Streik bei Amazon: Kampf gegen den Giganten

Ein erfolgreicher Streik bei Amazon in England könnte der Gewerkschaftsbewegung Aufwind geben

  • Peter Stäuber, Coventry
  • Lesedauer: 8 Min.

Der Streikposten erstreckt sich über mehrere hundert Meter, von der Einbiegung in den Industriepark bis hinunter zum großen »Amazon«-Schild an der linken Straßenseite. In kleinen Gruppen stehen die Angestellten, die Hände in den Hosentaschen. Manche blicken unsicher um sich, als ob sie nicht so richtig wissen, was sie jetzt eigentlich tun sollen. Unter den etwa dreihundert Leuten, die an diesem Morgen die Zufahrt zum Logistikzentrum blockieren, sind viele Streik-Debütant*innen. So ist es jedes Mal, wenn hier protestiert wird: Jeder Streiktag zieht mehr Beteiligte an. Seit der ersten Arbeitsniederlegung vor einem halben Jahr ist der Ausstand in Coventry richtig in Fahrt gekommen.

Einerseits ist ein Streik in diesem Sommer nach zwölf Monaten der intensiven Arbeitskämpfe für höhere Löhne nun wirklich keine Neuigkeit mehr. Die Briten haben im vergangenen Jahr alles gesehen: riesige Streiks, die Teile der landesweiten Infrastruktur lahmlegten, kleine Streiks mit ein paar Dutzend Beteiligten. Müllmänner in orangen Overalls, Anwält*innen in schnittigen Anzügen, Flughafenpersonal auf den Orkney Islands, tausende Grenzbeamt*innen, zehntausende Ärzt*innen, hunderttausende Lehrkräfte und Pflegende: Streiks überall. So häufig waren die Ausstände, dass die britischen Zeitungen in manchen Wochen Tabellen angelegt haben, um zu veranschaulichen, welcher Dienst an welchem Tag ruhen wird.

Wenn man sich jedoch anschaut, was der Aufstand der Lohnabhängigen bislang bewirkt hat, so ist die Bilanz durchwachsen. Manche Gewerkschaften haben zwar signifikante Lohnerhöhungen durchgesetzt, zum Beispiel die CWU, die für die Beschäftigten bei der Post zehn Prozent mehr Gehalt ausgehandelt hat. In anderen Sektoren hingegen waren die Konzessionen an die Angestellten eher dürftig. Die Regierung hat etwa den Gesundheitsangestellten eine einmalige Geldsumme plus eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent offeriert, also weit unter der Inflation, die bei rund zehn Prozent verharrt. Dennoch haben mehrere Gewerkschaften das Angebot angenommen. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn jeder Streiktag bedeutet einen Einkommensverlust; wer Mühe hat, Essen, Strom und Gas zu bezahlen, geht lieber auf Nummer sicher und akzeptiert eine knappe Lohnerhöhung, als dass sie sich auf einen verlängerten Streik mit unsicherem Ausgang einlässt.

Aber wenn größere Erfolge in den Lohnverhandlungen ausbleiben, schwindet die Attraktivität einer Gewerkschaft: Die Angestellten werden sich fragen, ob es sich lohnt, jeden Monat einen Mitgliederbeitrag zu zahlen, wenn sich daraus keine handfesten Vorteile ergeben.

Das erklärt zum Teil, dass die neusten Zahlen zur Gewerkschaftsdichte in Großbritannien recht ernüchternd sind. Ende 2022 zählte die organisierte Arbeiterschaft 6,25 Millionen Mitglieder – 200 000 weniger als im Jahr zuvor. Trotz aller Streiks, trotz der Begeisterung, die das kämpferische Jahr bei vielen ausgelöst hat, zeichnet sich noch kein greifbarer Aufschwung ab, zumindest kein numerischer. Wie der Gewerkschaftsexperte Gregor Gall von der Universität Leeds schreibt, liegt dies zum guten Teil daran, dass die Gewerkschaften ihre Forderungen nicht immer durchsetzen können. »Mangelnder Erfolg ist kein guter Rekrutierer«, schreibt Gall.

Besonders im Privatsektor ist der Organisationsgrad weiterhin gering: Nur 2,4 Millionen Mitglieder zählen die Gewerkschaften hier laut neuesten Statistiken. Das sind gerade einmal 12 Prozent aller Angestellten, so wenige wie noch nie zuvor. Zum Vergleich: Im öffentlichen Sektor ist fast die Hälfte der Angestellten gewerkschaftlich organisiert. Für den Wiederaufbau der Arbeiter*innenbewegung ist es also dringend nötig, dass in privaten Unternehmen mehr Mitglieder rekrutiert werden. Zum Beispiel bei Amazon.

