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Sambia hängt am roten Gold

Seit der Unabhängigkeit bestimmt der Kupfergürtel das wirtschaftliche Wohlergehen

  • Martin Ling
  • Lesedauer: 3 Min.
Kupfermine des größten Kupferproduzenten Sambias, Mopani Copper Mines: Als das Land unter Reformdruck geriet, leitete die Regierung 1996 einen Privatisierungsprozess ein, der bis 2000 alle Bergbauanlagen Sambias in die Hände großer internationaler Unternehmen brachte.
Kupfermine des größten Kupferproduzenten Sambias, Mopani Copper Mines: Als das Land unter Reformdruck geriet, leitete die Regierung 1996 einen Privatisierungsprozess ein, der bis 2000 alle Bergbauanlagen Sambias in die Hände großer internationaler Unternehmen brachte.

Selbst der neue Flughafen ist nach dem begehrten Rohstoff benannt: Copperbelt Airport – Flughafen Kupfergürtel. Schlagzeilen machte er schon vor seiner Eröffnung am 5. August 2021, als am Ostersonntag desselben Jahres ein äthiopischer Frachtjet zur Überraschung der dort befindlichen Bauarbeiter auf der noch nicht ganz fertiggestellten Landebahn aufsetzte. Die Bauarbeiter kamen mit dem Schrecken davon. Flughäfen, Wasserkraftwerke, Autobahnen und mehr – solche milliardenschweren Infrastrukturprojekte sind Ausdruck der chinesischen Präsenz. Sambia ist im Rahmen der »Neuen Seidenstraße«, der »One Belt, One Road«-Politik Chinas ein wichtiger Baustein.

Sambias Rohstoffexporte beruhen zu rund drei Vierteln auf Kupfer und Waren aus Kupfer, wie das Länderprofil Sambias des Statistischen Bundesamts zeigt. Damit schwanken die Rohstofferlöse entsprechend der Preisentwicklung bei Kupfer. Seit der Unabhängigkeit 1964 ist die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Sambias eng mit dem roten Gold verbunden. Damals wurden die Minen verstaatlicht und es bildete sich schnell der Kupfergürtel als zentrale Industrieregion des Landes heraus. Die staatlichen Bergbauunternehmen investierten in die Ausbildung der Bergarbeiterfamilien und stellten ihnen umfangreiche soziale Leistungen bereit.

Ein erster tiefer Einschnitt folgte Ende der 1970er Jahre, als die Rohstoffpreise infolge der Erdölkrise fielen. Sambias Einnahmen aus dem Kupferexport brachen drastisch ein und führten die Wirtschaft des Landes und die Bergbauregionen in eine Krise. Auf Anraten des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank nahm Sambia Kredite für den Erhalt der Bergbauunternehmen und Infrastruktur auf. Nachdem das Land zunehmend unter Reformdruck geriet, leitete die Regierung 1996 einen Privatisierungsprozess ein, der bis 2000 alle Bergbauanlagen Sambias in die Hände großer internationaler Unternehmen wie den schweizerischen Konzern Glencore brachte. Aufgrund investorenfreundlicher Bedingungen und eines stark gestiegenen Kupferpreises konnten die Bergbauunternehmen seit 2004 meist hohe Gewinne erzielen. Sie tätigten umfangreiche Investitionen und erhöhten die Kupferproduktion. Gleichzeitig ging die Produktionssteigerung mit gravierenden negativen Folgen für Umwelt und Gesundheit in den Bergbauregionen einher.

Abhängigkeit: G7 versus Globaler Süden: Sambia hängt am roten Gold

Die Aushandlung von Steuervergünstigungen und Praktiken der Steuervermeidung führen dazu, dass der sambische Staat vergleichsweise wenig vom Bergbau profitiert. 2018 monierte das Bergbauministerium, dass mit Kupfer aus Sambia zwar sechs bis acht Milliarden US-Dollar jährlich verdient würden, davon dem sambischen Staat jedoch nur 300 bis 600 Millionen blieben.

Die Steuervermeidungstaktiken von Glencore wurden vielfach kritisiert: Der größte Kupferproduzent Sambias, Mopani Copper Mines, der größtenteils Glencore gehört, verkaufte Kupfer virtuell unter Marktpreisen an Glencore in der Schweiz, was dann zu niedrigeren Steuersätzen durch Glencore weiterverkauft werden konnte. Im Mai 2020 entschied der Oberste Gerichtshof in Sambia gegen diese missbräuchlichen Steuerpraktiken und verurteilte Glencore zu Nachzahlungen.

Wie viele Länder in Subsahara-Afrika hat auch Sambia im Vertrauen auf die Rohstoffreserven des Landes in den vergangenen Jahren begonnen, Kredite am internationalen Kapitalmarkt aufzunehmen, auch um die Infrastruktur für den Kupferexport auszubauen. Doch die sambische Wirtschaft ist gering diversifiziert, fallende Rohstoffpreise setzten Sambia immer weiter unter Druck. Um die Löcher im Haushalt zu stopfen, nahm Sambia immer neue Kredite auf.

Der Weltmarktpreis von Kupfer, einem Metall, unterlag in den vergangenen zehn Jahren enormen Schwankungen. »Mit dem Beginn der Pandemie fiel der Preis auf einen Tiefpunkt, der die schon auf der Kippe stehende Zahlungsfähigkeit noch mehr einschränkte«, heißt es im Schuldenreport 2021. Die Verbindung zwischen Pandemie, Rohstoffpreisen und Verschuldungskrise führte in Sambia zum Zahlungsausfall. Sambia musste als erstes Land aufgrund von Coronafolgen die Zahlungsunfähigkeit erklären – am Freitag, den 13. November 2020 – just an dem Tag, an dem sich die G20-Staaten trafen, um ein Rahmenwerk für Schuldenerlassverhandlungen zu verabschieden.

2019 bis 2021 fielen die Sozialausgaben um mehr als 20 Prozent. Ohne eine rasche und ausreichende Schuldenregelung wird Sambia in der Krise verbleiben. Eine Einigung ist auch mehr als zwei Jahre nach der Zahlungsunfähigkeit nicht in Sicht. Die Gläubiger setzen auf einen hohen Kupferpreis, um das Land weiter auspressen zu können.

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