Moderner Totentanz

Juli Zeh und Simon Urban bewegen sich »Zwischen Welten«

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
"Dieses Buch setzt den Leser auf ein Karussell, das sich immer schneller dreht und am Ende selbst zerstört."
"Dieses Buch setzt den Leser auf ein Karussell, das sich immer schneller dreht und am Ende selbst zerstört."

Auf 444 Seiten ein Dialog per Whatsapp und E-Mail? Das klingt erst einmal nicht nach einem aufregenden epochalen Roman, eher nach dahergewehtem Zeitgeist. Auf den ersten Seiten scheint der eilige Sprechton, mit dem Theresa und Stefan sich reichlich klischeartige Meinungsbrocken zuwerfen, dieses Vorurteil auch nicht zu entkräften. Beide haben sich in Hamburg zufällig wieder getroffen – einen Abend lang heftig gestritten, und nun wollen sie aus der Ferne noch etwas klarstellen, erklären, aber auch frühere Nähe wieder herstellen.

Sie ist Ökobäuerin in Brandenburg und er leitender Redakteur beim »Boten« (der »führenden« Hamburger Wochenzeitung). Beide kennen sich von ihrem Germanistik-Studium in Münster, ein Jahrzehnt zuvor; sie lebten in einer WG zusammen, ohne ein Paar zu werden, was er gern gewollt hätte. Nach dem Tod ihres Vaters brach sie das Studium abrupt ab und übernahm den verwaisten Bauernhof der Familie. Er machte Karriere als Journalist.

Natürlich fragt man sich, warum hier nicht ein echter Dialog von Juli Zeh mit ihrem Mitautor Simon Urban zu lesen ist, so wie dies in Frankreich Michel Houellebecq kultiviert, dessen Gesprächsbücher etwa mit dem Philosophen Bernard-Henri Lévy (»Volksfeinde«) hochspannende Dialoge zur Zeit geworden sind.

Aber dann zeigt sich, warum dieses Buch fiktional, also ein Roman sein muss – eben um den Konfliktkreis auf paradigmatische Weise durchschreiten zu können. Nach spätestens 50 Seiten wird klar: Dieses Buch ist präzise konstruiert, mitsamt wohlkalkulierter plötzlicher Wendungen, fortgesetzter Zuspitzung der Konflikte. Nein, dies ist kein vorhersehbarer Schlagabtausch zwischen (fortschrittlich) urbanem und (rückständig) ländlichem Geist. Hier werden aus Worten Taten, aber auch dies wieder anders als erwartet. Das Selbstverständliche ist nicht länger selbstverständlich. Und das, was sich uns tagtäglich als Fortschritt darbietet, wirkt plötzlich abgehoben wie eine elitäre Blase, grotesk in ihrem egozentrischen Narzissmus. Der Typus Stefan könnte nicht unangenehmer sein, als er hier geschildert wird, ein rücksichtsloser Karrierist, der die »neue Sensibilität« wie eine Waffe im Kampf um den Chefredakteurs-Posten benutzt.

So breitet sich hier nicht weniger als ein Sittenbild des gegenwärtigen Deutschland vor uns aus, mit unübersehbar apokalyptischen Tönen. Wohin soll das führen? Zu einer immer tieferen Spaltung der Gesellschaft, zu sich verfestigenden Parallelgesellschaften, die sich – vorerst noch – verbal bekriegen? Fast möchte man von einem Totentanz sprechen – denn das Ende des Buches ist schockierend grausam und lässt kaum noch Hoffnung.

Stefan erscheint dabei als Mainstream-Boy hoch drei. Er gibt sich politisch korrekt bis zur Absurdität, kann gar nicht genug Gender-Sterne in seine Mails (in seine veröffentlichten Texte ohnehin) streuen, plant eine »Klima-Ausgabe« des »Boten«, die selbstverständlich auch ein sichtbares Zeichen des Antirassismus sein soll. Es kommt die afrodeutsche Carla aus der Berliner Online-Redaktion ins Spiel, die zur Schutzpatronin von zwei hypermachtbewussten jungen Klimaaktivisten wird, die für die »Klimaausgabe« des »Boten« hinzugezogen werden und die gewachsene Hierarchie der Hamburger Zentrale durcheinanderwirbeln. Stefan findet das toll: »Die jungen Journalist*innen von heute sind auf andere Weise selbstbewusst, als wir es damals waren. Sie begreifen sich als Avantgarde, und das bezieht sich nicht nur auf ihre Arbeit, sondern auch auf den Grad ihrer politischen Aufklärung.«

Theresa, die ihren Bauernhof ökologisch führt, also keineswegs von gestern ist, kämpft mit Bürokratie und Ignoranz, die den Bauern das Leben schwer, fast unmöglich macht. Aber dieser harte Existenzkampf (morgens um vier müssen 200 Kühe gemolken werden) kommt bei Stefan nicht vor, das erbittert sie. Stattdessen hört sie lauter abgehobene Diskurse einer degenerierten Luxusexistenz, die immer nur um sich selbst kreist: »Du hast doch die Sprache immer geliebt. Wie kann man sie so verhunzen? Und wem willst Du damit überhaupt etwas Gutes tun? Mir? Ich als Frau kann Dir sagen: Die Emanzipation hat mehr gekostet als ein Sternchen und wird es weiterhin tun.« Und aus Ost-Perspektive setzt sie gleich noch eins drauf: »Bei uns sind die Frauen schon in Vollzeit arbeiten gegangen, als man in Westdeutschland noch als Rabenmutter beschimpft wurde, wenn man sein zweijähriges Kind in die Kita geben wollte.«