»Was wollen wir?«, fragt eine junge Frau ins Megafon. »15 Pfund!«, ruft die Menge zurück. »Wann?« – »Jetzt!« Die Streikenden haben sich in der Mitte der Straße versammelt und schreiten in einem gemächlichen Protestzug hinunter in Richtung Amazon-Lagerhalle. Das fulfilment centre am westlichen Rand von Coventry, einer ehemaligen Industriestadt bei Birmingham, ist eines der größten im Land. Von hier werden andere Amazon-Depots mit Produkten versorgt, entsprechend ist es von großer logistischer Bedeutung. Die Arbeitsbedingungen sind aber wie in jedem anderen Lager des US-Giganten: Die Angestellten schuften in 10-Stunden-Schichten, hetzen durch die Gänge, nehmen allen möglichen Kram aus den Gestellen, packen ein, packen aus, im Nacken stets der Algorithmus, der jedes kleinste Detail ihrer Arbeit steuert.

Spricht man mit den Streikenden in Coventry, berichten sie vom Stress, unter dem sie leiden, von enormem Zeitdruck und verpassten Toilettenpausen, von Verletzungen am Arbeitsplatz – und von einer Bezahlung, die in keinem Verhältnis zu dieser Belastung steht. Der Stundenlohn liegt derzeit bei etwa 11 Pfund. Als letztes Jahr plötzlich alles teurer wurde, besonders Strom und Gas, aber auch Lebensmittel, kamen viele Angestellte kaum mehr über die Runden. Das Unternehmen offerierte Lohnerhöhungen von 35 bis 50 Pence pro Stunde – jedes Depot setzt Gehälter selbständig fest. Die Angestellten empfanden diese Knauserigkeit als Faustschlag ins Gesicht – immerhin ist Amazon einer der profitabelsten Konzerne weltweit, der Umsatz im britischen Markt betrug 2022 rund 30 Milliarden Dollar.

Der Widerstand begann im August, im Amazon-Lager in Tilbury, an der Themse-Mündung. Nachdem die Angestellten von der Verwaltung über die knappe Gehaltserhöhung informiert worden waren, weigerten sich Dutzende Angestellte kurzerhand, die Kantine zu verlassen. Über die sozialen Medien verbreitete sich die Nachricht im Nu, bald schlossen sich Angestellte in anderen Logistikzentren der spontanen Aktion an. Manche zogen Sitzstreiks auf, andere verließen ihre Arbeitsplätze und protestierten vor den Depots, auch in Coventry.

Als Amanda Gearing davon hörte, fuhr sie schnurstracks hierher. Die GMB-Gewerkschafterin hatte schon ein Jahrzehnt lang versucht, Amazon-Arbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. Aber es ging nur zäh voran, in Coventry stagnierte die Zahl der GMB-Mitglieder bei rund 60 – nicht gerade viel, bei einer Belegschaft von geschätzten 1400 Angestellten. Weil sich jedoch Gearing und ihre Kolleg*innen immer wieder vor den Eingang des Lagers hingestellt hatten, um neue Mitglieder zu werben, kannten die Arbeiter*innen zumindest ihr Gesicht. »Wir fragten die Mitarbeiter, was sie tun wollten, und sie sagten: ›Wir wollen für höhere Löhne protestieren, aber legal‹«, erzählt die 51-jährige Gearing. Denn ungeplante Arbeitsniederlegungen, sogenannte wildcat strikes, sind in Großbritannien nicht erlaubt. »Also erklärten wir ihnen, wie ein Streik funktioniert.«

Innerhalb einer Woche hatte sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Coventry verdoppelt. Wichtig ist laut Gearing, dass der Impuls, den Amazon-Bossen die Stirn zu bieten, nicht von außen kommt, sondern von den Angestellten selbst. Dennoch war es gar nicht so einfach, die Streikabstimmung zu gewinnen. Denn den meisten Angestellten fehlte jegliche gewerkschaftliche Erfahrung. Die große Mehrheit hat einen Migrationshintergrund. Im Lagerhaus würden mindestens acht Sprachen gesprochen, erzählt Gearing. Dass nur die wenigsten Englisch als Muttersprache haben, erschwere die Kommunikation. »Auch stammen viele Angestellte aus Ländern ohne funktionierenden Postdienst, sie hatten keine Ahnung, wie sie ihren Stimmzettel verschicken müssen«, sagt sie. Nach zwei Anläufen klappte es dennoch, das Votum für einen Arbeitsausstand war überwältigend. Am 25. Januar um Punkt Mitternacht marschierten 70 Angestellte aus dem Coventry-Zentrum und stellten sich an den Streikposten. Es war der erste Amazon-Streik in Großbritannien.

