Medikamente: Jetzt ist es Mangelwirtschaft

Rund 300 Arzneimittel sind nicht erhältlich, Brandenburgs Linksfraktion drängt die Regierung zum Eingreifen

  • Matthias Krauß
  • Lesedauer: 3 Min.
Ob Schmerztabletten oder Fiebersaft: Viele Medikamente sind aktuell Mangelware
Ob Schmerztabletten oder Fiebersaft: Viele Medikamente sind aktuell Mangelware

Den Apotheken im Land Brandenburg geht es gerade nicht gut. Wie der Landtagsabgeordnete Ronny Kretschmer (Linke) am Dienstag in Potsdam sagte, betrifft der Mangel an Arzneimitteln inzwischen schon etwa 300 Präparate und es werden ihm zufolge von Tag zu Tag mehr. »Manche sind schwer verfügbar, manche sind gar nicht zu bekommen.« Auf Antrag der Linksfraktion wird das Thema am heutigen Mittwoch die aktuelle Stunde des Landtags bestimmen.

Apotheker seien in der gegenwärtigen Situation gezwungen, aufwändige Telefonrecherchen vorzunehmen oder auf Alternativen zurückzugreifen, erklärte Kretschmer. Aus seiner Sicht müsste im Landtag darüber nachgedacht werden, wie das Problem jetzt und für die Zukunft gelöst werden könnte. Der Abgeordnete schlug vor, es den Fachleute zu erleichtern, andere Wege zu gehen, also »bürokratische Hürden abzubauen«. Dabei erwähnte Kretschmer die Herstellung von Fiebersäften und Fieberzäpfchen, deren Fehlen sich in den vergangenen Wochen und Monaten gerade für Kinderärzte als äußerst problematisch erwiesen habe. Perspektivisch müsse die Herstellung der wesentlichen Grundstoffe wieder in Europa erfolgen. Noch gebe es Kapazitäten in Berlin und Brandenburg. Die pharmarzeutische Industrie habe hier etwa 10 000 Beschäftigte.

»Ich kann vielleicht Fiebersaft mischen, wenn aber die Grundstoffe fehlen, dann können Apotheker auch selbst keine Medikamente herstellen«, sagte Inken Jung, Sprecherin der Potsdamer Apotheker. Sie nannte die Situation »dramatisch«. Wenn ihre Kollegen statt der fehlenden Medikamente zu eigenen Mitteln greifen wollten, müssten sie aufwändig mit den Ärzten Rücksprache halten, die andere Arzneien verschrieben hätten. Dieser Aufwand werde immer größer. »Ich bin seit 30 Jahren Apothekerin, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt«, klagte Jung. Die internationale Arbeitsteilung habe dazu geführt, dass die Produktion der Wirkstoffe vor allem in China und anderen Staaten in Fernost angesiedelt sei. Vieles, wenn nicht alles fehle in Deutschland. »Wir haben auf diese Entwicklung seit Jahren hingewiesen«, sagte die Apothekerin. Ein Aspekt des Problems seien die »Rabattverträge«, zu denen Krankenkassen die Apotheker in der Vergangenheit gedrängt hätten. Alles werde dem Sparsamkeits- und Billigstreben unterworfen. »Das Korsett wird enger. Qualität aber ist notwendig und sie muss bezahlt werden.« Habe es bereits Opfer gegeben? Das lasse sich von ihrer Warte aus nicht beurteilen, sagte Jung.

Von einem »wirklich ernsten Thema«, einem Zustand, der »so nicht mehr hinnehmbar« sei, sprach auch Grünen-Fraktionschefin Petra Budke. Auch Antibiotika werden ihr zufolge knapp. Budke bedauerte, dass der Vorschlag von Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne), zentral alternative fiebersenkende Mittel herzustellen, vom Bundesgesundheitsministerium abgelehnt worden sei. Zwar handle es sich nicht um ein spezifisch brandenburgisches Thema, doch sprach sich Budke für Versuche aus, »auch auf Landesebene gegenzusteuern«.

»Die Lösung liegt vor allem beim Bundesgesetzgeber«, sagte dagegen SPD-Fraktionschef Daniel Keller, gleichwohl es sich um ein Problem handele, »dass man auch auf Landesebene diskutieren
kann«. Keller verwies auf die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), die Grundstoffproduktion wieder stärker in Europa möglich zu machen.

Für CDU-Fraktionschef Jan Redman ist es »legitim«, die Medikamentenknappheit zum Thema der aktuellen Stunde zu machen. »Wir brauchen hier schnelle Lösungen.« Einen Weg dahin sehe er in der Eröffnung alternativer Möglichkeiten für die Apotheker zur Herstellung von Medizin, erklärte Redmann. »Ich hoffe sehr, dass der Bund diesen Weg eröffnet.«

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