Eine App als Rettungsanker

Die Aufmerksamkeitsökonomie der Internetplattformen treibt manchen Nutzer in die Sucht

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
Per VR-Brille in andere Welten: Dort ist noch alles lustig. Video- oder Online-Spielsucht gehören bereits zum international gültigen Katalog der Gesundheitsstörungen.
Per VR-Brille in andere Welten: Dort ist noch alles lustig. Video- oder Online-Spielsucht gehören bereits zum international gültigen Katalog der Gesundheitsstörungen.

Soziale Medien wie Facebook oder Twitter, Onlinespiele oder Shoppen im Internet – diese Möglichkeiten sorgen nicht nur für Freude. Sie können problematisch werden. Manche Nutzer entwickeln sogar eine Sucht. Dafür gibt es relativ klare medizinische Kriterien, die aber unter Laien, darunter betroffene Angehörige, manchmal umstritten sind. Um hier für mehr Klarheit zu sorgen, organisierten Wissenschaftler unter anderem von der Universität Lübeck kürzlich einen Tag der digitalen Gesundheit. Die Organisatoren sind zugleich an der Scavis-Studie beteiligt, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss für das Gesundheitswesen (G-BA) sowie von mehreren Betriebskrankenkassen gefördert wird. In der Studie geht es um die Versorgung internetbezogener Störungen.

Fünf Milliarden Menschen haben weltweit Zugang zum Internet, durchschnittlich sollen sie sich täglich sieben Stunden online bewegen. Auf das Smartphone wird 58-mal am Tag geschaut, das summiert sich auf über drei Stunden im Mittel. Diese Fakten präsentierte eingangs der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.

Die großen Online-Plattformen wollen unsere Aufmerksamkeit gewinnen. Dazu werden Informationen gefiltert und Nutzer vernetzt – durch Algorithmen. Im Effekt, das wissen alle spätestens seit der Pandemie, entstehen »Blasen« ähnlich denkender Personen; diese befördern die gesellschaftliche Polarisierung. Verschärfen könnte sich das durch die neuen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Schon gibt es rein synthetische Inhalte, nicht nur Texte oder Grafiken, sondern bereits Musikvideos mit scheinbar menschlichen Künstlern – eines präsentierte Yogeshwar in seinem Vortrag.

In Bezug auf exzessive Internetnutzung und die Folgen kursieren verschiedene Begriffe und Kriterien. Lara Basenach von der Freien Universität Berlin nennt Kontrollverlust, Priorität (zum Beispiel das Online-Spielen wird wichtiger als vieles andere) und eine fortgesetzte Nutzung trotz negativer Folgen als Kriterien für Störungsbilder. Während es die Online-Spielsucht (Gaming Disorder) schon in den Katalog medizinischer Diagnosen ICD-11 geschafft hat, ist das etwa für die Sucht, ständig Selfies zu veröffentlichen, noch nicht der Fall.

Eine problematische Nutzung des Internets wird für zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung angenommen, so der Suchtforscher Hans-Jürgen Rumpf. Stark angestiegen ist die Zahl entsprechender Störungen schon zwischen 2011 und 2019, insbesondere unter den Jüngeren, hier bei den Mädchen deutlicher als bei den Jungen. In der Pandemie wuchs der Anteil der Online-Aktivitäten noch einmal, während die Lebenszufriedenheit parallel abnahm. Als einen neuen Trend, wohl auch infolge von Pandemie-Vorgaben, nennt der Psychologe Rumpf das sogenannte Sofalizing – das heißt, soziale Kontakte werden nur noch vom Sofa aus gestaltet, natürlich mit passendem Endgerät.

Wie schaffen es die Anbieter, unsere Onlinezeit immer weiter zu verlängern? Damit hat sich Christian Montag von der Universität Ulm beschäftigt: »Ein Merkmal der Online-Angebote ist zum Beispiel, dass sie kein natürliches Ende haben.« Es gibt nicht, wie bei Buch oder Zeitung, eine letzte Seite, sondern zum Beispiel immer neue Links. Elemente wie die Likes werden zur sozialen Belohnung. Die Angst, etwas zu verpassen, zwingt zu ständigem Prüfen der sozialen Medien.

Wie ist da wieder herauszukommen? Die Nutzer müssen sich eigene Verhaltens- und Tagesstrukturen zurückerobern. Das fängt bei ganz einfachen Dingen an: etwa die Uhrzeit nicht auf dem Handy nachzuschauen. Push-Benachrichtigungen könnten ausgestellt und auf einen Graustufenmodus gewechselt werden. Letzteres macht das Display für unser Gehirn uninteressant und spart Akku-Laufzeit. Darüber hinaus können Betroffene Hilfe in Suchtberatungsstellen suchen.

Am Ende könnte es auch Hilfe per App geben. Die Anwendung Smart@net ist noch in der Entwicklung, es werden weiter Probanden gesucht. Erkennt das Programm bei der Internetnutzung ein Problem, erhalten die Probanden vier Wochen lang personalisierte Rückmeldungen. Einige Teilnehmer mit Auffälligkeiten können kostenlose telefonische Kurzberatungen oder eine Online-Therapie nutzen.

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