Seither haben die Angestellten an 18 weiteren Tagen die Arbeit niedergelegt – und die Gewerkschaft ist stetig gewachsen, sie hat heute rund 800 Mitglieder. Das ist umso bemerkenswerter, weil das Unternehmen nichts unversucht lässt, um die Angestellten einzuschüchtern. Amazon hat vor dem Lager in Coventry Überwachungskameras installiert, erzählt Gearing, die Zahl der Sicherheitsleute habe sich verdoppelt. Gespräche über die Gewerkschaft seien von der Betriebsführung als »Hassrede« klassifiziert worden. Bei den ersten Ausständen seien die Manager am Streikposten auf- und abgelaufen und hätten die Streikenden gefilmt.

Unterdessen haben sich Gearing und ihre Kolleg*innen das nächste Ziel gesetzt: Anerkennung der Gewerkschaft durch Amazon. Das wäre ein folgenreicher Schritt, er gäbe den Angestellten weit mehr Einflussmöglichkeiten. »All die Verstöße gegen die Vorschriften zum Gesundheitsschutz könnten dann formell angefochten werden«, sagt Gearing. »Derzeit kann man sich lediglich beschweren, aber es wird nichts passieren.« Auch könnten sich die Vertreter*innen der Belegschaft regelmäßig mit dem Management zusammensetzen und Forderungen stellen, etwa bezüglich der Löhne.

Wenn an einem Arbeitsplatz mindestens die Hälfte der Belegschaft einer Gewerkschaft angehört, folgt die Anerkennung automatisch. Diese Schwelle war laut GMB schon vor Wochen erreicht, entsprechend hatte sie ein Gesuch bei der Schlichtungsbehörde Acas eingereicht. Aber während die Behörde die Bedingungen für die Anerkennung prüfte, blieb Amazon nicht untätig: In den letzten Wochen sind in Coventry hunderte neue Mitarbeiter eingestellt worden. Laut Gearing ist es ein offensichtlicher Versuch, die Zahl der Angestellten künstlich in die Höhe zu treiben, um die Pläne der GMB zu durchkreuzen – was das Unternehmen bestreitet. Auf jeden Fall wurde die Gewerkschaft so zu einem Rückzieher gezwungen, letzte Woche nahm sie das Gesuch um Anerkennung zurück, zumindest vorerst.

Der Arbeitskampf geht jedoch unvermindert weiter: Am 14. Juni stimmten die GMB-Mitglieder in Coventry für eine Verlängerung des Streiks um 6 Monate, mit 99 Prozent Ja-Stimmen war das Votum überwältigend. Amanda Gearing ist seit 16 Jahren Organisatorin bei der GMB, aber die Kampagne bei Amazon sei ihr »bislang größtes Projekt«. Auch für die gesamte Gewerkschaftsbewegung ist es ein Disput mit Signalwirkung. Nicht nur, weil es um einen der mächtigsten globalen Konzerne geht, der in den vergangenen Jahren enorm an Einfluss gewonnen hat. Sondern auch weil die Klasse der Arbeiter*innen – in Großbritannien wie auch in anderen westlichen Ländern – immer mehr Leute wie jene umfassen wird, die heute vor dem Zentrum in Coventry stehen: jung, ethnisch divers, bislang ohne viel Gewerkschaftserfahrung. Solche Leute zu organisieren, wird entscheidend sein, um die Bewegung dauerhaft zu stärken und gesellschaftlich zu verankern.

Um 8.30 Uhr ist der Protest an diesem Morgen im Mai vorbei, die GMB-Flaggen werden eingerollt. Wieder herrscht bei einigen Neulingen Verwirrung. »Gehen wir jetzt zur Arbeit?«, fragt einer. »Nein, auf keinen Fall!«, antwortet seine Kollegin, die schon bei einigen Ausständen mitgemacht hat. »Heute sind wir im Streik, jetzt gehen wir nach Hause.«

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