Wie wäre es mal mit einer »Agrarbeilage« des »Boten«? Aber das liegt nicht im medialen Trend. Lebensmittel gibt es im Bio-Markt, dafür gibt man als Besserverdiener gern auch mehr aus – aber für die landwirtschaftlichen Produzenten interessiert man sich trotzdem nicht. Das Etikett »Bio« beruhigt das Gewissen und lässt die gehobenen großstädtischen Milieus an ländliche Idylle statt ruinösen Existenzkampf glauben. Theresa möchte gern, dass dazu auch mal andere als bloß »neunzehnjährige Experten« oder die üblichen Lobbyisten und Influenzer in den Medien hörbar werden. Denn es geht um existenzielle Fragen. Sie spürt – das ist ein Thema auch von Juli Zeh »Unterleuten« und »Über Menschen« – eine neue Militanz in der Gesellschaft, die echte Debatten verhindert: »Und verdächtig wird in meinen Augen, wenn sich ein Mainstream entwickelt, der keinen Widerspruch mehr duldet. Wenn Leute (wie du) auf einmal blind werden für Gegenargumente und abweichende Meinungen. Wenn es keine Diskussionen mehr geben soll, sondern nur noch alternativloses Handeln … Mich erschreckt deine Zweifelsfreiheit. Deine feste Überzeugung, stets auf der richtigen Seite zu stehen.«

Doch plötzlich bemerkt auch Stefan, der gern und oft von »meiner Karriere« spricht, dass er in einen Intrigensumpf geraten ist und (mit Mitte 40) im Verteilungskampf beim »Boten« als »alter weißer Mann« schlechte Karten hat. Als der Chefredakteur, Stefans Förderer, den er bewundert, vom medialen Mob mit einer Rufmordkampagne gestürzt wird, ändert sich schlagartig die Situation. Stefan ist zur Stelle, seinen Platz einzunehmen, feiert euphorisch die Umbenennung des traditionsreichen »Boten« zur »Bot*in« und wird dennoch sofort zur Zielscheibe im Kampf um Macht und Aufmerksamkeit. Man hat etwas Belastendes gegen ihn in einer privaten (!) Mail gefunden – er hat offenbar keine Chance. Der an den Rand gedrängte, plötzlich zum Außenseiter gemachte Stefan sieht nun klar, woran er selbst mitgewirkt hat: »Es geht um Rufmord als Event. Aus der digitalen Spaßgesellschaft ist eine Hassgesellschaft geworden. Hass macht Spaß. Eine traurige Erkenntnis … Jetzt erleben wir, was passiert, wenn einer Gruppe übermäßige Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger Abwesenheit jeglicher Kritik zuteil wird.« In den Tiefen des Internets sei ein unkontrollierbares »Monster« gewachsen.

Stefan ist nun bereit, aus dem Medienbetrieb auszusteigen – und vielleicht auch zusammen mit Theresa neu anzufangen. Sie streiten weiter heftig, aber paradoxerweise verbindet sie gerade das. Einen kurzen Augenblick lang zeigt sich ein Hoffnungsfunke. Stefan, nun ganz unten, kommt zu bemerkenswerten Einsichten: »Ich brauche kein neues Leben. Ich will nur, dass man mir das alte nicht kaputt macht. Ich verlange das Selbstverständliche, mehr nicht.«

Doch dann dreht sich die Erzählperspektive. Die den zeitgeistigen »Aktivismus« bislang strikt ablehnende Theresa kämpft mit ihrer zunehmend aussichtlosen wirtschaftlichen Lage als Öko-Bäuerin. Sie sieht sich von der Politik verraten, kommt in Kontakt mit einer radikalen völkischen Protestgruppe. Und Stefan erhält in Hamburg doch noch eine letzte Frist, die »Bot*in« zu leiten, wenn auch nicht mehr allein. Vorerst ist für ihn die Welt wieder in Ordnung, während die ihre unaufhaltsam untergeht.

Dieses Buch setzt den Leser auf ein Karussell, das sich immer schneller dreht und am Ende selbst zerstört. Moralismus erscheint darin als das Gegenteil von verantwortungsbewusstem Handeln, das das Gegenüber mitdenkt und zu Kompromissen fähig ist. Am Ende des Buches fällt das Wort von der »Paranoia«, die keine bloß individuelle mehr ist, sondern eine kollektive.

Harte Dialog-Kost, die aber nie monologisch wird, sondern zu jeder Rede die Gegenrede parat hält, so schwer erträglich sie einem auch im Einzelnen sein mag. »Zwischen Welten« wird so zum hochdramatischen Plädoyer für die Rückkehr zu einer toleranteren Gesellschaft.

Juli Zeh/Simon Urban: Zwischen Welten. Luchterhand, 444 S., geb., 24 €.

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