regionalen und Bioerzeugnissen weiter steigen wird, wenn die Krise erst einmal überwunden ist.

Die Stimmung der Landwirte ist übrigens auch wegen der Personalkosten eingetrübt. Stichwort: gesetzlicher Mindestlohn. Die 2015 in der Bundesrepublik eingeführte Lohnuntergrenze von zunächst 8,50 Euro pro Stunde lag Ende Juni vergangenen Jahres bei 9,82 Euro und stieg in zwei Schritten auf zwölf Euro, die seit 1. Oktober vorgeschrieben sind. Angesichts von Inflation und Preisentwicklung ist allerdings die Frage, wie Beschäftigte mit ihrem Lohn auskommen sollen. Irgendwo muss das Geld ja herkommen, das im Lebensmittelladen für Qualität bezahlt werden soll.

Grüne Woche, Messedamm 22 in Berlin, 20. bis 29. Januar, 10 bis 18 Uhr, am 27. Januar bis 20 Uhr, Eintritt: Tageskarte 15 Euro, ab 14 Uhr und ermäßigt 10 Euro, Familienkarte 31 Euro (maximal zwei Erwachsene und drei Kinder bis 14 Jahre), www.gruenewoche.de

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal