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Tag der Meere: Viele ungelöste Probleme

Klima- und Umweltschutz kommen sich auf See gegenseitig ins Gehege

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

In dem köstlichen Restaurant in Kellenhusen, einem touristisch geprägten Örtchen am Ostseestrand, wird Dorsch serviert. Doch dieser Fisch wurde nicht von regionalen Fischern geliefert, unter denen Dorsch traditionell als »Brotfisch« gilt, sondern aus dem fernen Atlantik und heißt im Fachjargon Kabeljau. Ausgelöst hat diesen Umweg ein Fangverbot, welches die Fischereiminister der Europäischen Union beschlossen: Seit 2022 ist die gezielte kommerzielle Fischerei auf Dorsch in der westlichen Ostsee verboten.

Solche weitreichenden Beschlüsse der Fischereiminister basieren auf Berechnungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) in Kopenhagen. Der Rat veröffentlicht jedes Jahr einen Ratschlag zum Zustand der Fischbestände und schlägt nachhaltige Fangquoten für das nächste Jahr vor. Nun ist das Meer kein Labor und nicht immer erwiesen sich die datenbasierten Bewertungen als treffsicher. Für den westlichen Dorsch lautet die aktuelle Einschätzung: »Der berechnete Fischereidruck liegt über den Referenzwerten des Konzepts zur Erlangung des höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrages«, so das Thünen-Institut für Ostseefischerei. Das Rostocker Institut berichtet an den ICES-Rat. »Der Dorschbestand hatte zeitweilig nur noch zehn Prozent der durchschnittlichen Nachwuchsmenge produziert – er kollabierte.«

Das Beispiel Dorsch zeigt, wie ernst die Situation einiger Fischbestände ist. Es zeigt aber auch: Es tut sich etwas in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Die warnenden Rufe, die Nichtregierungsorganisationen ausstoßen, erscheinen daher verfrüht. Der Status vieler Fischbestände im Nordostatlantik und angrenzenden Gebieten, wie der überdüngten Ostsee, hat sich in den letzten Jahren verbessert. Durch Beschränkungen der Fischerei zeigt die Biomasse von vielen Beständen einen positiven Trend. Unterschiede in der Entwicklung einzelner Bestände sind jedoch groß und für einige Bestände sogar negativ – wie beispielsweise für den Bruder des Dorsches im Atlantik, den Kabeljau.

Überfischung ist jedoch nur eines der Probleme für den Schutz und die Nutzung unserer Meere. So befasste sich das vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) organisierte 32. Meeresumwelt-Symposium in Hamburg, einem Stelldichein der deutschen maritimen Wissenschaft, mit Munition im Meer, der Speicherung von Kohlendioxid im Meeresboden – laut Weltklimarat ein wichtiger Baustein, um die Erderwärmung zu mindern, aber in Deutschland (noch) verboten –, oder dem Wandel der Biodiversität.

Angepackt, wenngleich noch ungelöst, ist der Ausstoß von Kohlendioxid durch Schiffe. In der EU tragen Kreuzfahrer und Containerfrachter drei bis vier Prozent zu den gesamten CO2-Emissionen bei. Im März haben sich die Unterhändler der EU-Staaten und des Europaparlaments auf eine Verordnung geeinigt, mit der die Treibhausgas-Intensität des Seeverkehrs schrittweise gesenkt werden soll.

Bis 2026 wird die Schifffahrt in den EU-Emissionshandel eingebunden. Die Bepreisung der Emissionen durch Zertifikate, welche Reeder dann erwerben müssen, gilt unter Ökonomen als entscheidender Hebel für die Dekarbonisierung der maritimen Lieferketten. Die Menge der CO2-Emissionen, die von Schiffen freigesetzt werden, soll bis 2025 um zwei Prozent reduziert werden, bis 2035 um 14,5 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent (gegenüber dem Stand von 2020).

Derweil gelangen Millionen Tonnen Kunststoffabfall Jahr für Jahr ins Meer. Der Großteil davon wird aus zehn Flüssen eingespeist. Die liegen zwar überwiegend in Asien. Aber der längste Fluss der Erde, der Nil, fließt ins Mittelmeer, das aus europäischer Sicht besonders interessant ist. Ohnehin haben viele Hersteller von Getränkeflaschen, Chips-Tüten oder Wattestäbchen ihre geschäftlichen Wurzeln innerhalb der EU. In einer Entschließung des EU-Parlaments heißt es, täglich werden »730 Tonnen Abfälle in das Mittelmeer gekippt«. Insbesondere Nano- und Mikroplastik seien für eine Reihe von Meerestierarten sowie für Fischer und Verbraucher »eine ernsthafte Bedrohung«. Trotzdem werden die Unternehmen bislang nicht einmal teilweise in die Pflicht genommen.

Wie so oft steckt auch hier der Teufel im Detail. So warnt der mittelständische Industrieverband Spectaris vor einer falschen Regulierung bei bestimmten Alkylverbindungen, sogenannten PFAS. Die werden nicht allein in Kosmetika, Pfannenbeschichtungen oder Jacken verarbeitet, sondern auch in Hightech-Produkten und Medizintechnik.

Einen noch jungen Krisenherd für die Meeresumwelt bilden Offshore-Windanlagen, die für eine erfolgreiche Energiewende unerlässlich erscheinen. Nirgends kommen sich Klimaretter und Naturschützer so heftig ins Gehege wie beim Meereswind. Flächenfraß durch Windparks und Unterwasserschall, der Fische und Wale irritiert. Vogelflug und gefährdete Fledermäuse sind weitere Stichworte.

Anderseits scheinen einige Arten die neuen Biotope, die riesige Betonbeine und schwimmende Fundamente bieten, zu schätzen. Handfester sind die Erkenntnisse und Regulierungen im Fall des Dorsches. Einen Großteil fingen bislang Hunderttausende Hobbyangler. In diesem Jahr dürfen Freizeitfischer nur noch einen Dorsch pro Tag der Ostsee entnehmen. Guten Appetit.

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