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Flinke Pilzköpfe

Die Endzeit-Serie »The Last of Us« macht mehr aus dem Zombie-Thema als »The Walking Dead«. Nicht nur, weil die Endgegner Pilze sind

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
Duo im Rollentausch: Ellie (Bella Ramsey) und Joel (Pedro Pascal)
Duo im Rollentausch: Ellie (Bella Ramsey) und Joel (Pedro Pascal)

Pilze also, nicht Bakterien, nicht Viren. Wenn die Menschheit ins finale Gefecht mit Mikroorganismen geht, so wirft der rauchende Forscher tonlos in die Runde, wird uns das Reich eukaryotischer Organismen abseits von Tier oder Pflanze erledigen. Wir sehen Minute eins der HBO-Serie »The Last of Us«, als Regisseur Kantemir Balagav dem Publikum einer Talkshow anno 1968 erklärt, Pilze – fürs Überleben in Primaten eigentlich zu wärmeempfindlich – könnten unsere Spezies bedrohen. Durch Klimawandel zum Beispiel. »Und dann?«, fragt der Moderator zwei Minuten drauf ängstlich, worauf sein Gast nüchtern entgegnet: »Wir verlieren!«

Stille im Studio, Sprung ins Jahr 2003. Eben noch feiert der alleinerziehende Joel Geburtstag mit Tochter Sarah, als die Vorhersage Wirklichkeit wird und Pilze vom Typ Cordyceps, im Klimawandel genetisch verändert, menschliche Körper befallen. Nur Stunden später verwandeln die sich in ferngesteuerte Zombies mit dem Ziel, noch mehr menschliche Körper zu befallen, um noch mehr ferngesteuerte Zombies zu produzieren, um noch mehr …

Ein repetitives Horrorszenario, das genau dem Konsolenbestseller »The Last of Us« entspricht. Denn gemeinsam mit Drehbuchautor Craig Mazin (»Chernobyl«) hat sein Entwickler Neil Druckman daraus ein Streaming-Ereignis kreiert, dessen endzeitliche Wucht selbst »The Walking Dead« in den Schatten stellt. Keine fünf Serienminuten nach dem ersten Befall nämlich versinkt die Welt bereits so nachhaltig im Chaos, dass Joel (Pedro Pascal) sein Kind auf der Flucht tödlich verwundet zurücklassen muss und sich 20 Jahre später in einer gepanzerten Sicherheitszone wiederfindet, die zwar Schutz vor Infizierten bietet, aber – so läuft das meistens in Film- und Fernsehdystopien – von einer totalitären Militärjunta regiert wird.

Von Gewalt und Zynismus abgestumpft, kämpft der Schwarzhändler ums Überleben – bis ihm die Widerstandsgruppe Fireflies einen Auftrag erteilt. Joel soll die junge Ellie (Bella Ramsey) aus der Sperrzone in ein Camp schmuggeln, wo Fachleute am Gegenmittel forschen. Anders als 60 Prozent der Bevölkerung hat der Teenager den Befall nämlich überstanden und könnte daher der Schlüssel zum Sieg über die Pilze sein. Warum der Polizeistaat kein Interesse hat, die Pandemie buchstäblich bei der Wurzel zu packen, wird nicht weiter erläutert.

Aber gut – wir befinden uns im Serienkosmos dystopischer Action; da spielen Logikmängel oft eine untergeordnete Rolle. Umso erstaunlicher ist, wie sich nicht nur die Monster vom untoten Personal baugleicher Formate unterscheiden – als anfallende Täter sind befallene Opfer zwar schneller, aggressiver, smarter und auch deshalb brandgefährlicher als branchenübliche Zombies, weil sie ein globales Myzel bilden, das alle miteinander vernetzt. Dennoch nutzt Showrunner Mazin seine sorgsam dekorierten Pilzbestien nur gelegentlich mal als Schockelement.

Wichtiger ist ihm schließlich das Zusammenspiel zweier Hauptfiguren im Umfeld sensationell ausgestatteter Zivilisationsruinen. Unabhängig vom täglichen Kampf für sich und die Menschheit bilden Pascal und Ramsey – vielen bekannt aus der Fantasy-Zombiesaga »Game of Thrones«, wo der chilenische Mittvierziger den Krieger Oberyn spielte und die damals 13-jährige Britin Lady Mormont – ein Duo, das mit spürbarer Spielfreude zwischen Coming of Age und Action wechselt und dabei, wirklich grandios, gelegentlich die Rollen vertauscht.

»Du hast dir das hier selber ausgesucht«, wirft der Teenager dem Erwachsenen vor, als er den Mut verliert. Und was macht dieser Soldat mit Kriegserfahrung? Er nickt. Solche Selbstreflexion männlicher Figuren ist in der Videospielszene fast so selten wie Merle Danbridge als Guerillaführerin Marlene oder Joels unbeugsame Gefährtin Tess (Anna Torv), die zwar offensichtlich nach Schönheitskriterien gecastet wurden, aber durchaus feministische Durchsetzungskraft verkörpern. In einer Story zumal, die sich stets kerndramaturgische Auszeiten gönnt.

Keiner der neun Teile funktioniert dabei nach Kriterien ständiger Steigerungslogik. Jederzeit können lange Passagen fernab katastrophaler Zwänge ablaufen. Dass der Mensch auch hier des Menschen Wolf ist, liegt im Wesen des postapokalyptischen Stoffs. Und dennoch gibt es – Obacht – sogar Situationen, in denen jemand dunkle Häuser durchstöbert und nichts passiert. Vielleicht machen Pilze die Infizierten ja weniger effektorientiert als Viren. Vielleicht hatten die Verantwortlichen von HBO einfach genug von dystopischen Horrorklischees. Da es auch diese gibt, ist in »The Last of Us« aber für fast jeden Geschmack etwas dabei. Außer für Pilzpfannen-Fans vielleicht.

»The Last of Us« ist aktuell bei WOW und Sky Go verfügbar.

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