Nichts und niemanden vergessen

Ljudmila Ulitzkaja über die Notwendigkeit der Erinnerung

  • Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

In Moskau konnte sie als bekennende Oppositionelle nicht bleiben. Seit Putins Krieg gegen die Ukraine lebt sie in mit ihrem Mann Andrej in Berlin, »einer der ruhigsten, angenehmsten und wohnlichsten Städte Europas«. Findet jedenfalls Ljudmila Ulitzkaja im Vorwort zu ihren autobiografischen Essays. In der tadellosen Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt entführen diese das Lesepublikum in die sowjetische und postsowjetische Wirklichkeit Moskaus, vorrangig aber in das Leben der Autorin und ihrer Familie.

Man taucht ein in eine jüdische Wirklichkeit in einem Land, in dem nicht nur Stalin Juden behindern, verfolgen und umbringen ließ. Das international verbreitetste Wort aus der russischen Sprache ist Pogrom. Zur jüdischen Wirklichkeit in Russland gehörten und gehören aber auch Großzügigkeit, Familiensinn, kulturelle Fortschrittlichkeit und ein mit Heimatliebe verbundener freiheitlicher Patriotismus. An dieser in einer Autokratie immer gefährlichen Grundausstattung änderte sich auch nach der Konversion der 1943 geborenen Autorin zum orthodoxen Glauben nichts. Im Gegenteil: In der Sowjetunion wurden bekennende Orthodoxe verfolgt, jedenfalls an ihrer Religionsausübung elementar gehindert.

Das alles erfährt der Leser in diesem literarisch anspruchsvollen Buch. Bescheiden und in berührender Weise ehrlich schreibt Ulitzkaja in ihrem weltweit hochgeschätzten Stil. Die studierte Genetikerin konnte zwar ihren wissenschaftlichen Beruf aus politischen Gründen nicht lange ausüben, betrachtet und beurteilt die Welt aber weiterhin eher aus der Perspektive eines nachdenklichen Verstehens, frei von irgendeinem Glauben oder einer Ideologie. Verbunden mit einer sich an alle Menschen richtenden Sprache – ihr Markenzeichen. Dazu gehören Humor wie Empörung, aber nie das Vortäuschen von Allwissenheit.

Zu ihren Freunden zählen viele Künstler. An Priester erinnert sie sich ehrfürchtig. Dissidenten bewundert sie, darunter die mutigen Frauen, die gegen die Niederschlagung des ungarischen Aufbegehrens 1956 wie auch des »Prager Frühlings« 1968 protestiert hatten. Im vergangenen Jahr ging sie selbst aus Protest gegen Putins Krieg auf die Straße. Seitdem lebt sie in Berlin, sehnt sich aber nach Zuständen, die ihr die Rückkehr nach Moskau, in ihre Heimatstadt, erlauben.

Die Dimensionen der Freiheit des Individuums in Diktaturen schätzt sie realistisch ein: »Der Menschheit steht eine gewaltige Anstrengung bevor. Sie muss sich von der Idee hierarchischer Machtstrukturen befreien, eine gerechte Verteilung der natürlichen Ressourcen erreichen und eine medizinische Versorgung aller Bedürftigen, unabhängig von ihren Möglichkeiten.« Sie weiß auch: Nichts geht ohne die Erinnerung an Vergangenes. Deshalb wurde in Russland nach der Entmachtung der KPdSU die Organisation Memorial geschaffen.

Ulitzkaja klagt an: »Am 28. Dezember 2021 wurden auf Beschluss des Obersten Gerichts der Russischen Föderation Memorial International und das Menschenrechtszentrum Memorial aufgelöst.« Dies werde Putin auf Dauer nichts nützen, ist die streitbare Autorin überzeugt und prophezeit: »Doch der Prozess ist ihm gewiss! Das Gericht steht bereit, es führt schon Protokoll und erwartet ihn. Fast möchte ich sagen: das Jüngste Gericht!«

Ljudmila Ulitzkaja: Die Erinnerung nicht vergessen. A. d. Russ. v. Ganna-Maria Braungardt.
Hanser, 192 S., geb., 23 €.

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