Lennard Kämna in Lauerposition

Das Profiteam Bora und Lennard Kämna zeigen beim Tirreno-Adriatico, dass sie diese Radsportsaison große Rundfahrtpläne haben

  • Tom Mustroph, Tortoreto
  • Lesedauer: 5 Min.
Lennard Kämna trumpft in Italien gerade groß auf.
Lennard Kämna trumpft in Italien gerade groß auf.

Voller Freude blickte Lennard Kämna am Donnerstag auf sein frisch erworbenes blaues Trikot. Es zeichnet den Gesamtführenden des Tirreno-Adriatico aus. »Es ist schon etwas Besonderes für mich, das erste Führungstrikot bei einer Rundfahrt«, sagte er versonnen. Das gelbe Trikot der Tour de France hatte er im Sommer letzten Jahres nur um lächerliche elf Sekunden verpasst. Damals fuhr er in einer Fluchtgruppe.

Jetzt in Italien war die Situation grundlegend anders. Kämna hatte sich beim Tirreno mit einem sehr guten Zeitfahren die ideale Ausgangssituation verschafft. Nur Spezialist Filippo Ganna war schneller. Der ist zweifacher Zeitfahrweltmeister, gar fünffacher Weltmeister in der Einerverfolgung auf der Bahn und Olympiasieger im Bahnvierer – das Nonplusultra gegenwärtig im Kraftausdauergeschäft auf zwei Rädern.

Kämna aber war der Beste vom Rest. Das hatte ihn selbst überrascht. »Bestzeit, wie bitte?«, fragte er staunend den nd-Reporter im Ziel der ersten Etappe. Zu dem Zeitpunkt war Ganna noch auf der Strecke.

Die nächsten zwei Tage hielt sich Kämna in Lauerposition. Zwei Sprintetappen änderten nichts am Gesamtklassement. Als der Gesamtführende Ganna aber auf den giftigen Abruzzenhügeln in Tortoreto schwächelte, war Kämna zur Stelle. Auch für den Norddeutschen war der dreimal zu bewältigende Anstieg – drei Kilometer mit sieben Prozent Steigung – kein Zuckerschlecken. »Der letzte Kilometer war sehr hart. Ein paar Jungs haben das vielleicht unterschätzt. Zu denen gehörte ich auch. Das merkte ich bereits bei der ersten Überfahrt. Dann habe ich mich darauf konzentriert, so gut wie möglich hochzukommen«, erzählte er. 

Gedanken ans Führungstrikot hegte er dabei nicht. »Ich habe da nicht mehr viel denken können, außer, dass ich so schnell wie möglich hoch will«, schilderte Kämna seinen Gemütszustand. Er konnte sich noch eine Weile an seinen beiden Teamkollegen Jai Hindley und Alexander Wlassow orientieren. Die kamen ohne Zeitverlust auf Tagessieger Primož Roglič als 9. und 12. des Tages an. Kämna hingegen musste eine Lücke von fünf Sekunden aufgehen lassen. Das reichte dennoch: Dank seines exzellenten Zeitfahrens behauptete er einen Vorsprung vor Roglič und auch vor den beiden Teamgefährten.

Für das Team Bora-hansgrohe ist das eine perfekte Ausgangslage. »Ich wünsche mir, dass unsere drei Leader so lange wie möglich in Schlagdistanz bleiben. Dann haben wir viele Optionen offen«, schilderte Teamchef Ralph Denk gegenüber »nd« die Herangehensweise. Bora hat die Strategie der vielen Kapitäne in den vergangenen zwei Jahren zum Markenzeichen ausgebaut. Der Kader wurde gezielt mit Rundfahrern verstärkt. Es handelt sich dabei zwar nicht um Übertalente von einer Güte wie die Tour-de-France-Sieger Tadej Pogačar oder Egan Bernal. Aber doch um exzellente Fahrer. Und vor allem um solche, die wissen, dass sie von großer Leistungsdichte im Training nur profitieren können.

»Wir haben keine Hierarchie im Team«, stellte etwa Jai Hindley klar. Der Australier gewann zwar 2022 den Giro d’Italia. Er leitet daraus aber keine Sonderstellung ab, denn er siegte vor allem dank einer starken Teamleistung. Unverzichtbar im Mai vergangenen Jahres war vor allem Kämna. »Bei uns kommt es darauf an, wer die besten Beine hat. Für den wird gefahren. Wer keine guten Beine hat, der stellt sich in den Dienst der anderen«, schildert Hindley das Prozedere, von dem er im Mai profitierte und das jetzt vielleicht für Kämna den Ausschlag gibt. Oder für Wlassow, den Dritten im Bunde, der bislang auch einen hervorragenden Eindruck macht. »Was wir machen, ist einfach moderner Radsport«, fasst Teamchef Denk die Strategie zusammen.

Die hat Bora natürlich nicht ganz schnell am Reißbrett entworfen. Vorreiter war das Team Movistar. Beim spanischen Rennstall fuhren die Kapitäne – es handelte sich meist um Alejandro Valverde, Mikel Landa, Enric Mas, Nairo Quintana und Richard Carapaz – aber oft gegeneinander. Einer beschleunigte ausgerechnet in einer Schwächeperiode des anderen. Bora interpretiert das Dreikönigsspiel besser. Die Fahrer achten und schätzen sich gegenseitig. Sie geben offenbar auch intern zu, wenn sie sich nicht so gut fühlen – und bereiten dann unter Einsatz ihrer letzten Kräfte die Attacke des Kollegen vor.

Auch das ist ein Kennzeichen für modernen Radsport. Großen Anteil daran hat Rolf Aldag, der in der vergangenen Saison die sportliche Leitung übernahm. Er formte schon vor anderthalb Jahrzehnten das Team Highroad zu einer verschworenen Truppe. Ähnliches lässt sich jetzt für Bora konstatieren.

Das Konzept der vielen Kapitäne könnte sich in diesem Jahr besonders für Kämna als Trampolin erweisen. Zuletzt galt er bei Rundfahrten eher als Edelhelfer mit einem Fokus auf Tagessiege. In dieser Saison will er aber sein Potenzial als Rundfahrer ausloten und auch mal Gesamtsiege anpeilen. »Ja, es ist der Plan, das auszuprobieren. Wir haben viel in diese Richtung gearbeitet«, bestätigte er. Wie weit der 26-Jährige darin schon ist, werden die nächsten Tage beim Tirreno zeigen. Da werden die Berge höher, die Anstiege länger. »Das ist eigentlich etwas, was mir liegt«, blickte Kämna etwas voraus. Für den Giro ist er als Co-Kapitän schon gesetzt.

Beim Messen seiner Kräfte – sei es jetzt oder in zwei Monaten beim Giro – weiß er aber auch, dass noch ähnlich starke Teamgefährten an seiner Seite fahren. Der Druck, den Erfolg fürs Team zu holen, lastet also nicht allein auf ihm. Vielmehr können sich beim Tirreno Wlassow, Hindley und Kämna gemeinsam zu Höchstleistungen treiben. Im besten Fall geschieht dann etwas wie beim Giro 2022: Die Bora-Fahrer fuhren kollektiv in einen solchen Rausch, dass die Konkurrenz nicht mehr hinterherkam.

Bislang in dieser Saison, das muss auch erwähnt werden, sprang bis auf einen Sprintsieg des Iren Sam Bennett sowie Kämnas Trikotübernahme am Donnerstag, kein Sieg für Bora heraus. Beim Tirreno kommt der wohl härteste Gegner aus Slowenien. Primož Roglič gewann auch die Königsetappe am Freitag, bei der Kämna als Fünfter ins Ziel kam. Durch eine Zeitbonifikation übernahm Roglič das blaue Trikot des Gesamtführenden, Kämna hat als Gesamtzweiter vier Sekunden Rückstand. 

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