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Spargel-Saison: Größerer Hof, größere Ausbeutung

Beratungsstrukturen berichten von den Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitskräften in Brandenburger Agrarbetrieben

  • Lola Zeller
  • Lesedauer: 6 Min.

Es ist Spargelzeit und wie jedes Jahr führt das zu Diskussionen rund um Saisonarbeit und Ausbeutung auf den Feldern. Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass die Arbeitsbedingungen bei der Spargelernte oft sehr schlecht sind. Die Berliner Bevölkerung bezieht den regionalen Spargel aus Brandenburg. Obwohl die Hauptstadt ein stark ausdifferenziertes Lebensmittelangebot hat, ist es auch hier gar nicht so einfach, möglichst fair geerntetes Gemüse zu finden.

Ein Beispiel: Die Markthalle Neun in Kreuzberg wirbt damit, Lebensmittel zu verkaufen, die im »respektvollem Umgang mit Mensch, Tier und Umwelt« produziert werden. Ein kurzer Besuch zeigt aber, dass die Produktionsbedingungen des angebotenen Gemüses auch hier nicht so leicht zu ermitteln sind.

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An einem Stand wird zum Beispiel Spargel aus der Prignitz verkauft mit dem Hinweis, dass dieser biologisch und ohne Folie angebaut wird. Angaben zu den Arbeitsbedingungen bekommt man am Verkaufsstand aber nicht. Immerhin ist transparent nachzuvollziehen, welcher Hof den Spargel produziert. Man müsste also beim Hof selbst nachfragen, wie sein Umgang mit den Saisonarbeiter*innen ist.

Der Beelitzer Syringhof wiederum verkauft seinen Spargel selbst in der Markthalle. Er will sich auf nd-Anfrage allerdings nicht zur Saisonarbeit äußern.

Um die Arbeitsbedingungen unter die Lupe zu nehmen und die Saisonarbeiter*innen nach Möglichkeit zu unterstützen, fahren jedes Jahr im Rahmen von sogenannten Feldaktionen Berater*innen, Gewerkschafter*innen und Ehrenamtliche auf die Felder Brandenburgs, informieren in verschiedenen Sprachen über Arbeitsrechte und verteilen entsprechendes Material.

»Wir machen das in den Sprachen, die auf den Feldern gesprochen werden. Das ist zuallererst und mit Abstand in Brandenburg Rumänisch, danach kommt Polnisch und dann Russisch«, sagt Beraterin Magdalena Stawiana von der Fachstelle für Migration und Gute Arbeit Brandenburg. Sie gehört auch zur Initiative »Faire Landwirtschaft« und hat ihre Arbeit am Mittwochabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Berliner Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt.

»Es ergibt sich ein sehr differenziertes Bild der Brandenburger Betriebe«, sagt Stawiana. Die Beraterin berichtet, dass einige der Saisonarbeiter*innen aus Osteuropa, die zur Erntesaison nach Deutschland führen, durchaus positive Erfahrungen teilten. Sie kämen teilweise seit Jahren, auch zusammen mit Familienangehörigen, und könnten sich nicht beklagen. »Es gibt Betriebe, die ihre Saisonbeschäftigten gut zu behandeln wissen.« An die Beratungsstelle würden aber hauptsächlich die negativen Zustände herangetragen. »Es gibt Berichte von sehr schlechten Erfahrungen.« So seien die Verträge der Arbeiter*innen oft nicht in deren Muttersprache verfasst und diese wüssten nicht, was sie da überhaupt unterschrieben. Die Unterkünfte seien zum Teil nicht akzeptabel und »menschenunwürdig«, so Stawiana.

Schlechte Arbeitsbedingungen und Unterbezahlung betreffen nicht nur die Spargelernte, sondern auch andere landwirtschaftliche Erzeugnisse, die aufwendig produziert werden: Erdbeeren zum Beispiel, aber auch Gurken und anderes Obst und Gemüse. Durch die Beratungsstelle können in Einzelfällen durchaus Erfolge für die Arbeiter*innen erzielt werden. So habe sich zum Beispiel nach einer Feldaktion zur Gurkenernte in Südbrandenburg ein ukrainischer Arbeiter gemeldet, dessen Arbeitgeber die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht habe zahlen wollen. Die Beratungsstelle habe sich schriftlich an den Arbeitgeber gewendet, der daraufhin tatsächlich den entsprechenden Lohn gezahlt habe. »Das hat gut funktioniert, hier ging es ganz konkret ums Geld.«

In einem anderen Fall sei die Stelle von einer Gruppe rumänischer Saisonarbeiter*innen kontaktiert worden. Sie hätten von miserablen Zuständen berichtet: Die Unterkünfte seien furchtbar, sie würden Akkordlohn erhalten, aber dieser sei nicht transparent nachzuvollziehen – und weitere Probleme. »Die ganze Gruppe wollte geschlossen wieder abreisen«, sagt die Beraterin. Der Betrieb aber habe das volle Gehalt für die bereits geleistete Arbeit nicht auszahlen wollen. »Wir sind zum Betrieb gefahren, weil wir dort sowieso eine Feldaktion geplant hatten.« Dort hätten sich die Schilderungen der Arbeiter*innen bestätigt, zumindest sofern ersichtlich. Die Unterkünfte zum Beispiel seien tatsächlich so schlimm wie beschrieben gewesen. »Wir sind solange dort geblieben, bis wir sicherstellen konnten, dass der Lohn vollständig ausgezahlt wurde.«

Was sich abseits der negativen Fälle zeige, in denen die Beratungsstelle aktiv werden müsse, sei der enorme Druck, der auf den Landwirtschaftsbetrieben laste und an die Saisonarbeiter*innen weitergegeben werde. »Viele sagen, dass sie spüren, wie es von Jahr zu Jahr schwieriger wird«, sagt Stawiana. Die Weitergabe des Drucks erfolgt beispielsweise durch Akkordarbeit. Grundsätzlich bedeutet das, dass die Arbeiter*innen keinen Stundenlohn erhalten, sondern nach der Menge des geernteten Gemüses bezahlt werden. Umgerechnet auf Arbeitsstunden darf das Gehalt dabei nicht unter den Mindestlohn fallen. Stawiana berichtet davon, wie in manchen Fällen die Arbeiter*innen nicht nach der Gesamtmenge der Ernte bezahlt würden, sondern nur »vermarktungsfähiger Spargel« bezahlt werde. »So wird das wirtschaftliche Risiko, das eigentlich die Betriebe tragen müssen, an die Beschäftigten weitergegeben«, sagt die Beraterin.

Benjamin Luig ist Branchenkoordinator für Landwirtschaft im Gewerkschaftsprojekt »Faire Mobilität« und Koordinator der Initiative »Faire Landwirtschaft«. Auch er nimmt an der Podiumsdiskussion zur Saisonarbeit teil und berichtet von den bundesweiten Zuständen in dem Bereich. »In allen Bundesländern spielen Saisonbeschäftigte eine immer größer werdende Rolle«, sagt er. Unterschiede bestünden derweil zum Beispiel darin, dass in den ostdeutschen Bundesländern größere Landwirtschaftsbetriebe auch eine größere Anzahl an Saisonarbeitskräften beschäftigten.

Grundsätzliches Problem für die Landwirt*innen sei der Konkurrenzdruck auf dem Lebensmittelmarkt. »Im arbeitsintensiven Obst- und Gemüsebereich ist der Lohnkostenanteil sehr hoch«, sagt Luig. Es gebe zu viele Schlupflöcher für die Betriebe, um die Saisonarbeiter*innen auszubeuten und so mit den Lebensmittelpreisen mithalten zu können. So sei es möglich, die Arbeitskräfte bis zu zwölf Stunden am Tag arbeiten zu lassen, während allgemein der achtstündige Arbeitstag gelte. Wenn der Arbeitgeber die Kosten für die Unterkunft nicht im Arbeitsvertrag, sondern in einem separaten Mietvertrag festlege, dann könne er gewissermaßen beliebig hohe Mieten berechnen. »Wir müssen diese Schlupflöcher schließen und brauchen mehr Kontrollen«, sagt Luig.

Um nachhaltige Veränderungen zu erzielen, brauche es die breite gewerkschaftliche Vernetzung und Organisierung. Hauptakteur ist in Deutschland die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). »Die IG BAU versucht, die Saisonarbeiter*innen gewerkschaftlich zu organisieren«, sagt Luig. Das sei schwierig aufgrund der begrenzten Arbeits- und Aufenthaltsdauer in der Saisonarbeit. »Es gibt ein wachsendes Vernetzungspotenzial über digitale Wege.«

Beraterin Stawiana sieht Änderungspotenzial auch in der Öffentlichkeitsarbeit, die im Zusammenschluss unterschiedlicher Unterstützungsstrukturen wie Gewerkschaften und anderer Organisationen möglich sei. »Zusammen können wir mehr Druck ausüben«, sagt sie. Man müsse noch mehr Öffentlichkeit für das Thema schaffen und die Verbraucher*innen dafür sensibilisieren, unter welchen Bedingungen Obst und Gemüse produziert würden.

Zumindest eine kleine Orientierungshilfe aus der Perspektive der Feldaktionen in Brandenburg kann die Beraterin geben: »Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Missstände feststellen, steigt mit der Betriebsgröße.« Auch mit den regionalen Biobetrieben habe man in den vergangenen vier bis fünf Jahren gute Erfahrungen gemacht, dort arbeiteten die Beschäftigten unter »besseren bis viel besseren Bedingungen«.

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