Überraschend konservativ: AHNONI

Das neue Album von AHNONI behandelt die ganz großen Fragen

  • Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Auch schon wieder über zehn Jahre her: »My Back Was a Bridge For You to Cross« ist das erste Album, das AHNONI seit 2012 mit ihrer Band The Johnsons eingespielt hat. Dazwischen lagen die unmittelbar aktivistischen Elektro-Sinfonien von »Hopelessness«, 2016, die so klangen, als hätte hier eine Künstlerin eine neue Werkphase eingeläutet.

Die war dann allerdings nur kurz und reicht nun eben genau bis zum Folgealbum. »My Back Was a Bridge For You to Cross« klingt musikalisch überraschend, na ja, konservativ. Zu hören sind weder der alles aufreißende Kammerpop des Durchbruchalbums »I am a Bird Now« noch die fluoreszierende Musik von »Hopelessness«. Sondern Songs, die zwischen loungigem Jazzpop, Indie und Soul hin- und herpendeln. Marvin Gayes »What’s Going On« sei eine der Inspirationen für das Album gewesen, hat AHNONI erzählt, und das hört man vor allem in einem Stück wie »Can’t« oder auch dem Breitwand-Soul, der in »Rest« durchkommt. »Silver of Ice« wiederum erinnert leise an Angelo Badalamentis »Twin Peaks«-Soundtrack.

Ansonsten aber ist auch viel Leichtes, Durchlässiges auf »My Back Was a Bridge For You to Cross« zu hören. Der Opener »It Must Change« gibt die Richtung vor, die die musikalische Reise nimmt. Die Gitarre ist sanft, das Schlagwerk puckert, im Hintergrund zärteln leise Keyboard-Melodien vor sich hin – während die gleichfalls entrückte Stimme Gewichtiges proklamiert. Eine Bitte, aber eigentlich schon ein Abschiedslied: »The way you talk to me / It must change / The things you do to me / The way you leave me / The seeds you give to me / It must change«.

Plattenbau

Die CD der Woche. Weitere Texte unter dasnd.de/plattenbau

Im Zentrum die Stimme, und die ist noch immer einzigartig. Mit konstantem leichtem Tremolo und deswegen allemal fordernd, aber eben nie so ätherisch-engelhaft (und damit entkörperlicht) wie Frauenstimmen sonst oft im Indie-Zirkus sind, sondern mit einer unheimlichen Präsenz.

Die findet ihre Entsprechung in den Texten, die die ganz großen Fragen stellen wollen. Es geht um den Tod und den Verlust geliebter Menschen, um Entfremdung, die Zerstörung der Natur, queere Kämpfe natürlich (auf dem Cover ist ein Porträt der Stonewall-Riot-Aktivist*in Marsha P. Johnson zu finden), den Feminismus der Zukunft, Spiritualität und so Existenzfragen wie »Why Am I Alive Now?«. Eine Antwort auf letztere formuliert der gleichnamige Song nicht, was bleibt, ist so etwas wie eine existenzielle Verlorenheit bei gleichzeitiger Sehnsucht. »Once everything was a part of me / How did I come to be? / Now everything’s gone to the floor / And all I ever want is more«.

ANOHNI and the Johnsons: My Back Was a Bridge for You to Cross (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal