Eltern, meidet die Elternabende!

Warum erinnern die politischen Entscheidungsprozesse immer mehr an traumatisierende Elternabende?

  • Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Für die vielen Schülerinnen und Schüler, die diesen Sommer die Schule endgültig verlassen durften, habe ich eine traurige Nachricht: Euer schlimmstes Schul-Erlebnis kommt erst noch, vorausgesetzt, ihr habt mal selbst Kinder. Glaubt mir: Keine Matheklausur, keine Deutschstunde, kein 100-Meter-Lauf kann so schlimm sein wie ein Elternabend. Zumindest dann nicht, wenn ihr mal in einer Stadt wohnt, in der zu viele Akademiker leben.

Bei eurem ersten Elternabend glaubt ihr noch, ihr hättet Pech gehabt. Und dann merkt ihr es: Es gibt tausende Frauen und Männer, die allen Ernstes glauben, dass die Probleme ihrer verzogenen Nachkommen irgendjemanden so sehr interessieren könnten, dass er ihren Monologen bereitwillig zuhört, obwohl die verbale Sturzflut nichts mit den anderen Kindern zu tun hat. Ann-Kathrin fand die Matheklausur zu schwer, die einen 1,5-Durchschnitt hatte? Jannis kann sich trotz Nachhilfe die Französischvokabeln nicht merken? Irgendjemand muss Schuld sein und im Zweifelsfall sind es die Lehrer.

Als ich las, dass eine Mutter aus Konstanz am Anfang der Kette steht, an deren Ende der Beschluss stand, die Bundesjugendspiele künftig ohne Stoppuhren, Maßbänder und Urkunden stattfinden zu lassen, hatte ich sofort ein Bild von der Initiatorin vor meinem inneren Auge. Ich war und bin mir sicher, dass die Frau, die im Juni 2015 die unglückselige Idee hatte, zu twittern (»Heulender Sohn kommt mit ›Teilnehmerurkunde‹ von den Bundesjugendspielen heim. Erwäge Petition zur Abschaffung selbiger. Ernsthaft.«) eine eifrige Elternabend-Monologisiererin ist. Und mit hundertprozentiger Sicherheit ist sie eine Akademikerin. Normale Menschen würden anders reagieren, wenn ihr Kind weint: Sie würden es trösten. Oder mit ihm gemeinsam Sport machen. Soll die Chancen erhöhen, dass es das nächste Mal besser abschneidet. Im Sport, liebe Akademiker, ist es nämlich so wie in anderen Fächern, bei denen ihr tausende Euro in Nachhilfe investiert: Üben erhöht die Chance auf gute Noten. Und bei einer schlechten Note müssen Eltern gar nicht durchdrehen.

Monologisierer denken anders: Sie wollen, dass der Mathelehrer versetzt wird, wenn ihr Kind eine »5« geschrieben hat. Und wenn es etwas so Prolliges spielen darf wie Fußball, braucht es schon eine schriftliche Garantie des Trainers, dass die Mühen mal in der Champions League enden. Wenn das nicht klappt, wird es abgemeldet. In Konstanz gibt es sicher schon Vereine, in denen zur Förderung des Sozialverhaltens in einer Fußball-Jugendmannschaft die Tore abgesägt wurden. Damit die, die immer vorbeischießen, nicht die traumatisierende Erfahrung machen müssen, dass andere treffsicherer sind.

Es gab auch nur 16 000 Menschen, die die Petition unterzeichnet haben. Jede Liste, die die Abschaffung der Schwerkraft fordern würde, hätte mehr Unterstützer. Doch leider reichen heute schon ganz wenige Lobbyisten, um tatsächlich die Gesetzeslage zu ändern. Genau deshalb haben die 16 Kultusministerien auch beschlossen, dass die Bundesjugendspiele (zugegeben: ein bescheuerter Name) künftig ohne den bösen »Leistungsgedanken« stattfinden werden.

Christoph Ruf

Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet hier politische und sportliche Begebenheiten.

Dumm nur, dass Kinder nicht so doof sind, wie manche Erwachsene denken. Auch ohne Maßband und ohne Urkunde werden sie bei den pädagogisch wertvollen Wettbewerben der Zukunft sehen, dass sie kürzer gesprungen sind oder schneller gerannt sind als diejenigen, die vor ihnen dran waren. Es ist schon schade, dass es offenbar fast nur noch Politikerinnen und Politiker gibt, die 0,0002 Prozent der Bevölkerung für so relevant halten, dass sie bundesweit die Schulpraxis ändern – vorausgesetzt, die Lobbys sind penetrant genug. Gilt im Übrigen auch für Schul-Lektüren. Wer laut ist, setzt sich durch. Wie beim Elternabend. Liebe Monolog-Eltern: Wenn mal wieder Elternabend ist, bleibt bitte zu Hause. Schreibt dort keine Petitionen, kümmert euch um euren sensiblen Nachwuchs. Ihr Kind braucht Sie an diesem Abend ganz dringend. Ohne Sie wird es weinen. Dann haben Sie auch schon das Thema für den nächsten Elternabend.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal